Montag, 13. September 2021

Adelbert von Deyen – Atmosphere

 



Adelbert von Deyen – Atmosphere


Besetzung:

Adelbert von Deyen – micromoog synthesizer, arp odyssey synthesizer, arp sequencer, farfisa organ vip 233, farfisa string-orchestra, hohner electronic piano, electric guitar, gong, violin and voice


Gastmusiker:

Wolfgang Zabba Lindner – drums on “Timemachine” and “Silverrain”


Label: Bureau B (ursprünglich Sky 041)


Erscheinungsjahr: 1980 (Wiederveröffentlichung 2016)


Stil: Elektronische Musik


Trackliste:

1. Time Machine (5:05)
2. Silverrain (4:37)
3. Atmosphere Part 1 (11:10)
I. Sunrise
II. Altitude Flight
III. Astralis
4. Atmosphere Part II (21:44)
I. Skywards
II. Spaces Of Infinity
III. Crystal Clouds
IV. Voices Of Infinity
V. Dawn

Gesamtspieldauer: 42:37



Schön, dass es immer wieder Plattenlabels gibt, die lang nicht mehr aktuelle Platten wiederveröffentlichen. So geschehen auf dem Plattenlabel Bureau B mit Album „Atmosphere“ von Adelbert von Deyen. Der Musiker und Maler und Graphiker verstarb leider am 13. Februar 2018. „Atmosphere“ ist sein drittes Werk in seiner ersten musikalischen Schaffensphase und erschien ursprünglich im Jahr 1980. Diese musikalische Phase endete Ende der 80er Jahre und wurde in einer zweiten Phase in den Nuller-Jahren des 21. Jahrhunderts fortgesetzt.

Auf „Atmosphere“ hört man elektronische Musik, die im Falle der ersten beiden kürzeren Nummern noch rhythmisch untermalt wurde. Wolfgang Zabba Lindner ist hier am Schlagzeuig zu hören, der die Titel etwas nach vorne treibt. Mit „Atmosphere 1“ und „Atmosphere 2“ taucht Adelbert von Deyen dann ganz in die sphärische, atmosphärische Synthesizer-Musik ein. Dementsprechend gut gewählt sind auch die Titelbezeichnungen. Man hört Sequenzer und Lagen von Sound-Teppichen, die übereinandergelegt werden. Stimmungsvoll klingt das auf jeden Fall, wenn man denn auf elektronische Musik Made in Germany steht.

Einiges auf „Atmosphere“ erinnert mich an Klaus Schulze. Trotzdem kopiert Adelbert von Deyen auf diesem Album nicht seinen Berliner Kollegen. Die Musik ist eine Ausweitung, eine weitere Facette jener Musik, die Tangerine Dream und eben besagter Klaus Schulze in den 70er Jahren prägten. Von Melodien oder gar „Ohrwürmern“ kann man dabei also niemals sprechen. Es geht um intensive Stimmungen in der Musik auf „Atmosphere“, die einen in eine nicht fassbare, digitale und vom Synthesizer erschaffene Welt eintauchen lassen.

Fazit: Wer Klaus Schulze und Tangerine Dream mag, wie sie in den 70er Jahren klangen, die oder der wird auch „Atmosphere“ von Adelbert von Deyen mögen. Synthesizer-Musik, stimmungsvoll und atmosphärisch. Den Albumtitel hat Adelbert von Deyen wahrlich treffend gewählt. Zehn Punkte.

Anspieltipps: Atmosphere Part II



Samstag, 11. September 2021

Journey – Departure

 



Journey – Departure


Besetzung:

Steve Perry – lead vocals
Neal Schon – guitars, co-lead vocals on "People And Places", backing vocals
Gregg Rolie – keyboards, harmonica, co-lead vocals on "Someday Soon", backing vocals
Ross Valory – bass guitar, backing vocals
Steve Smith – drums, percussion, backing vocals




Erscheinungsjahr: 1980


Stil: Mainstream Rock


Trackliste:

1. Any Way You Want It (3:22)
2. Walks Like A Lady (3:17)
3. Someday Soon (3:32)
4. People And Places (5:05)
5. Precious Time (4:49)
6. Where Were You (3:01)
7. I‘m Cryin‘ (3:43)
8. Line Of Fire (3:06)
9. Departure (0:38)
10. Good Morning Girl (1:44)
11. Stay Awhile (2:48)
12. Homemade Love (2:54)

Bonus Tracks der remasterten Albumausgabe von 2006:

13. Natural Thing (3:43)
14. Little Girl (5:47)

Gesamtspieldauer: 47:27



„Departure“ heißt das sechste Studioalbum der US-amerikanischen Rockband Journey. Es erschien am 29. Februar 1980 auf dem Plattenlabel Columbia Records. Es war bis dahin das erfolgreichste Album der Band und kletterte immerhin bis auf Platz 8 der US Billboard 200 Charts. Gleichzeitig war „Departure“ das letzte Studioalbum von Gründungsmitglied und Keyboarder Gregg Rolie, der noch im selben Jahr die Band verließ.

Auf „Departure“ hört man AOR, also Adult Oriented Rock beziehungsweise Mainstream Rock, zugeschnitten für eine junge, männliche, US-amerikanische Hörerschaft. Über die Texte muss man bei diesen Bands oftmals kaum ein Wort verlieren. Journey reihen sich hier perfekt ein. Texte über Liebe und Herzschmerz, belanglos und allzu oft dem Kitsch ganz nahe oder sich direkt darin windend. Keine Aussagen, keine Inhalte, Gesang nur, damit es keine Instrumentalnummer wird.

Die Musik plätschert auch eher so dahin. Klar, wer auf Mainstream steht, die oder der wird hier Spaß haben. Schmerzen bereitet das Hören dieser Scheibe auch nicht. Bei dieser Musik allerdings von Hard Rock oder gar Progressive Rock (selbst das habe ich gelesen) zu reden, zeugt von nicht allzu zu großem musikalischem Sachverstand. Vieles spielt sich hier sehr viel eher im Bereich des Soft Rocks ab. Die rockigen Nummern, wie der Opener „Any Way You Want It“ sind auf „Departure“ ganz klar unterrepräsentiert. Und auch wenn es ab und an mal groovt, begeistern kann diese Musik über vierzig Jahre nach ihrem Entstehen heute leider nicht mehr.

Fazit: Mainstream Rock, der keine außergewöhnlichen Ohrwürmer für die Hörerin und den Hörer bereithält, das gibt es auf „Departure“ zu hören. Dazu gesellen sich kitschige Texte, die von einem Mann gesungen fast schon Fremdschämen generieren. Klar, das Album tut nicht weh und man muss auch nicht schreiend den Raum verlassen, wird es aufgelegt – aber es langweilt leider. Fünf Punkte.

