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Mittwoch, 1. September 2021

Emel Mathlouthi – The Tunis Diaries

 



Emel Mathlouthi – The Tunis Diaries




Erscheinungsjahr: 2020



Emel Mathlouthi lebt in New York. Ich erreiche sie telefonisch in Paris. Sie ist für ein paar Konzerte in Europa, Kopenhagen, Stockholm, Barcelona. Die in Tunesien geborene und aufgewachsene Emel legt nun mit „The Tunis Diaries“ ein ganz besonderes Album vor. Es ist ein Doppelalbum, das erst einmal nur als Download erscheinen wird.

Sie selbst bezeichnet die beiden Seiten als Tag und Nacht. Der Tag sind ihre eigenen Lieder, die sie neu und „unplugged“ einspielte. Auf die Idee für dieses Album kam sie, als sie nach einem Konzert in Jena Anfang März kurz ihre Familie in Tunis besuchen wollte. Aus ein paar Tagen wurden Monate. Emel war gestrandet, nichts ging mehr. Sie nahm es anfangs gelassen, half ihrem Vater, räumte auf, spielte mit ihrer Tochter und mistete alte Kartons mit Tapes und Schulbüchern aus. Doch dann kam der Punkt, wo sie merkte, die Musik ruft. Sie begann zum ersten Mal vor der Kamera zu spielen und zu singen, alles wurde im Internet gestreamt. „Ich nahm mich auch selbst auf, um zu sehen, was ich falsch mache. Aber mir gefielen einige der Songs richtig gut und ich dachte, ich habe noch nie Lieder akustisch eingespielt und aufgenommen, alles war bislang produziert und arrangiert. Ich dachte mir, das ist vielleicht gute Möglichkeit, produktiv zu bleiben, aber auch mich zum ersten Mal ganz allein aufzunehmen, wie es eben kommt.“

Die Sängerin und Musikerin, die 2006 von Tunis nach Paris zog, nachdem die tunesische Regierung ihre Lieder im Radio und Fernsehen verboten hatte, genoss die Zeit in ihrer Heimat. Sie ist eine bedeutende Stimme in Tunesien, die immer wieder zurückkam und sich mit ihren Liedern in den arabischen Frühling in Tunesien einmischte. Ihre Lieder wurden zu Hymnen. Im März 2011 sang sie während der Proteste im Herzen von Tunis “Kelmti Horra”, My Word is free. Und dann nahm sie den Joan Baez Song „Here’s to you“ auf Arabisch auf und widmete ihn Mohamed Bouazizi, dem Straßenhändler, der sich nach der willkürlichen Beschlagnahmung seiner Waren im Dezember 2010 in Brand setzte und so die breiten Proteste in Tunesien lostrat, die zum „Arabischen Frühling“ in der Region führten. Musik als Zeichen der Hoffnung.

Emel ist eine wichtige Stimme zwischen den Kulturen, zwischen den Sprachen. Sie singt auf Arabisch, auf Französisch, auf Englisch und auf der neuen Platte auch auf Deutsch, ein Lied von Rammstein (Frühling in Paris). Nicht nur, dass sie ihre eigenen Songs auf „The Tunis Diaries“ neu betrachtete und aufnahm, sie hörte sich durch alte Platten und kam auf die „Nacht“ Idee, den zweiten Teil dieses Albums: „Ich habe bewusst mal die Songs rausgesucht, die für mich wichtig waren, die mich als Sängerin und Musikerin beeinflusst haben. Für mich war diese Covid-Zeit genau das, ein Wiedersehen mit all den wichtigen Gefühlen und menschlichen Emotionen. Ich wollte dabei kreativ bleiben, aber auch den Grund der Songs finden. Nach drei veröffentlichten Alben, war ich da, wo ich nicht wusste, was mit der Welt passiert. Ich glaube, ich habe da für mich eine sehr gesunde Plattform gefunden.“ Sie nahm neben dem Rammstein Song auch Lieder von David Bowie, Nirvana, Placebo, Leonard Cohen, Jeff Buckley, The Cranberries, System of a Down und Black Sabbath auf. Gerade „Sabbath Bloody Sabbath“ ist ein unglaublicher Hörgenuss.

