Samstag, 17. Mai 2014

"This man, Hugh Tracey"


Trommeln, Flöten, Zupfinstrumente. Kalebassen, Bambus, verschiedene Holzarten. Und immer wieder ein Singsang, den man als westlicher Zuhörer nicht verstehen kann. Hugh Tracey hat in 50 Jahren Hunderte von Liedern und Rhythmen in Afrika zusammen getragen. Seit Anfang der 30er Jahre fuhr er mit einem umgebauten Kastenwagen durch das südliche und östliche Afrika, von Südafrika hoch bis in den Südsudan. Tausende von Kilometern legte er auf  Straßen, Sandpisten und Steppenboden zurück, um den musikalischen Schatz des Kontinents aufzuzeichnen.

Unterstützt wurde er immer mal wieder von Stiftungen, die seine kulturelle Arbeit wertschätzten. Hugh Tracey gründete in den 50er Jahren die International Library of African Music” ILAM, die noch heute existiert und an der südafrikanischen Universität in Grahamstown angegliedert ist. Dort findet man all seine Acetat Platten und Tonbänder, die er auf seinen Reisen bespielt hat. Dort sind auch die Instrumente gelagert, die Hugh Tracey über die Jahre gesammelt  hat. Dort kann man auch seine Notizen einsehen, die er auf seinen Exkursionen über Musiker, Lieder, Inhalte und Instrumente gemacht hat.

Der Engländer, der schon in den 20er Jahren nach Süd-Rhodesien, dem heutigen Zimbabwe, auswanderte, machte die afrikanische Musik zu seinem Lebenswerk. Ohne Zweifel hat er einen wahren und einmaligen Musikschatz bewahrt. Musik, die heute wohl längst vergessen wäre, wenn er sie nicht unter großen Mühen und Anstrengungen aufgezeichnet hätte, wie Aufnahmen vom Königshof in Ruanda. Doch die Frage muß erlaubt sein, war es das wert? Hugh Tracey veröffentlichte in den 50er Jahren eine eher wissenschaftliche 210 umfassende LP Reihe mit seinen Aufnahmen. Damit richtete er sich an Ethnologen, an Bibliotheken und Universitäten auf der ganzen Welt. Kurz darauf brachte Tracey eine weitere Plattenserie heraus, 20 LPs unter dem Titel “Music of Africa”. Die wissenschaftliche Reihe gab es in einer Kleinstauflage, die eher populär gedachte Serie verkaufte sich im einstelligen Tausenderbereich. Hugh Tracey wurde dadurch etwas bei Jazz Trommlern und Beatniks bekannt.

Doch das war in den 50er Jahren. Der Holländer Michael Baird, geboren in Sambia, hat vor einiger Zeit auf seinem Label SWP Records eine neue Reihe mit Hugh Traceys Aufnahmen veröffenlicht. Er hat die alten Bänder von ILAM ausgewertet und digitalisiert. 22 Cds sind das Ergebnis. Michael Baird ist ein Liebhaber der afrikanischen Musik, er wollte diesen Musikschatz einer neuen Hörerschaft eröffnen, erklärt er. Doch auch er muß zugeben, dass sich jede seiner Cds gerade mal 2000fach verkauft hat.

Hinzu kommt, dass es in Afrika so gut wie keine Archive, Bibliotheken, Sammlungen gibt, die Kultur bewahren. Die jungen Musiker greifen lieber zur Gitarre, spielen Hip Hop, Reggae oder christliche Gospel Musik. Der alte Kram interessiert sie nicht. Die Cds von SWP Records mit Aufnahmen ihrer Vorväter und –mütter kann man in Afrika nicht finden, schon gar nicht kaufen. Ist das bewahren von Musik nur eine westliche Erfindung? Ist Musik vielleicht nur ein vergängliches Kulturgut, dass nach einer bestimmten Zeit vergessen und durch neues ersetzt werden kann?

Ich hoffe es nicht. Musik hat eine besondere Bedeutung im zwischenmenschlichen Leben der Menschen. Egal ob in Afrika, Europa oder sonstwo. Musik ist wohl die einzige globale Sprache, die jeder verstehen kann, der mit offenen Ohren hinhört. Von daher sind Sammlungen, wie die von Hugh Tracey, von größter Bedeutung, denn sie dokumentieren einen Teil Afrikas, der die Menschen in ihrem Alltag zeigt. Es geht nicht um Krisen, Kriege, Korruption, es geht vielmehr in diesen Liedern um die Grundlagen der verschiedenen Kulturen. Um die Gegenwart zu verstehen, um die Zukunft zu meistern, muss man die Vergangenheit bewahren. Musik ist dabei ein kleiner, doch durchaus wichtiger Teil.

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