Anspieltipps: Any Way You Want It



Donnerstag, 9. September 2021

Steve Hackett – Surrender Of Silence

 



Steve Hackett – Surrender Of Silence


Besetzung:

Steve Hackett – electric & acoustic guitars, 12 string, charango, oriental zither, harmonica, percussion, vocals (1 – 11)


Gastmusiker:

Craig Blundell – drums (5, 6, 10)
Phil Ehart – drums (7)
Roger King – keyboards, programming & orchestral arrangements (1 – 11)
Amanda Lehmann – vocals (2, 4, 6, 9, 10)
Durga McBroom – vocals (4)
Lorelei McBroom – vocals (4)
Malik Mansurov – tar (7)
Jonas Reingold – bass (1, 2, 3, 5, 6, 8, 10)
Ubaidulloev Sodirkhon Saydulloevich – dutar (7)
Nad Sylvan – vocals (5)
Christine Townsend – violin, viola (1, 2, 3, 5, 7, 9, 10)
Rob Townsend – soprano sax, tenor sax, bass clarinet, dizi (5, 7, 9)
Nick D’Virgilio – drums (3, 8)




Erscheinungsjahr: 2021


Stil: Progressive Rock, Weltmusik, moderne Klassik


Trackliste:

1. The Obliterati (2:16)
2. Natalia (6:17)
3. Relaxation Music For Sharks (4:36)
4. Wingbeats (5:19)
5. The Devil‘s Cathedral (6:30)
6. Held In The Shadows (6:20)
7. Shanghai To Samarkand (8:27)
8. Fox's Tango (4:21)
9. Day Of The Dead (6:25)
10. Scorched Earth (6:03)
11. Esperanza (1:04)

Gesamtspieldauer: 57:42



Erst im Januar dieses Jahres war das 26. Soloalbum des ehemaligen Genesis Gitarristen Steve Hackett veröffentlicht worden. Instrumental und akustisch klang dieses, sanfte Musik, die die mediterrane Atmosphäre sehr gut einfing. Und nun folgt Anfang September bereits das 27. Solo-Werk des englischen Musikers und größer hätte der musikalische Kontrast nicht ausfallen können.

Auf „Surrender Of Silence“ hört man eine Mischung aus RetroProg, orchestraler Musik und Weltmusik. Fast schon eine kleine Weltreise unternimmt Steve Hackett auf diesem Album, welche in Pandemiezeiten so sicherlich physisch nicht ganz einfach durchzuführen wäre. Doch Steve Hackett nimmt Hörerin und Hörer mit um die Welt. Man hört indische Klänge, das Trommeln Afrikas, eine Violine aus dem Balkan oder orientalische beeinflusste Klänge. Dazu immer wieder progressive Klänge, die sich durch die allermeisten Stücke ziehen und orchestrale Passagen, sanft intoniert bis bombastisch klingend.

Unterstrichen wird das Ganze zusätzlich durch eine wahrlich breit gefächerte Instrumentierung. Neben den eher konventionellen Rockinstrumenten hört man auf „Surrender Of Silence“ auch eher weniger in der Rockmusik beheimatete Instrumente wie Tar, Dutar und Dizi. Dazu eben jener bereits erwähnte Orchestereinsatz, fetter Orgelsound, Violine, Klarinette und Saxophon und eine Gitarre, die mal sanft erklingt, an anderer Stelle grandios und fast schon zügellos schnell losrockt.

Unglaublich packend und abwechslungsreich klingt dieses Album. Von den zwanzig Steve Hackett Werken, die ich kenne, ist „Surrender Of Silence“ sicherlich die abwechslungsreichste Platte geworden. Dies wird auch durch den Gesang bewirkt. Nicht nur Steve Hackett selbst ist hier für mich sehr überzeugend am Mikrophon zu hören, auch Nad Sylvan kommt beim tollen „The Devil's Cathedral“ zum Einsatz. Und für weitere Abwechslung auch auf der Gesangsseite sorgt vor allen Dingen Amanda Lehmann sowie beim Titel „Wingbeats“ noch die Sängerinnen Durga McBroom und Lorelei McBroom.

Nun, einheitlich klingt „Surrender Of Silence“ ganz gewiss nicht, trotzdem wirken die elf Titel in dieser Zusammenstellung keineswegs konstruiert. Vielmehr hört sich dieses Album nach Aufbruch, nach Vielfältigkeit und nach Optimismus an. Und dies gilt für den kraftvollen Start mit „The Obliterati“, bei dem Steve Hackett sofort zeigt, welch grandioser Gitarrist er immer noch ist, bis hin zum langsam und versöhnlich ausklingenden Ende der Platte „Esperanza“. Aber Halt, eine Nummer fällt dabei auf „Surrender Of Silence“ doch etwas im negativen Sinne aus dem Rahmen. Das bereits erwähnte „Wingbeats“ klingt zwar eingängig, dabei jedoch leider auch ziemlich flach. Musical-Musik, auf die dieses Album gut hätte verzichten können. Doch dies ist glücklicherweise die einzige Nummer, die gegenüber den anderen Liedern des Albums abfällt.

Fazit: Das 27. Soloalbum des Steve Hackett ist sicherlich eines seiner abwechslungsreichsten Platten geworden. Mit inzwischen 71 Jahren beschenkt Steve Hackett seine Fans als einziger Musiker aus dem ehemaligen „Genesis-Kosmos“ noch regelmäßig mit Neuveröffentlichungen. Und dieses Mal hat sich das mit „Surrender Of Silence“ besonders gelohnt. Zwölf Punkte.

Anspieltipps: Natalia, The Devil‘s Cathedral, Shanghai To Samarkand



Dienstag, 7. September 2021

Cheap Trick – Dream Police

 



Cheap Trick – Dream Police


Besetzung:

Robin Zander – lead vocals, rhythm guitar
Rick Nielsen – lead guitar, backing vocals
Tom Petersson – bass guitar, backing vocals, lead vocals on "I Know What I Want"
Bun E. Carlos – drums, percussion


Gastmusiker:

Jai Winding – organ, piano, keyboards, synthesizer
Steve Lukather – guitar on "Voices"




Erscheinungsjahr: 1979


Stil: Rock


Trackliste:

1. Dream Police (3:54)
2. Way Of The World (3:38)
3. The House Is Rockin' (With Domestic Problems) (5:12)
4. Gonna Raise Hell (9:20)
5. I‘ll Be With You Tonight (3:51)
6. Voices (4:22)
7. Writing On The Wall (3:27)
8. I Know What I Want (4:30)
9. Need Your Love (7:40)

Bonus Tracks der remasterten Wiederveröffentlichung aus dem Jahr 2006:

10. The House Is Rockin' (With Domestic Problems) (live) (6:16)
11. Way Of The World) (live) (4:00)
12. Dream Police (No Strings Version) (3:53)
13. I Know What I Want (live) (4:44)

Gesamtspieldauer: 1:04:52



„Dream Police“ heißt das vierte Studioalbum der US-amerikanischen Rockband Cheap Trick. Es wurde am 21. September 1979 veröffentlicht. Es ist das kommerziell erfolgreichste Studioalbum von Cheap Trick und schaffte es bis auf Platz 6 der US-Billboard 200 Charts. In Deutschland erreichte die Platte immerhin Platz 56 der Charts.