Es ist ein bewegendes und sehr nahegehendes Album. Emel schafft es aus diesen bekannten Songs etwas ganz Neues zu machen. Ihre Art der Herangehensweise, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, erinnerte mich an Johnny Cash und seine „American Recordings“. „Stripped down versions“, die ganz neue Seiten eines Liedes offenbaren. „The Tunis Diaries“ ist ein mehr als hörenswertes Ergebnis einer gestrandeten Musikerin. Es zeigt vielmehr eine bedeutende, kraftvolle Stimme, die in diesen verrückten Zeiten Hoffnung gibt.

Dienstag, 31. August 2021

Various Artists – The Harry Smith B-Sides

 



Various Artists – The Harry Smith B-Sides




Erscheinungsjahr: 2020



Doch es gibt auch gute Nachrichten, zumindest solche, die mir wieder näherbringen, wie großartig die Vereinigten Staaten von Amerika sind. Ich liebe Musik, meine erst 45er kaufte ich als Zehnjähriger, kurz darauf meine erste Langspielplatte, damals im Nürnberger Hertie. Über die Jahre wandelte sich mein Geschmack, klar, was ich lieben lernte, waren historische Aufnahmen. Und da sind die USA eine klangliche Goldkammer, denn hier kann man Originalplatten genauso finden, wie hervorragende Wiederveröffentlichungen.

1952 erschien die “Anthology of American Folk Music”. Eine Sammlung amerikanischer Folk Musik, die Harry Smith auf Folkways Records herausbrachte. Musik, die zwischen Ende der 20er und bis Mitte der 30er Jahre auf 78er Schellackplatten veröffentlicht worden war. Diese “Anthology” wurde als “the founding document of the American folk revival” (Greil Marcus) gefeiert, jene Initialzündung für die große Zeit der Folkmusik in den 50er und 60er Jahren, man denke an Pete Seeger, Bob Dylan, Joan Baez und viele andere. Smiths Veröffentlichung beschreibt sicherlich nicht den gesamten amerikanischen Folk Musikbereich.

Vieles wurde ganz ausgelassen, zum Beispiel die Musik der Immigranten, die für sich die frühen Anfänge des Blues, des Country, der Cajun Musik beeinflussten. Aber das sind Feinheiten, die “Anthology of American Folk Music” war und ist eine herausragende Veröffentlichung des 20. Jahrhunderts, die 1997 erneut auf Folkways als CD Box erschienen ist.

Nun hat das kleine, aber sehr feine Independent Label “Dust to Digital” aus Atlanta in jahrelanger Kleinstarbeit die B-Seiten Anthology zusammengestellt. Smith hatte damals die A-Seiten von 78ern genutzt, “Dust to Digital” bringt jetzt die B-Seiten all dieser allen Scheiben heraus. Es ist wie die Vollendung eines Kreises, ein breiteres, ein umfassenderes Klangbild entsteht, dazu die vielen Geschichten und Einordnungen der Musik, der Songs und ihrer Musikerinnen und Musiker, die zum Teil auf Harry Smiths Anthology fehlten. Und ja, nicht alle B-Seiten wurden in dieser 4 Cd Box veröffentlicht, denn einige der Songs waren aus heutiger Sicht mehr als problematisch, offen rassistisch, beleidigend. Also entschloss man sich in letzter Minute, vier Songs aus der Liste zu streichen, und das, obwohl die Paletten mit dem fertigen Produkt im Druckwerk schon zur Auslieferung bereit standen.

