Mittwoch, 21. März 2018

Motorpsycho – Blissard




Motorpsycho – Blissard


Besetzung (Original Album):

Hans Magnus Ryan – lead guitars, vocals
Håkon Gebhardt – drums
Bent Sæther – lead vocals, bass, acoustic guitar (sic!)


Gastmusiker (Original Album):

Morten Fagervik – keyboards, vibraphone, rhythm guitar, vocals
Helge Sten (Deathprod) – theremin, samples, oscillator
Ole Henrik Moe (Ohm) – violin track 5
Bitten Forsudd – vocals track 4+5
Matt Burt – words, voice track 6
Rolf Yngve Uggen – vocals track 4
M. Banto – pandeira track 7


Label: Stickman Records


Erscheinungsdatum: 1996


Stil: Rock, Progressive Rock


Trackliste:

CD1 (Original Album):

1. Sinful, Wind-Borne (5:19)
2. "Drug Thing" (4:37)
3. Greener (6:14)
4. 's Numbness (3:57)
5. The Nerve Tattoo (4:02)
6. True Middle (4:51)
7. S.T.G. (9:45)
8. Manmower (4:15)
9. Fool's Gold (3:57)
10. Nathan Daniel's Tune From Hawaii (6:11)


CD2 (When The World Sleeps (The KiT-Sessions, 1994)):

1. Stalemate (8:34)
2. Flick Of The Wrist (10:52)
3. When The World Sleeps (5:25)
4. Black W'abbit (13:25)
5. The Ballad Of Patrick & Putrick (7:00)
6. 7th Dream (4:00)
7. Mad Sun (3:25)


CD3 (The Pidah Mixes):

1. Sinful, Wind-Borne (5:21)
2. "Drug Thing" (4:35)
3. Greener (6:10)
4. The Matter With Her (4:58)
5. 's Numbness (3:44)
6. The Nerve Tattoo (4:03)
7. Manmower (4:32)
8. Like Always (4:10)
9. True Middle (4:50)
10. S.T.G. (10:07)
11. Stalemate (5:15)


CD4 (The Ones That Got Away (B-Sides, Rehearsal Tapes, The Atlantis Psychosis Files...):

1. The Nerve Tattoo (4:30)
2. Of Beacons & Beams (1:14)
3. The Wheel (7:44)
4. Pale Day (2:30)
5. Mad Sun (Short Version) (2:29)
6. A Saw Sage Full Of Secretion (1:57)
7. Heaven And Hell (3:54)
8. Sterling Says (4:15)
9. Never Judge (6:32)
10. Baby Scooter (3:05)
11. In The Midst Of All That (1:14)
12. Silver Tongue (6:55)
13. Dave Gave Up (4:41)
14. That Dying Breed (3:46)
15. "Drug Thing" (4:11)
16. A Shortcut To The Stars (5:49)
17. La Luna (4:26)
18. Atlantis Swing (1:40)
19. Familjen Tar Plats I Studion / Fyra Kvällar Session (4:05)
20. Jazz På Trøndska (3:37)

Gesamtspieldauer: CD1 (53:13) und CD2 (52:44) und CD3 (57:51) und CD4 (1:18:46): 4:02:34




„Blissard“ heißt das fünfte Studio-Album der norwegischen Rock Band Motorpsycho und wurde ursprünglich am 16. Februar 1996 auf dem Plattenlabel Stickman Records als Doppel-LP beziehungsweise CD veröffentlicht. Im Jahr 2012 erschien die Neuauflage der Scheibe, dieses Mal inklusive einer umfassenden Erweiterung in Form von drei weiteren CDs, wodurch das Album nun auf eine Gesamtspieldauer von über vier Stunden kommt. Dazu gibt es noch ausführliche Erläuterungen zur Entstehung der Platte sowie alle Texte und Informationen über die beteiligten Musiker.

„Blissard“ ist irgendwie ein seltsames Album geworden. Hört man die ersten drei Stücke, so klingt das Ganze nach Alternative Rock, ohne großartige andere Ansätze wie Psychedelic Rock oder gar Progressive Rock. Das hört sich alles auch nicht schlecht an, trotzdem erwartet man bei einem Motorpsycho Album irgendwie etwas Besonderes und Ausgefallenes. Ein besonders gelungenes Alternative-Rock-Stück ist dabei übrigens das Lied „Greener“. Eine mitreißende Rock-Nummer, aber eben eine Rock-Nummer. „'s Numbness“ wird anschließend mit der Stimme einer alten Frau eingeleitet, die auf Deutsch sagt: „Halte Du den Glauben fest, Angst und Sorge wird’s nicht wenden“. Dann bricht die Nummer los, das ist Punk. Mit diesem Lied kommt es nun zum ersten Stilbruch auf „Blissard“ und der zweite folgt sogleich.