Ich hatte damals, Ende der 80er Jahre, einen Freund, der außer AC/DC nur noch Cheap Trick hörte. Etwas überraschend ist dies schon, denn während AC/DC durchaus „spezielle und unverwechselbare“ Musik zur damaligen Zeit erschafften, so hört man von Cheap Trick eher Mainstream Rock. Nun, aber gerade auf „Dream Police“ stimmt das mit dem Mainstream auch nicht so ganz. Die beiden längeren Nummern „Gonna Raise Hell“ und vor allen Dingen „Need Your Love“ zeigen sogar andere Einflüsse. Hier von Progressive Rock zu sprechen wäre sicherlich übertrieben, aber in diesen Liedern wird gerockt und ein Thema beziehungsweise ein Solo ausgelebt. Da ist dann nichts mehr auf „radiotauglich“ getrimmt. Es klingt so, als ob es um die Musik geht – und darum geht es der Band in diesem Moment auch wohl.

Klar sind die bereits genannten Lieder auch die Höhepunkte des Albums. „Gonna Raise Hell“ und „Need Your Love“ sind Höhepunkte im Schaffen von Cheap Trick überhaupt, auch wenn die Band mit anderen Titeln besonders in den Single-Charts erfolgreich war. Von den restlichen Liedern, musikalisch angesiedelt zwischen Rock’n’Roll und natürlich Mainstream Rock, fällt ebenfalls keiner ab, sodass die Platte durchaus Spaß macht. Auch die Zugaben der remasterten Wiederveröffentlichung tragen dazu bei.

Fazit: „Dream Police“ klingt gut und geht ins Ohr. Mainstream Rock eben. Aber auf diesem Album gibt es durchaus noch mehr zu hören. Cheap Trick wagen auch Lieder, die nicht mehr nur radiotauglich sind. In Verbindung zu den anderen Titeln macht das durchaus Spaß. Die Zugaben sind ebenfalls gut gewählt, sodass „Dream Police“ insgesamt hörenswert ist. Neun Punkte.

Anspieltipps: Dream Police, Gonna Raise Hell, Need Your Love



Sonntag, 5. September 2021

Hugo Race – Dishee

 



Hugo Race – Dishee


Besetzung:

Hugo Race – all intruments


Gastmusiker:

Virginia Alexander – gong




Erscheinungsjahr: 2021


Stil: Ambient


Trackliste:

1. So Hung (7:35)
2. Iamur (5:43)
3. Foa (4:00)
4. Akaal (15:21)
5. Blue Pearl (9:00)

Gesamtspieldauer: 41:41



Schon klar, diese CoVid-Pandemie hat natürlich unfassbar stark auch die Künstler getroffen, die einfach um ihre Möglichkeiten des Auftritts gebracht wurden. Vom Verkauf der Tonträger können heute sowieso nur noch die wenigsten Musiker leben, wenn man überall alles herunterladen kann. Zum Teil eben auch illegal und kostenlos. Ich sammele Alben. Platten wie CDs. Für mich ist es was Besonderes diese in den Händen zu halten und mir beim Hören Cover, Credits und nach Möglichkeit auch die Texte mit durchzulesen. Nicht mehr weit verbreitet diese Art des Musikhörens, was ich schade finde…. Aber egal, hier geht es jetzt um „Dishee“, dem neuen Album von Hugo Race.

Nun, dieses klingt keineswegs wie andere Hugo Race Scheiben, denn es ist vollgepackt mit sphärischer Musik, dem Ambient sehr nahe. Keine Melodien, keine Takte, nur ganz viel Atmosphäre, die dabei zum Teil auch noch mit der E-Gitarre bearbeitet wird. Dazu gesellen sich ab und an ein paar Sprachfetzen und das war es. Nicht besonders erwähnen muss man von daher, dass es diese Lieder nicht schaffen ins Ohr zu gehen. Sie laufen ganz einfach nebenher oder man hört sie intensiv auf den Kopfhörern. Zu oft wird dies allerdings wohl niemand machen, denn dazu ist diese Musik leider einfach auch zu langweilig.

Das bedeutet nicht unbedingt, dass das, was man auf „Dishee“ zu hören bekommt schlechte Musik wäre. Aber solch atmosphärische Strömungen lösen eben auch keine Begeisterungsstürme aus, sondern laufen irgendwie so mit, wenn man denn mal wieder die Muße verspürt, die Scheibe aufzulegen. Das war es leider schon, viel mehr gibt es zu dieser zwar stimmungsvoll intensiven Musik nicht zu sagen, die man dann aber trotzdem nicht mehr auflegt.

Fazit: Ambient mit E-Gitarre, so lässt sich dieses neueste Werk des Australiers Hugo Race wohl am besten beschreiben. Keine Melodien, kein Rhythmus. Nicht weiter schlimm, es gibt tolle Alben in diesem Bereich. Doch Hugo Races Musik ist das irgendwie nicht. Und es ist auch nicht „seine“ Musik, denn andere können das besser. Sieben Punkte.

Anspieltipps: Akaal



Freitag, 3. September 2021

Alice Cooper – School‘s Out

 



Alice Cooper – School‘s Out


Besetzung:

Alice Cooper – vocals
Glen Buxton – lead guitar
Michael Bruce – rhythm guitar, keyboards, backing vocals
Dennis Dunaway – bass guitar, backing vocals
Neal Smith – drums, backing vocals


Gastmusiker:

Bob Ezrin – keyboards
Dick Wagner – lead guitar on "My Stars"
Wayne Andre – trombone on "Blue Turk"




Erscheinungsjahr: 1972


Stil: Rock


Trackliste:

1. School‘s Out (3:30)
2. Luney Tune (3:44)
3. Gutter Cat vs. The Jets (4:40)
4. Street Fight (0:53)
5. Blue Turk (5:33)
6. My Stars (5:49)
7. Public Animal #9 (3:54)
8. Alma Mater (4:26)
9. Grande Finale (4:25)

Gesamtspieldauer: 36:58



„School‘s Out“ heißt das fünfte Studioalbum der US-amerikanischen Rockband Alice Cooper. Es erschien im Juni 1972 auf dem Plattenlabel Warner Brothers Records. Produzent der Scheibe war einmal mehr Bob Ezrin und es sollte die bis dahin erfolgreichste Platte der Band werden. Sie kletterte bis auf Platz 2 der US Billboard 200 Charts. Die einzige ausgekoppelte Single und das wohl bekannteste Lied von Alice Cooper, das Titellied „School’s Out“ erreichte Platz 2 der US- Billboard Hot 100 und erklomm sogar die Spitze der UK Singles Charts.

Die Ansätze des Progressive Rocks, die auf den letzten drei Alben zumindest ansatzweise ebenfalls zu hören waren, die gibt es auf „School’s Out“ nicht mehr. Die Musik von Alice Cooper ist insgesamt massenkompatibler geworden, die Experimente bleiben aus. Das sagt aber natürlich noch nichts über die Qualität der Musik selbst aus, die rockig aus den Boxen strömt. Zumeist zudem sehr eingängig und sehr melodiös arrangiert. Solch ein Titel wie „School’s Out“ ist ein Ohrwurm und läuft auch heute noch bei den entsprechenden Radiosendern in der Dauerschleife.