Die Reaktionen kamen prompt, das sei eine Neuschreibung der Geschichte, eine “cancel culture”, eine Veränderung von Smiths Originalwerk. Doch davon wollten die beiden Labelbesitzer, Lance und April Ledbetter, nichts hören. Sie wollten einfach nicht in die Situation kommen, dass ihre CD öffentlich in Kneipen oder Cafes gespielt wird und dann problematische Texte erklingen. Da helfe kein “Warning Sticker” auf der Verpackung, keine erklärenden Worte im Begleitbuch, so die beiden. Und April Ledbetter fügt noch hinzu: “We like libraries, but we don’t work at one”, wir lieben Büchereien, aber wir arbeiten in keiner. Als Label habe man eben die Freiheit, nicht eine geschichtliche Vollständigkeit verfolgen zu müssen, sondern eben die Lehren aus der Geschichte ziehen zu können.

Die vier fehlenden Songs tun der Box “The Harry Smith B-Sides” keinen Abbruch. Wer die “Lost Tracks” dennoch haben will, findet sie problemlos online. Es ist erneut eine hervorragend recherchierte, historische Liedersammlung des kleinen Labels, das erst 2003 mit der ersten Veröffentlichung “Goodbye Babylon” auftauchte und seitdem nicht mehr übersehen werden kann. “Dust to Digital” wurde seitdem mehrmals für Grammys nominiert und ausgezeichnet.

Die jüngste Box ist ein Eintauchen in die bewegende, reiche, tiefe Musikwelt Amerikas. “Back to the roots”, beeindruckend aufbereitet, klanglich wie inhaltlich. Selbst 68 Jahre nach der Veröffentlichung der Harry Smith Anthology ist die Musik noch immer mitreißend, erfrischend und einfach gut. Die B-Seiten sind alles andere als ein B-Auswahl, hier spielen Musikerinnen und Musiker mit Herz und Seele, “handmade”, direkt und unmittelbar. Wer in diesen verrückten und unvereinten Tagen, Wochen und Monaten mal wieder etwas sinnvolles und sinnerfüllendes aus Amerika erfahren möchte, der sollte sich diese Sammlung anhören.

Samstag, 21. August 2021

Long Distance Operators – Long Distance Operators




Long Distance Operators – Long Distance Operators



Der Name Hugo Race ist wahrscheinlich nicht vielen geläufig. Doch der Australier Hugo Race ist seit über 30 Jahren eine feste Größe im Independent Musik Bereich. In seinem jüngst erschienenen Buch „Road Series“ beschreibt er seine vielen Projekte und Kollaborationen in zahlreichen Ländern. Lange Zeit lebte und arbeitete Race auch in Berlin. Nun legt er ein neues Album vor, diesmal tat er sich mit der Belgierin Catherine Graindorge zusammen.

„Long Distance Operators“ oder LDO heißt dieses neue Projekt des in Melbourne, Australien, lebenden Hugo Race. Race ist seit Mitte der 80er Jahre im Musikgeschäft, er war unter anderem Gründungsmitglied der Bad Seeds, der Band von Nick Cave. Doch schon nach einer Platte machte er sich selbständig, um seine musikalischen Ideen besser verwirklichen zu können.

„Ich habe eine Vielzahl von Projekten, die parallel existieren“, erklärt Hugo Race im Interview. „Da sind die Bands „True Spirit“ und „Dirtmusic“, die „Fatalists“ und „Sepiatone“. Ich kann oftmals in diesen Projekten Raum für neue Songs finden, die ich schreibe. Und dann habe ich aber auch immer mal wieder Ideen, die zu abstrakt sind, um in einer dieser etablierten Gruppen umgesetzt zu werden. Und diese Art von Ideen führen dann zu Außenprojekten, für die ich dann den richtigen Partner finde. Und „Long Distance Operators“ mit Catherine Graindorge ist so ein Beispiel. Keiner dieser Songs hätte für mich bei den anderen Projekten Sinn gemacht.“