„The Nerve Tattoo“ startet wieder eher wie ein guter Alternative Rock Song, Streicher sorgen dabei für eine klasse Atmosphäre, alles wirkt nett und lieb und plötzlich dreht die Nummer ab – ziemlich zentral in die totale Verwirrung hinein. Bass, Schlagzeug, Gitarren und vor allen Dingen die Streicher scheinen durchzudrehen und das Lied endet in fürchterlichem Chaos. Was anschließend folgt, ist für mich der Höhepunkt der gesamten Platte. Das Lied „True Middle“. Monoton, sanft, sich langsam steigernd, kurzzeitig ausbrechend, dann wieder in den sanften und monotonen Part zurückfallend, sich erneut steigernd und steigernd, um schließlich ebenfalls im Chaos zu enden. Kakophonie at its best. Dazu hört man im ruhigeren Part eine Stimme, jene von Matt Burt, die an die „Telefonstimme“ der australischen Band Flash And The Pan erinnert. Diese Stimme singt auch nicht, sie erzählt. Man hört von tropfender Eiscreme, vom Wasser in der Dusche und von einer Frau, die sich im Wald über die Finger pieselt. Es geht um das Leben, welches für viele Menschen so unerfüllt bleibt und in dem viele, scheinbar unverbundene Zufälle schließlich doch einen Sinn ergeben. In Kombination mit dieser Musik ergibt auch dieser Text einen Sinn – jeder wird ihn für sich finden. Psychedelic Rock eben. Mit „S.T.G.“ folgt sofort die nächste psychedelische Nummer. Auf knapp zehn Minuten gibt es jetzt die gesamte Achterbahnfahrt an musikalischen Emotionen. Von eingängig bis verstörend, von rockig bis sphärisch kumuliert hier eine ganze Palette an Musik. Klasse Nummer.

Der nächste Stilbruch folgt. „Manmower“ ist eine eher sanfte und sehr eingängige Nummer. Alternative Rock der weicheren Art und Weise. Schönes Lied. Doch es wird noch sanfter. „Fool's Gold“ wird zunächst nur noch mit einer akustischen Gitarre instrumentiert, zu der Bent Sæther sehr zerbrechlich klingend singt. Ein paar Tupfer auf dem Banjo von Hans Magnus Ryan lockern das Lied schließlich noch etwas auf. Doch auch dies war noch nicht die letzte Steigerung. Mit „Nathan Daniel's Tune From Hawaii“ steht am Ende der Platte eine über sechsminütige atmosphärische Soundcollage, dunkel und dumpf, mit der die ursprüngliche Platte ganz sanft und ganz lang ausklingt.

Kurz noch ein paar Worte zu den zusätzlichen CDs. CD2, „When The World Sleeps“, die KiT-Sessions aus dem Jahr 1994 enthält Aufnahmen aus der Kunstakademie in Trondheim (Kunstakademiet i Trondheim, kurz KiT). Nachdem es keinen Besucherverkehr mehr gab, wurden die Lieder dort in einem großen und kahlen Raum live eingespielt. Abgemischt wurden sie im Februar und April 1995 sowie im August 2012. Zu hören sind hier sieben Titel, alle sehr dunkel gehalten, durchaus auch mal rockig, jedoch immer mit einer gehörigen Prise Monotonie versehen, die aus der Redundanz der Themen herrührt. Besonders eingängig sind diese Stücke nicht unbedingt, doch dieser psychedelische Moment ist ihnen ganz bestimmt nicht abzusprechen. Höhepunkt hierbei ist die Nummer „Black W'abbit“. Hey, wann hat Monotonie schon jemals interessanter geklungen? CD3 enthält schließlich die PIDAH-Mixe. Die meisten Titel stammen dabei vom offiziellen Album, die Lieder „The Matter With Her“, „Like Always“ und „Stalemate“ ergänzen das Ganze. Pidah-Mix heißt nichts anderes, als dass diese Stücke vom Niederländer Pieter „Pidah“ Kloos im Atlantis Grammofon Studio in Stockholm vom 25. September bis 9. Oktober 1996 etwas anders abgemischt wurden. Der Unterschied zum offiziellen Album ist allerdings nicht zu groß.

Bliebe noch die vierte CD, auf der sich die restlichen Titel der beiden EPs „Nerve Tattoo“ und „Manmower“ befinden („Of Beacons & Beams“, „The Wheel“, „Pale Day“, „Mad Sun“ beziehungsweise „A Saw Sage Full Of Secretion“, „Heaven & Hell“, „7th Dream“, „Sterling Says). Alles noch ganz nett, was allerdings danach kommt sind zumeist qualitativ schlechte Proberaum-Aufnahmen, die eher den Hardcore-Fan oder den Chronisten erfreuen oder gar begeistern dürften.

Fazit: Auch „Blissard“ ist ein überzeugendes Album geworden, welches einige tolle Lieder beinhaltet. Das Besondere an dieser Scheibe sind die vielen Stilbrüche, die hier nacheinander „durchlebt werden müssen“. Zwar gibt es auf „Blissard“ viel Alternative Rock zu hören, doch dann eben auch einige Psychedelic Rock Lieder, die wahrlich lohnen. Noch lohnender wird das Album mit dieser Ausgabe, die mit der zweiten CD noch eine ganze Ladung weiterer Rock-Titel beinhaltet, die dem Psychedelic Rock zugerechnet werden können. Schließlich umfasst diese Version von „Blissard“ auch noch die beiden EPs „Nerve Tattoo“ und „Manmower“. Eine volle Ladung Motorpsycho also, die in den 90er Jahren noch nicht im Progressive Rock angekommen waren. Elf Punkte.

Anspieltipps: Greener, True Middle, S.T.G., Black W'abbit



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