Trotzdem ist die Platte etwas langweiliger geworden als noch die Vorgängerscheiben. Viele der Titel überzeugen nicht mehr restlos und laufen leider einfach nur so mit. So richtige Ausfälle gibt es zwar nicht auf dem Album, doch viele Lieder bewegen sich eben im langweiligen Mainstream, ohne großartige Spuren zu hinterlassen. Das gilt allerdings definitiv nicht für den Titel „My Stars“. Eine rockige Nummer, bei der auch das Piano eine große Rolle spielt und die über einen langen und großartigen „Abspann“ verfügt. Auch vom Mittelmaß ausgenommen ist ganz klar das Lied „Grande Finale“, eine Instrumentalnummer mit reichlich Bläsern, die an amerikanische Filmmusik aus jenen 70er Jahren erinnert. Sehr cool.

Fazit: Auch wenn „School‘s Out“ nicht mehr so progressiv klingt wie manch anderes zuvor veröffentlichte Album von Alice Cooper, so hat es doch auch seine Höhepunkte. Die Musik ist insgesamt massenkompatibler geworden, entspricht mehr dem „allgemeinen“ Geschmack. Lohnenswert ist die Scheibe nichtsdestotrotz und zwar nicht nur aufgrund des bekanntesten Liedes der Band „School‘s Out“. Neun Punkte.

Anspieltipps: School‘s Out, My Stars, Grande Finale



Mittwoch, 1. September 2021

Emel Mathlouthi – The Tunis Diaries

 



Emel Mathlouthi – The Tunis Diaries




Erscheinungsjahr: 2020



Emel Mathlouthi lebt in New York. Ich erreiche sie telefonisch in Paris. Sie ist für ein paar Konzerte in Europa, Kopenhagen, Stockholm, Barcelona. Die in Tunesien geborene und aufgewachsene Emel legt nun mit „The Tunis Diaries“ ein ganz besonderes Album vor. Es ist ein Doppelalbum, das erst einmal nur als Download erscheinen wird.

Sie selbst bezeichnet die beiden Seiten als Tag und Nacht. Der Tag sind ihre eigenen Lieder, die sie neu und „unplugged“ einspielte. Auf die Idee für dieses Album kam sie, als sie nach einem Konzert in Jena Anfang März kurz ihre Familie in Tunis besuchen wollte. Aus ein paar Tagen wurden Monate. Emel war gestrandet, nichts ging mehr. Sie nahm es anfangs gelassen, half ihrem Vater, räumte auf, spielte mit ihrer Tochter und mistete alte Kartons mit Tapes und Schulbüchern aus. Doch dann kam der Punkt, wo sie merkte, die Musik ruft. Sie begann zum ersten Mal vor der Kamera zu spielen und zu singen, alles wurde im Internet gestreamt. „Ich nahm mich auch selbst auf, um zu sehen, was ich falsch mache. Aber mir gefielen einige der Songs richtig gut und ich dachte, ich habe noch nie Lieder akustisch eingespielt und aufgenommen, alles war bislang produziert und arrangiert. Ich dachte mir, das ist vielleicht gute Möglichkeit, produktiv zu bleiben, aber auch mich zum ersten Mal ganz allein aufzunehmen, wie es eben kommt.“

Die Sängerin und Musikerin, die 2006 von Tunis nach Paris zog, nachdem die tunesische Regierung ihre Lieder im Radio und Fernsehen verboten hatte, genoss die Zeit in ihrer Heimat. Sie ist eine bedeutende Stimme in Tunesien, die immer wieder zurückkam und sich mit ihren Liedern in den arabischen Frühling in Tunesien einmischte. Ihre Lieder wurden zu Hymnen. Im März 2011 sang sie während der Proteste im Herzen von Tunis “Kelmti Horra”, My Word is free. Und dann nahm sie den Joan Baez Song „Here’s to you“ auf Arabisch auf und widmete ihn Mohamed Bouazizi, dem Straßenhändler, der sich nach der willkürlichen Beschlagnahmung seiner Waren im Dezember 2010 in Brand setzte und so die breiten Proteste in Tunesien lostrat, die zum „Arabischen Frühling“ in der Region führten. Musik als Zeichen der Hoffnung.

Emel ist eine wichtige Stimme zwischen den Kulturen, zwischen den Sprachen. Sie singt auf Arabisch, auf Französisch, auf Englisch und auf der neuen Platte auch auf Deutsch, ein Lied von Rammstein (Frühling in Paris). Nicht nur, dass sie ihre eigenen Songs auf „The Tunis Diaries“ neu betrachtete und aufnahm, sie hörte sich durch alte Platten und kam auf die „Nacht“ Idee, den zweiten Teil dieses Albums: „Ich habe bewusst mal die Songs rausgesucht, die für mich wichtig waren, die mich als Sängerin und Musikerin beeinflusst haben. Für mich war diese Covid-Zeit genau das, ein Wiedersehen mit all den wichtigen Gefühlen und menschlichen Emotionen. Ich wollte dabei kreativ bleiben, aber auch den Grund der Songs finden. Nach drei veröffentlichten Alben, war ich da, wo ich nicht wusste, was mit der Welt passiert. Ich glaube, ich habe da für mich eine sehr gesunde Plattform gefunden.“ Sie nahm neben dem Rammstein Song auch Lieder von David Bowie, Nirvana, Placebo, Leonard Cohen, Jeff Buckley, The Cranberries, System of a Down und Black Sabbath auf. Gerade „Sabbath Bloody Sabbath“ ist ein unglaublicher Hörgenuss.

Es ist ein bewegendes und sehr nahegehendes Album. Emel schafft es aus diesen bekannten Songs etwas ganz Neues zu machen. Ihre Art der Herangehensweise, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, erinnerte mich an Johnny Cash und seine „American Recordings“. „Stripped down versions“, die ganz neue Seiten eines Liedes offenbaren. „The Tunis Diaries“ ist ein mehr als hörenswertes Ergebnis einer gestrandeten Musikerin. Es zeigt vielmehr eine bedeutende, kraftvolle Stimme, die in diesen verrückten Zeiten Hoffnung gibt.

Dienstag, 31. August 2021

Various Artists – The Harry Smith B-Sides

 



Various Artists – The Harry Smith B-Sides




Erscheinungsjahr: 2020



Doch es gibt auch gute Nachrichten, zumindest solche, die mir wieder näherbringen, wie großartig die Vereinigten Staaten von Amerika sind. Ich liebe Musik, meine erst 45er kaufte ich als Zehnjähriger, kurz darauf meine erste Langspielplatte, damals im Nürnberger Hertie. Über die Jahre wandelte sich mein Geschmack, klar, was ich lieben lernte, waren historische Aufnahmen. Und da sind die USA eine klangliche Goldkammer, denn hier kann man Originalplatten genauso finden, wie hervorragende Wiederveröffentlichungen.