„Long Distance Operators“ ist wahrlich so ganz anders, als das, was Hugo Race sonst macht. Die Lieder sind verspielter, mit Elektronik angereichert. Und doch klingt auch hier sein typischer Sound durch. Die Schwere und die Düsterheit, die Country und Western-Klangbilder und die melancholische Stimme von Race sind auch bei LDO tragend. Und Doch ging er für dieses Projekt ganz neue Wege:

„Ich war von den Streichquartetten von Komponisten wie Shostakovich und Beethoven fasziniert. Zum ersten Mal hörte ich diese Art von Musik und das an einem Punkt in meinem Leben, der für mich Sinn machte. Ich war davon begeistert und fragte mich, wie ich es anstellen könnte, damit etwas zu machen, denn ich wollte damit arbeiten. Aber ich wusste nicht genau wie. Und aus dem Nichts schickte mir Catherine Graindorge einige Lieder, an denen sie für eine Soloplatte arbeitete. Die Musik, die sie schickte, war vollklingend, wie diese Streichquartette, die ich hörte. Ich schrieb ihr zurück, denn ich kannte sie zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass ich gerne mit ihr für einige Songs auf ihrer Platte zusammenarbeiten würde.“

Nach dieser Kollaboration merkten die beiden, dass sie durchaus gut miteinander arbeiten können. Die Idee für eine gemeinsame Platte war entstanden: „Der Aufnahmeprozess für Long Distance Operators fing damit an, dass mir Catherine ein Archiv an Samples und Loops schickte, die sie mit der Violine oder Viola gemacht hatte. Und ich setzte mich daran, diese Loops und Samples zu schneiden und ganz langsam daraus Songstrukturen zu fertigen. Dazu fand ich Wörter, die sich wie ein Umschlag um diese Arbeit legten. So arbeiteten wir eine zeitlang, das dauerte etwas, die Platte entstand in drei oder vier Jahren.“

Der Name „Long Distance Operators“ lässt vermuten, dass die beiden, hier in Melbourne, dort in Brüssel, mehr telefonisch miteinander verbunden waren und diese Platte voneinander getrennt entstehen ließen. Eigentlich hätte es so sein können, doch dann trafen sie sich in Brüssel: „Wir entschieden uns, den groben Rahmen, die Grundideen der Songs, die ich mit ihren Aufnahmen gemacht hatte, im Studio noch einmal komplett neu aufzunehmen. Die „Long Distance Operators“ sind also in Wahrheit direkt und an einem Ort eingespielt worden. Einen Großteil der Nachproduktion machte ich in meinem Studio in Australien. Gemischt wurde es dann in den Sono Studios in Prag von Milan Cimfe, mit dem ich schon viel für Dirtmusic gearbeitet habe. So ist das alles entstanden.“

„Long Distance Operators“ ist ein beeindruckendes Album. Es ist ein Wechselspiel zwischen den Weiten des Westens, die Hugo Race auf seiner Gitarre musikalisch entstehen läßt und den emotionalen Streich- und Streicheleinheiten von Catherine Graindorge. Dazu die Zwischentöne, die diese Musik zu einem ganz persönlichen Klangspiel werden lassen, das man als Hörer in aller Ruhe und mit Zeit genießen sollte.

Dienstag, 17. August 2021

Various Artists – American Epic




Various Artists – American Epic



Es ist schon seltsam in diesen Tagen. Eine fünf Cds umfassende Musikbox mit Songs aufgenommen in den späten 20er Jahren wird zu einem politischen Statement. Sicherlich war das nicht so gemeint, denn die Zusammenstellung dieser Sammlung hatte schon vor Jahren begonnen. Und dennoch, „American Epic“ ist genau das geworden, ein musikalisches Spiegelbild Amerikas, jenes Landes, das zu einem „Melting Pot“ wurde, das Menschen aus aller Welt, aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen anzog.

Im Begleitbuch heißt es: „Das musikalische Vermischen von Amerikas großartiger und vielfältiger Bevölkerung, hat die Grundlage für die populäre Musik gelegt, die wir heute genießen. Es war der Beginn einer neuen Ära: zum ersten Mal hörte sich Amerika selbst.“ Allein dieser Satz klingt wie eine Wohltat im polarisierten und immigrationsfeindlichen US Alltag dieser Tage. Die 1920er Jahre waren wie ein Aufbruch. Die Plattenindustrie boomte, das Radio begann seine unaufhaltsame Erfolgsgeschichte und brachte den Sound Amerikas in die Stuben zwischen New York und Los Angeles und gerade auch in die ländlichen Gegenden, die zuvor von der „Recording Industry“ vernachlässigt wurden.

Die Labels zogen in den späten 20er Jahren aus, um Musiker auch noch in den kleinsten Dörfern zu finden und sie aufzunehmen. Neue, mobile Technik machte es möglich, auch außerhalb von den Unterhaltungszentren New York, Chicago oder Atlanta einzelne Musiker oder Gruppen aufzuzeichnen. Beachtet wurden eben nicht nur all jene, die den Sound jener Tage spielten, sondern vor allem jene, die anders klangen, als in den Tanzhallen der Metropolen. Auf „American Epic“ wird das präsentiert. Entstanden ist ein umfangreiches Klangportrait des Reichtums Amerikas, der kulturellen Vielfalt dieses Landes. Es ist keine Genre-Box, es ist vielmehr eine Reise zurück in eine Zeit, die problembeladen war. Und dennoch, hier hört man ein Land zwischen Aufbruch, Hoffnung, Zuversicht.

Auf den 5 Cds ist eine unglaubliche Vielfalt an Musik zu hören. Das in einer Soundqualität, die mehr als beeindruckend ist. Dafür taten sich die Produzenten mit einem Techniker zusammen, der eine Originalabspielmöglichkeit für die alten Aufnahmen zusammenbaute, um so den ursprünglichen Sound zu kopieren. „Es ist nicht nur ein „Remastering“ im bekannten Sinne, es ist vielmehr wie die Restaurierung eines teuren Gemäldes, der sorgfältige Prozess die Fäden einer alten Leinwand zu weben und die chemische Zusammensetzung verblassender Farbe zu analysieren, um so alles wieder in seiner ursprünglichen Brillanz zu restaurieren.“

Sonntag, 15. August 2021

Fiddler’s Green – Winners & Boozers




Fiddler’s Green – Winners & Boozers


Label: Deaf Shepherd


Erscheinungsjahr: 2013


Stil: Irish Folk




„Winners & Boozers“ heißt die am 26. Juli 2013 erschienene Platte von Fiddler’s Green. Mittlerweile das 12. Studioalbum. Seit 1990 spielt die Band zusammen, damals hielten viele sie für bekloppt. Irish Folk Music aus Franken, das geht doch nicht zusammen. Doch über all die Jahre hat sich Fiddler’s Green zu einer der besten Live-Bands der Republik entwickelt. Und nicht nur das, sie haben auch immer wieder auf‘s Neue bewiesen, dass in Franken musikalisch der Bär steppt. Ihre Konzerte sind schweißtreibende Tanzparties. Und das weit über die fränkischen und deutschen Grenzen hinaus. Fiddler’s Green sind in Holland genauso gefragt, wie in Skandinavien, Russland und Japan.

Fiddler’s Green haben ihren Sound schon lange gefunden, das ist irisch angelehnte Folkmusik auf der Überholspur. Treibend, schnell, mitreißend. Und auch die neue CD steht diesem Ansatz in nichts nach. Hier spielt eine Band, die Spaß an dem hat, was sie macht. Von vorne bis hinten, kurz gedreht und wieder zurück. Und genau diese Energie bringen Fiddler’s Green auf „Winners & Boozers“ erneut rüber. Man ertappt sich selbst beim „neutralen“ Reinhören, dass man einfach mitgerissen wird. Eine hervorragende Platte, ein Riesenschritt für die Band. Es ist nicht einfach eine weitere Fiddler’s CD, die kommt, weil sie eben kommen muß. Nein, hier werden auch ganz neue Töne ausprobiert. „Winners & Boozers“ ist zweifellos eine der besten Fiddler’s Green Alben überhaupt.