1952 erschien die “Anthology of American Folk Music”. Eine Sammlung amerikanischer Folk Musik, die Harry Smith auf Folkways Records herausbrachte. Musik, die zwischen Ende der 20er und bis Mitte der 30er Jahre auf 78er Schellackplatten veröffentlicht worden war. Diese “Anthology” wurde als “the founding document of the American folk revival” (Greil Marcus) gefeiert, jene Initialzündung für die große Zeit der Folkmusik in den 50er und 60er Jahren, man denke an Pete Seeger, Bob Dylan, Joan Baez und viele andere. Smiths Veröffentlichung beschreibt sicherlich nicht den gesamten amerikanischen Folk Musikbereich.

Vieles wurde ganz ausgelassen, zum Beispiel die Musik der Immigranten, die für sich die frühen Anfänge des Blues, des Country, der Cajun Musik beeinflussten. Aber das sind Feinheiten, die “Anthology of American Folk Music” war und ist eine herausragende Veröffentlichung des 20. Jahrhunderts, die 1997 erneut auf Folkways als CD Box erschienen ist.

Nun hat das kleine, aber sehr feine Independent Label “Dust to Digital” aus Atlanta in jahrelanger Kleinstarbeit die B-Seiten Anthology zusammengestellt. Smith hatte damals die A-Seiten von 78ern genutzt, “Dust to Digital” bringt jetzt die B-Seiten all dieser allen Scheiben heraus. Es ist wie die Vollendung eines Kreises, ein breiteres, ein umfassenderes Klangbild entsteht, dazu die vielen Geschichten und Einordnungen der Musik, der Songs und ihrer Musikerinnen und Musiker, die zum Teil auf Harry Smiths Anthology fehlten. Und ja, nicht alle B-Seiten wurden in dieser 4 Cd Box veröffentlicht, denn einige der Songs waren aus heutiger Sicht mehr als problematisch, offen rassistisch, beleidigend. Also entschloss man sich in letzter Minute, vier Songs aus der Liste zu streichen, und das, obwohl die Paletten mit dem fertigen Produkt im Druckwerk schon zur Auslieferung bereit standen.

Die Reaktionen kamen prompt, das sei eine Neuschreibung der Geschichte, eine “cancel culture”, eine Veränderung von Smiths Originalwerk. Doch davon wollten die beiden Labelbesitzer, Lance und April Ledbetter, nichts hören. Sie wollten einfach nicht in die Situation kommen, dass ihre CD öffentlich in Kneipen oder Cafes gespielt wird und dann problematische Texte erklingen. Da helfe kein “Warning Sticker” auf der Verpackung, keine erklärenden Worte im Begleitbuch, so die beiden. Und April Ledbetter fügt noch hinzu: “We like libraries, but we don’t work at one”, wir lieben Büchereien, aber wir arbeiten in keiner. Als Label habe man eben die Freiheit, nicht eine geschichtliche Vollständigkeit verfolgen zu müssen, sondern eben die Lehren aus der Geschichte ziehen zu können.

Die vier fehlenden Songs tun der Box “The Harry Smith B-Sides” keinen Abbruch. Wer die “Lost Tracks” dennoch haben will, findet sie problemlos online. Es ist erneut eine hervorragend recherchierte, historische Liedersammlung des kleinen Labels, das erst 2003 mit der ersten Veröffentlichung “Goodbye Babylon” auftauchte und seitdem nicht mehr übersehen werden kann. “Dust to Digital” wurde seitdem mehrmals für Grammys nominiert und ausgezeichnet.

Die jüngste Box ist ein Eintauchen in die bewegende, reiche, tiefe Musikwelt Amerikas. “Back to the roots”, beeindruckend aufbereitet, klanglich wie inhaltlich. Selbst 68 Jahre nach der Veröffentlichung der Harry Smith Anthology ist die Musik noch immer mitreißend, erfrischend und einfach gut. Die B-Seiten sind alles andere als ein B-Auswahl, hier spielen Musikerinnen und Musiker mit Herz und Seele, “handmade”, direkt und unmittelbar. Wer in diesen verrückten und unvereinten Tagen, Wochen und Monaten mal wieder etwas sinnvolles und sinnerfüllendes aus Amerika erfahren möchte, der sollte sich diese Sammlung anhören.

Sonntag, 29. August 2021

A.R. & Machines – 14 Pieces For Guitar And Echo Chamber - The Pure Stuff

 



A.R. & Machines – 14 Pieces For Guitar And Echo Chamber


Besetzung:

Achim Reichel – echo guitar (aufgenommen zwischen 1970 und 1974)


Gastmusiker:

Nils Hoffmann – ableton live operator




Erscheinungsjahr: 2017


Stil: Psychedelic Rock


Trackliste:

1. Melodia Echolalia / Melodie Echolalie (1:10)
2. Lost In A Mirror Maze / Verloren Im Spiegelkabinett (2:26)
3. Rockingchair On Cloud 7 / Schaukelstuhl Auf Wolke 7 (3:29)
4. Mermaid In A Whiskeytumbler / Meerjungfrau Im Whiskeyglas (7:02)
5. Perfect World With Little Bugs / Heile Welt Mit Kleinen Fehlern (9:32)
6. Warm Embrace On Thin Ice / Innige Umarmung Auf Dünnem Eis (5:24)
7. This Is Your Wake Up Call / Hier Ist Dein Weckruf (4:06)
8. Zhivago Shankar / Schiwago Shankar (8:27)
9. Echo Boogie (2:12)
10. Innovation Shuffle (2:45)
11. Swingin‘ Message / Schwungvolle Botschaft (1:42)
12. Awakening Beyond Good And Evil / Erwachen Jenseits Von Gut Und Böse (3:43)
13. Psychedelia Instrumenia (3:52)
14. Gentle Growth / Der Sanfte Wuchs (4:22)

Gesamtspieldauer: 1:00:17



Im Rahmen der Wiederveröffentlichung der A.R. & Machines-Alben wurde Achim Reichel seitens der Plattenfirma gefragt, ob er auch noch zusätzliches Material aus der damaligen Zeit beisteuern könnte. Gesagt, getan. Achim Reichel durchforschte sein Band-Archiv, was bereits mehrere Umzüge mitgemacht hatte und fand noch einige Bänder mit alten, damals entstandenen Aufnahmen. Diese wurden überprüft und anschließend, als sich herausstellte, dass sie noch in Ordnung waren, gesichtet.

Auf „14 Pieces For Guitar And Echo Chamber – The Pure Stuff“ hört man nun eine Auswahl jener Aufnahmen, die Achim Reichel 45 Jahre zuvor mit seiner Bandmaschine AKAI X-300S eingespielt hatte. Keine Overdubs, keine Synchronisationen, das pure Zeugs eben.

Die vierzehn Stücke klingen durch eine gewisse Monotonie hypnotisierend und trotz eben jener Monotonie keineswegs langweilig. Gerade für Freundinnen und Freunde der Musik von A.R. & Machines ein schönes Zeitdokument, um die Ursprünge dieser Musik kennenzulernen und zu verstehen.

Fazit: Ein musikalisch-historisches Zeitdokument, das zeigt, welche Klänge der Musik von A.R. & Machines zu Grunde liegt. Sicherlich nicht essentiell, trotzdem gerade für Fans der damaligen Musik eine schöne Zugabe. Neun Punkte.

Anspieltipps: Schiwago Shankar



Freitag, 27. August 2021

Leprous – Aphelion

 



Leprous – Aphelion


Besetzung:

Einar Solberg – vocals/keys
Tor Oddmund Suhrke – guitars
Robin Ognedal – guitars
Simen Børven – bass
Baard Kolstad – drums


Gastmusiker:

Raphael Weinroth-Browne – cello
Chris Baum – violin
Blåsemafiaen – brass




Erscheinungsjahr: 2021


Stil: ArtPop, ProgMetal


Trackliste:

1. Running Low (6:30)
2. Out Of Here (4:15)
3. Silhouette (3:44)
4. All The Moments (6:52)
5. Have You Ever? (4:41)
6. The Silent Revelation (5:45)
7. The Shadow Side (4:28)
8. On Hold (7:48)
9. Castaway Angels (4:53)
10. Nighttime Disguise (7:04)

Gesamtspieldauer: 56:04



„Aphelion“ heißt das siebte Studioalbum der norwegischen Band Leprous. Es erscheint am 27. August 20121 auf dem Plattenlabel InsideOut Musik und darauf hört man wie die Norweger ihren Weg konsequent weitergehen. Weiter weg vom ProgMetal hin zu eher symphonischen Prog, eingängig und oftmals regelrecht hymnisch.

Einar Solberg nutzte die Corona-Pandemie, um neue Titel zu schreiben, nachdem die geplante Tournee aufgrund eben jener Pandemie abgesagt werden musste. Zuerst war auch nur eine EP geplant gewesen, doch dann entschied man sich um, genügend Zeit stand ja zur Verfügung und schrieb genügend Material für ein vollständiges Album. Der Prozess des Komponierens unterschied sich allerdings von den vorherigen Veröffentlichungen. Einige der Titel wurden im Studio improvisiert, einige hatte Einar Solberg zu Hause geschrieben und sie wurden anschließend gemeinsam ausgearbeitet. Und laut Aussage von Einar Solberg wurden beim Komponieren mancher Titel sogar die Fans mit einbezogen. So entstand Lied für Lied, bis sich alles als großes Ganzes zusammenfügte.

Einar Solberg greift in seinem Songwriting inhaltlich auf das vorherige Album zurück. Zum Inhalt sagt der Musiker: „Bei „Aphelion“ geht es um die psychische Gesundheit und um Angstzustände, mit denen ich vor allem in den letzten Jahren zu kämpfen hatte. „Pitfalls“ war eher die erste Phase davon, so nach dem Motto 'Oh, womit habe ich es hier zu tun?' Sich tief in Angst und Depression zu verstricken, fühlte sich wie eine neue Sache an. Auf diesem Album habe ich mich viel intensiver damit beschäftigt, wie man damit umgeht und wie man allmählich davon wegkommt, zumindest bis zu dem Punkt, an dem es das Leben nicht mehr beherrscht. Sowohl „Pitfalls“ als auch „Aphelion“ sind sehr persönliche Alben, vielleicht die einzigen wirklich persönlichen Alben, die wir je gemacht haben. Früher haben wir viel mehr aus einer allgemeinen Position heraus geschrieben. Aber bei diesem Album sind die meisten Texte aus meiner Perspektive geschrieben, so dass ich das Gefühl habe, dass es für jeden viel einfacher sein wird, zu verstehen, was wir sagen.

Die Musik auf „Aphelion“ klingt jederzeit packend, eingängig und melodiös. Sie wirkt vom ersten bis zum letzten Akkord und wer „Pitfalls“ mochte, wird sicherlich auch an „Aphelion“ Gefallen finden. Dieser fast schon theatralische Gesang in Verbindung mit den symphonischen Passagen und harten Rock Riffs, das hat was. Die Lieder wirken allesamt und gehen ins Ohr – ohne Ausnahme. Es ist auch diese Mischung aus härteren Abschnitten und den schwelgerischen Arrangements, die die Musik von Leprous auf „Aphelion“ so abwechslungsreich erklingen lassen. Festzuhalten bleibt allerdings auch, dass die Musik der Norweger nur noch wenig mit jener zu Beginn der Karriere von Leprous zu tun hat. Nicht mehr der ProgMetal steht im Vordergrund, auch wenn er noch vorhanden ist. Es sind diese schwelgerischen Momente, die das Album dominieren. Am ehesten an die ersten Alben der Band erinnert da noch das letzte Stück auf „Aphelion“, die Nummer „Nighttime Disguise“. Das epische Ende dieses Stücks allein wird allen ProgMetal-Fans das Herz höherschlagen lassen.

Fazit: Leprous klingen auf „Aphelion“ durchaus vergleichbar wie auf dem Vorgängeralbum. Textlich besteht auch eine Verbindung zwischen diesen beiden Alben. Der Gesang des Einar Solberg in Verbindung mit harten Riffs und orchestralen Momenten macht das Album aus und die Musik der Band unverwechselbar. Mich unterhält das sehr. Elf Punkte.

Anspieltipps: Nighttime Disguise



Mittwoch, 25. August 2021

Neal Morse Band – Innocence & Danger

 



Neal Morse Band – Innocence & Danger


Besetzung:

Neal Morse – vocals, guitar and keyboards
Mike Portnoy – drums
Randy George – abss
Eric Gillette – guitar and vocals
Bill Hubauer – keyboards and vocals




Erscheinungsjahr: 2021


Stil: Rock, Progressive Rock


Trackliste:

CD1:

1. Do It All Again (8:53)
2. Bird On A Wire (7:22)
3. Your Place In The Sun (4:12)
4. Another Story To Tell (4:50)
5. The Way It Had To Be (7:14)
6. Emergence (3:12)
7. Not Afraid Pt. 1 (4:53)
8. Bridge Over Troubled Water (8:08)

CD2:

1. Not Afraid Pt. 2 (19:30)
2. Beyond The Years (31:22)

Gesamtspielzeit CD1 (48:47) und CD2 (50:52): 1:39:40



Mit „Innocence & Danger“ veröffentlicht Neal Morse, dieses Mal unter der „Überschrift“ NMB, sein viertes Album mit seiner Band. „Innocence & Danger“ erscheint am 27. August auf dem Plattenlabel InsideOut Music in Form eines Doppelalbums. Nachdem die beiden vorherigen Alben der Neal Morse Band Konzeptalben waren, handelt es sich dieses Mal bei den Liedern auf dem Album um eine Reihe von nicht zusammenhängenden Songs.

Neal Morse ist wahrlich rege mit seinen Veröffentlichungen, wie seine letzten Alben mit Transatlantic, unter seinem Namen Neal Morse und ein weiteres „Worship“-Album belegen, die alle 2020 und 2021 erschienen. Auf „Innocence & Danger“ hört man dabei typische Neal Morse Musik. Das ist auch auf dieser neuen Veröffentlichung eine Mischung aus zum Mainstream tendierender Rock und dann doch wieder progressiver Rock, der sehr viel komplexer und anspruchsvoller erklingt. Diese Mischung macht die Musik des ehemaligen Spock’s Beard Masterminds aus und weiß auch auf „Innocence & Danger“ zu überzeugen.