Montag, 19. Juli 2021

Various Artists – Movements




Various Artists – Movements


Diese Jahresenden sind schon seltsam. Man friert oft, man mummelt sich ein, genießt die wenigen Sonnenstrahlen, die es gibt, beginnt über das nachzudenken, was im vergangenen Jahr war, passiert ist. Ein Gefühlsgemenge zwischen „high and low“. Manche freuen sich auf die kommenden Feiertage, für andere ist die stille Zeit nur ein Graus.

Und dann liegt da dieses Klangbuch vor mir. Touch Records, ein experimentelles Label mit Sitz in England und den USA, legt nun zum Jahresende „Touch Movements“ vor, ein Bilderbuch mit Soundtrack. Das klingt zu einfach. Es ist vielmehr ein audio-visuelles Erlebnis, das man in aller Ruhe und mit viel Zeit genießen sollte. Ein Eintauchen in Fotos, die ihre eigenen Geschichten erzählen und dazu einladen, weitergesponnen zu werden. Augenblicke, die das Leben um uns herum liefert. Blicke, die der Betrachter selbst kennt. Erinnerungen, die in einem wach werden.

Dazu „Musik“, die ganz anders ist. Die immer wieder die Frage aufwirft, was Musik eigentlich ist, sein kann, sein sollte. Ein Soundtrack des Alltags. Mal „Field Recordings“, mal Drone Music, mal Orgelmusik, mal Klanglandschaften, mal verspielte Sequencerfolgen. Mal direkt, mal ganz sanft, mal monumental, mal leicht vorbei gestrichen. Touch ist kein Label für die Popkultur. Das wird auf „Movements“ ganz deutlich. Es ist vielmehr ein Klangspiegel der Gesellschaft. Hier hört man hin, was man zu hören glaubt und daraus entsteht Musik. Der Alltag als Orchester, bearbeitet von Soundtüftlern, die hier künstlerisch vorgehen, dort unverfälscht die Welt erklingen lassen. Entstanden ist ein Soundtrack für dieses Fotobuch und viel mehr. Es ist nicht die „Music for the Masses“. Es ist vielmehr diese ganze persönliche Musikerfahrung. Voller Herausforderungen, voller Erinnerungen, voller Gedankengänge. Ein tief bewegendes Klangbild zwischen den Jahren.

Montag, 5. Juli 2021

Various Artists – The Kankobela Of The Batonga




Various Artists – The Kankobela Of The Batonga


Vor ein paar Jahren produzierte ich ein Feature über die Feldaufnahmen von Hugh Tracey. Zuvor war ich durch Zufall in der ruandischen Hauptstadt Kigali auf eine Veröffentlichung des niederländischen Labels SWP-Records gestoßen. Ein kleines, feines Label, gegründet von Michael Baird, der in Sambia geboren wurde und eine lebenslange Liebe zur afrikanischen Musik entwickelt hat. Durch Zufall stieß Baird auf die alten Aufnahmen von Tracey und veröffentlichte sie zum ersten Mal auf CD:

Nach der Arbeit an diesem Feature bekam ich eine Original Hugh Tracey „Kalimba“ geschenkt, ein „Daumenklavier“, wie es auch genannt wird. Es ist ein einfaches Instrument, das jedoch äußerste Fingerfertigkeit vom Spielenden verlangt. Gleich vorweg, ich kann es nicht spielen, aber ich spiele gerne darauf herum. Es beruhigt, die Töne klingen angenehm, es hat etwas sehr Friedvolles an sich.