Die Lieder gehen ins Ohr und sehr viele Durchläufe benötigt man hierfür nicht, um Gefallen an den Titeln zu finden. Gerade in der Mitte der ersten CD finden sich allerdings viele Lieder, die Freundinnen und Freunde der progressiven Musik des Neal Morse etwas ratlos zurücklassen dürften. Zu viel Risiko geht die Band hier nicht ein, dafür lässt sie die Musik für eine deutlich größere Hörerschaft erschließbar werden. Gut zu konsumieren und dabei immer eingängig und melodiös klingend. Spaß macht hier das Zuhören auch, wenn man es eigentlich etwas frickeliger liebt.

Mit der Cover-Version des Simon & Garfunkel Liedes „Bridge Over Troubled Water“ läutet die Neal Morse Band dann allerdings endgültig den Progressive Rock ein, der schließlich auf der gesamten zweiten CD im Mittelpunkt steht. War „Not Afraid Pt. 1“ auf der ersten CD noch eine sanfte und eingängige Nummer, welche melodiös das Ohr umspielte, so changiert das fast zwanzigminütige „Not Afraid Pt. 2“ mit den Stimmungen, Atmosphären, Tempi und Rhythmen. Ein wilder Ritt durch verschiedene Phasen des Liedes beginnt, der immer wieder Neues bereithält. Schließlich mündet das Album im längsten Lied „Beyond The Years“, einem progressiven Epos. Dies wird orchestral eingeleitet und hier ziehen die Musiker schließlich alle Register ihres Könnens. Fast zweiunddreißig Minuten RetroProg der begeisternden Art, abwechslungsreich und jederzeit packend. Alle Stilmittel, die ein Lied dieses musikalischen Genres benötigt, sind hier vorhanden. Und nun kommen absolut auch jene Hörerinnen und Hörer auf ihre Kosten, die die Musik von Neal Morse aufgrund seiner musikalischen Wurzeln bei Spock’s Beard zu schätzen oder gar zu lieben gelernt haben. Begeisternd.

Fazit: Mit fast einhundert Minuten Spielzeit bekommt man auf „Innocence & Danger“ viel Musik geboten. Einige davon spielt im Mainstream des Rocks, anderes ist Progressive Rock der noch ein wenig mehr begeisternden Sorte. Und genau diese Passagen und Lieder lassen „Innocence & Danger“ zu einem guten und überzeugenden Album werden. Wer allgemein die Richtung mag, in die die Musik von Neal Morse tendiert, der wird auch Spaß an dieser neuen Veröffentlichung haben. Auch wenn die weiteren beteiligten Musiker sich ebenfalls stark in das Album einbrachten, so bleibt es doch dabei, Neal Morse macht eben Neal Morse Musik. Elf Punkte.

Anspieltipps: Beyond The Years



Montag, 23. August 2021

Little Feat – The Last Record Album

 



Little Feat – The Last Record Album


Besetzung:

Paul Barrère – guitar, vocals
Sam Clayton – congas
Lowell George – vocals, guitar
Kenny Gradney – bass
Richard Hayward – drums, vocals
Bill Payne – keyboards, synthesizer, vocals


Gastmusiker:

Valerie Carter – backing vocals ("Long Distance Love" and "One Love Stand")
John Hall – guitar ("All That You Dream")
Fran Tate – backing vocals ("Long Distance Love" and "One Love Stand")




Erscheinungsjahr: 1975


Stil: Blues Rock, Funk


Trackliste:

1. Romance Dance (3:50)
2. All That You Dream (3:52)
3. Long Distance Love (2:42)
4. Day Or Night (6:26)
5. One Love Stand (4:25)
6. Down Below The Borderline (3:45)
7. Somebody‘s Leavin’ (5:08)
8. Mercenary Territory (4:23)

Gesamtspieldauer: 34:34



„The Last Record Album“ ist der Titel des fünften Studioalbums der US-amerikanischen Rockband Little Feat. Die Platte erschien am 17. Oktober 1975 auf dem Plattenlabel Warner Brothers Music und kletterte in den US Billboard 200 Charts bis auf 36. Platz.

„The Last Record Album“ ist ein kurzes Album geworden. Gerade mal acht Titel befinden sich darauf bei einer Gesamtspielzeit von etwas über 34 Minuten. Die Musik changiert zwischen Blues und Funk und schafft es an keiner Stelle zu begeistern – außer man ist wohl eingefleischter Little Feat Fan. Nichts klingt packend, nichts hört sich eingängig an und nichts verbleibt nach dem Ausklingen im Ohr.

Es mag sicherlich sein, dass mir das Blues-Gen, falls es dieses gibt, fehlt. Genauso verhält es sich bei mir leider auch in Bezug auf Funk. Beide musikalische Genres gibt es auf „The Last Record Album“ zu hören – über eine halbe Stunde lang. Doch wenn einen die Musik nicht packt, so gar nicht begeistert, wird es schwer hier zuhören zu wollen. Selbst das Benennen eines Höhepunktes fällt mir da sehr schwer. Um doch eines zu erwähnen sei hier auf die Nummer „All That You Dream“ verwiesen, die bei vielen Fans hoch im Kurs steht, wie ich nachlesen konnte.

Fazit: Blues und Funk in Kombination ist mal was anderes. Leider nicht meine Mischung. Für mich ist die musikalische Qualität von Little Feat nochmals gesunken, vergleiche ich diese Scheibe mit ihren vorherigen Veröffentlichungen. Für Fans, Nostalgiker oder auch Musikforscher wohl geeignet. Für Menschen, die diese Lieder in der heutigen Zeit zum ersten Mal hören wohl weit weniger gefällig. Drei Punkte.

Anspieltipps: All That You Dream



Samstag, 21. August 2021

Long Distance Operators – Long Distance Operators




Long Distance Operators – Long Distance Operators



Der Name Hugo Race ist wahrscheinlich nicht vielen geläufig. Doch der Australier Hugo Race ist seit über 30 Jahren eine feste Größe im Independent Musik Bereich. In seinem jüngst erschienenen Buch „Road Series“ beschreibt er seine vielen Projekte und Kollaborationen in zahlreichen Ländern. Lange Zeit lebte und arbeitete Race auch in Berlin. Nun legt er ein neues Album vor, diesmal tat er sich mit der Belgierin Catherine Graindorge zusammen.

„Long Distance Operators“ oder LDO heißt dieses neue Projekt des in Melbourne, Australien, lebenden Hugo Race. Race ist seit Mitte der 80er Jahre im Musikgeschäft, er war unter anderem Gründungsmitglied der Bad Seeds, der Band von Nick Cave. Doch schon nach einer Platte machte er sich selbständig, um seine musikalischen Ideen besser verwirklichen zu können.

„Ich habe eine Vielzahl von Projekten, die parallel existieren“, erklärt Hugo Race im Interview. „Da sind die Bands „True Spirit“ und „Dirtmusic“, die „Fatalists“ und „Sepiatone“. Ich kann oftmals in diesen Projekten Raum für neue Songs finden, die ich schreibe. Und dann habe ich aber auch immer mal wieder Ideen, die zu abstrakt sind, um in einer dieser etablierten Gruppen umgesetzt zu werden. Und diese Art von Ideen führen dann zu Außenprojekten, für die ich dann den richtigen Partner finde. Und „Long Distance Operators“ mit Catherine Graindorge ist so ein Beispiel. Keiner dieser Songs hätte für mich bei den anderen Projekten Sinn gemacht.“

„Long Distance Operators“ ist wahrlich so ganz anders, als das, was Hugo Race sonst macht. Die Lieder sind verspielter, mit Elektronik angereichert. Und doch klingt auch hier sein typischer Sound durch. Die Schwere und die Düsterheit, die Country und Western-Klangbilder und die melancholische Stimme von Race sind auch bei LDO tragend. Und Doch ging er für dieses Projekt ganz neue Wege:

„Ich war von den Streichquartetten von Komponisten wie Shostakovich und Beethoven fasziniert. Zum ersten Mal hörte ich diese Art von Musik und das an einem Punkt in meinem Leben, der für mich Sinn machte. Ich war davon begeistert und fragte mich, wie ich es anstellen könnte, damit etwas zu machen, denn ich wollte damit arbeiten. Aber ich wusste nicht genau wie. Und aus dem Nichts schickte mir Catherine Graindorge einige Lieder, an denen sie für eine Soloplatte arbeitete. Die Musik, die sie schickte, war vollklingend, wie diese Streichquartette, die ich hörte. Ich schrieb ihr zurück, denn ich kannte sie zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass ich gerne mit ihr für einige Songs auf ihrer Platte zusammenarbeiten würde.“

Nach dieser Kollaboration merkten die beiden, dass sie durchaus gut miteinander arbeiten können. Die Idee für eine gemeinsame Platte war entstanden: „Der Aufnahmeprozess für Long Distance Operators fing damit an, dass mir Catherine ein Archiv an Samples und Loops schickte, die sie mit der Violine oder Viola gemacht hatte. Und ich setzte mich daran, diese Loops und Samples zu schneiden und ganz langsam daraus Songstrukturen zu fertigen. Dazu fand ich Wörter, die sich wie ein Umschlag um diese Arbeit legten. So arbeiteten wir eine zeitlang, das dauerte etwas, die Platte entstand in drei oder vier Jahren.“

Der Name „Long Distance Operators“ lässt vermuten, dass die beiden, hier in Melbourne, dort in Brüssel, mehr telefonisch miteinander verbunden waren und diese Platte voneinander getrennt entstehen ließen. Eigentlich hätte es so sein können, doch dann trafen sie sich in Brüssel: „Wir entschieden uns, den groben Rahmen, die Grundideen der Songs, die ich mit ihren Aufnahmen gemacht hatte, im Studio noch einmal komplett neu aufzunehmen. Die „Long Distance Operators“ sind also in Wahrheit direkt und an einem Ort eingespielt worden. Einen Großteil der Nachproduktion machte ich in meinem Studio in Australien. Gemischt wurde es dann in den Sono Studios in Prag von Milan Cimfe, mit dem ich schon viel für Dirtmusic gearbeitet habe. So ist das alles entstanden.“

„Long Distance Operators“ ist ein beeindruckendes Album. Es ist ein Wechselspiel zwischen den Weiten des Westens, die Hugo Race auf seiner Gitarre musikalisch entstehen läßt und den emotionalen Streich- und Streicheleinheiten von Catherine Graindorge. Dazu die Zwischentöne, die diese Musik zu einem ganz persönlichen Klangspiel werden lassen, das man als Hörer in aller Ruhe und mit Zeit genießen sollte.

Donnerstag, 19. August 2021

Mensch Moritz – Willkommen im Freak

 



Mensch Moritz – Willkommen im Freak




Erscheinungsjahr: 2021


Stil: Pop


Trackliste:

1. Junkie Heaven (3:21)
2. Notfall (3:09)
3. Findet nicht mich, findet euch selbst (3:40)
4. SOS da draussen (3:07)
5. Die Angst und ich (3:28)
6. Wichtig ist mir heute egal (3:47)
7. Doof arbeiten (3:46)
8. Freak ist los (3:19)
9. Die Angst und ich 2021 (4:41)
10. Song an die Tochter (4:13)

Gesamtspieldauer: 36:36



„Willkommen im Freak“ heißt das erste Album von Mensch Moritz, alias Moritz Franke. Das Album wird morgen am 20. August digital veröffentlicht. Die Veröffentlichung der Limited Vinyl Edition musste aufgrund des Corona-bedingten Rohstoffmangels zwar noch verschoben werden, soll allerdings zeitnah erfolgen. „Willkommen im Freak“ erscheint auf dem Plattenlabel Off Ya Tree Records.

Auf seinem Debut präsentiert uns Moritz Franke wunderschön eingängigen und zumeist sanften deutschen Pop, der mit sehr packenden und gleichzeitig nachdenklich machenden Texten versehen wurde. Auf „Willkommen im Freak“ verarbeitet Mensch Moritz seine Depressionen und Ängste, Drogen sind ebenso ein Thema und doch schimmert auch immer wieder diese Hoffnung auf Besserung durch, die das Album zu einer bewegenden Reise werden lässt. Neben den Texten ist es die Musik samt Instrumentierung, die auf dem Album überzeugt. Die akustische Gitarre und das Piano spielen eine große Rolle, doch auch der Synthesizer, der ebenfalls seine Einsätze erhält. Und diese Verbindung aus akustischen und digitalen Sounds ist Mensch Moritz sehr gut gelungen. Da klingt nichts aufgesetzt oder konstruiert, sondern fließend und genau richtig arrangiert.

Schließlich sind es auch die Melodien, die gefallen, eingängig und melodiös klingen. Gleich mit dem Opener „Junkie Heaven“ begrüßt uns das Album mit einem kleinen Ohrwurm. Tolles Lied, welches bereits nach dem zweiten Mal des Hörens wie ein Freund im Ohr erklingt. Und auch die sich anschließenden Titel können überzeugen, werden mit jedem weiteren Durchlauf noch vertrauter und wertvoller. Lieder, die eventuell nicht überzeugen, sucht man auf dem Album vergeblich, sodass „Willkommen im Freak“ vom Anfang bis zum Ende Spaß macht gehört zu werden – und dies bei den gar nicht mal so fröhlichen Texten.

Fazit: So spannend und packend kann deutscher Pop klingen wie der von Mensch Moritz. Weit ab vom Schlager oder sonstigen seltsamen Auswüchsen hört man auf „Willkommen im Freak“ Musik, ausgestattet mit spannenden Texten und tollen Melodien. Musik, die bestens unterhält und dabei sogar zum Nachdenken anregt. Sehr empfehlenswert. Elf Punkte.

Anspieltipps: Junkie Heaven, Doof arbeiten