Als nun SWP-Records eine neue Veröffentlichung ankündigte, war ich gleich interessiert. „The Kankobela of the Batonga“ sind Aufnahmen auf so einem „Daumenklavier“. Michael Baird reiste dazu nach Sambia und Simbabwe, um an den Ufern des Lake Kariba Musiker aufzunehmen, die auf ihren selbstgebauten und sehr personalisierten Instrumenten für ihn spielten. Keine Kankobela, kein Musiker klingt gleich. Lieder auf der Kankobela sind sehr persönlich und drücken, wie Baird in den Liner-Notes schreibt, „their innermost feelings about a range of subjects from spiritual to humorous“ aus.

Diese Vinylplatte präsentiert Meister auf diesem so einfach erscheinenden Instrument: Nyeleti Mukkuli, Edward Mun’goma, Daunzi Munsaka, Johnny Mudenda, Aaron Nchenje, Andrew George Munyumbwe, Leonard Mweemba Siapwayuma und Timothy Mudimba. Die Songs öffnen eine musikalische Welt, die so ganz anders, ganz fremd wirkt und doch voller Faszination ist. Teil hypnotisch, teils rhythmisch, teils mitreißend, teils einladend, teils fordernd. „The Kankobela of the Batonga“ ist eine Klangreise in unbekannte Musikwelten. Zumindest für gewöhnliche Musik- und Radiohörer. Bairds Verdienst ist es, dass er mit SWP-Records den Hörer herausfordert seine Ohren weit zu öffnen für eine Kulturlandschaft, die man nicht einfach übergehen und abtun sollte. Mit dieser Platte wird ein weiterer Eindruck auf die reiche musikalische Schatzkammer des afrikanischen Kontinents gewährt. Sehr empfehlenswert!



Donnerstag, 31. Dezember 2020

Various Artists – Kraut!




Various Artists – Kraut!


Label: Bear Family Records


Erscheinungsjahr: 2020


Stil: Krautrock


Trackliste:

CD1:

1. Lucifer's Friend - Ride The Sky
2. Atlantis - Rock'n Roll Preacher
3. Michael Rother - Flammende Herzen
4. Tomorrow's Gift - Ants
5. Ikarus - Mesentery
6. Cravinkel - Keep On Running
7. Silberbart - Chub Chub Cherry
8. Novalis - Wer Schmetterlinge lachen hört
9. Ougenweide - Ouwe
10. Ramses - La Leyla
11. Frumpy - How The Gipsy Was Born

CD2:

1. AR & Machines - Schönes Babylon (Beautiful Babylon)
2. Nektar - Desolation Valley
3. Eloy - The Light From Deep Darkness
4. Galaxy - Supermarket
5. Gash - A Young Man's Gash (Part 2)
6. Thirsty Moon - Big City
7. Percewood's Onagram - Braindrops Won't Kill The Fire
8. Missus Beastly - Uncle Sam
9. Abacus - Capuccino
10. Abacus - Souls Married To The Wind




Als ich 1996 mit meiner Sendung Radio Goethe auf KUSF anfing, hatte ich nur ein paar CDs aus Deutschland mit nach San Francisco gebracht. Also fing ich an im umfangreichen CD und Vinyl Archiv des Senders zu suchen und fand so einige deutsche Bands, die mir vom Namen her bekannt waren, aber die ich in daheim in Nürnberg kaum oder gar nicht gehört hatte. Es waren vor allem experimentelle Bands, wie die Einstürzenden Neubauten oder Gruppen aus dem sogenannten „Krautrock“ Bereich.

Aus einer Not wurde eine große Liebe für diese Bands und diese Epoche. Faust und Amon Düül II, Can und Kraftwerk und viele andere, die ich da in den Plattenregalen von KUSF finden konnte. Und ich war begeistert, diese Gruppen öffneten mir einen ganz neuen Klangraum. Krautrock wurde immer interessanter für mich, schließlich produzierte ich sogar ein zwei Stunden langes „Spotlight“, eine wöchentliche Spezialsendung am Sonntagnachmittag auf KUSF, in der man ein Thema vertiefen konnte. Und als ich diese Sendung ankündigte, bekam ich viele Tipps, Hinweise und Wünsche von anderen KUSF DJs, sie alle kannten die Krautrock Bands, die da gespielt werden sollten. Überhaupt ist Krautrock Kult auf den amerikanischen College- und Communitysendern.

Durch meine Arbeit mit Radio Goethe lernte ich auch Hans Joachim Irmler, Gründungsmitglied von Faust kennen, über die ich sogar irgendwann auf Bayern 2 ein Stundenfeature produzieren durfte. Damals fuhr ich zu Jochen in die schwäbische Provinz, hörte mit ihm so einige alte Aufnahmen und wir führten lange Gespräche, bis wir schließlich nachts um zwei Uhr nach ein paar Flaschen Wein das Aufnahmegerät anstellten. Faust wurden 1972 in Hamburg gegründet und waren für mich die wohl interessanteste Krautrock Band, denn sie verbanden die vielen musikalischen Einflüsse und experimentierten mit Sounds, Klangideen und ihren eigenen technischen Möglichkeiten. Jochen erzählte Geschichten von damals und ich hörte staunend und interessiert zu, manchmal mußte ich mich wegdrehen, weil ich nur so mein Lachen zurückhalten konnte. Es war nicht nur ein Interview, Hans Joachim Irmler hat mir auch eine ganz neue Klangwelt näher gebracht und sie vor allem für mich verständlich gemacht. Ich hörte zwar schon viel Krautrock, aber hatte nie die Bedeutung erkannt. Das änderte sich komplett.

Und nun sitze ich hier in meinem „home office“, wie man in diesen Coronazeiten den heimischen Schreibtisch nennt, und höre Teil 1 der neuen Bear Family Records Reihe „Kraut!“. Insgesamt werden vier Teile veröffentlicht, aufgeteilt nach Nord-, West-, Süddeutschland und Berlin. Musik aus deutschen Landen zwischen 1968 – 1979. Es sind jeweils zwei CDs, die ein lange Zeit übersehenes, doch mehr als bedeutendes Kapitel in der deutschen Musikgeschichte zum Tönen bringen. Nach dem Durchhören habe ich mir gleich Alben von zwei der Bands bestellt, die ich bislang so noch nicht kannte.

Begleitet wird diese umfassende Serie von einem ausführlichen Booklet, mit vielen Informationen, Geschichten, Anekdoten, zusammengetragen von Burghard Rausch, der auch schon die hervorragende NDW-Reihe für Bear Family zusammengestellt hat. Ein wahrer Kenner der Szene. Zu hören sind unter anderem auch die früheren Bands von Kralle Krawinkel und Peter Behrens, die sich beide später bei Trio wiederfanden. Was diese Klangserie zeigt ist, dass Deutschland in den späten 60ern und in den 70er Jahren alles andere als ein Entwicklungsland in Sachen Musik war. Die Bands nahmen das auf, was sie aus England und den USA vorgelegt bekamen, oftmals über die Soldatensender BFBS oder AFN, und nutzten diese Einflüsse um etwas eigenes entstehen zu lassen.

Und das fiel durchaus auch in England und den USA auf, wo viele der Krautrock Bands tourten und Musiker wie David Bowie oder Brian Eno auf einmal aufhorchten, was da in „Krautland“ passierte. Lange Jahre wurde diese wichtige Zeit im deutschen Musikzirkus abgetan oder übersehen. Gerade deshalb ist so eine Serie, wie diese hier von Bear Family Records, mehr als notwendig, denn sie zeigt wie spannend, originell, mitreißend und tief diese Soundvisionen von damals durchaus waren. Diese Gruppen brauchten sich nicht hinter denen aus Großbritannien oder den Vereinigten Staaten zu verstecken. Es geht nicht darum, Geschichte neu zu schreiben, vielmehr darum, das richtig zu bewerten, was diese Bands in dieser Zeit geleistet haben. Krautrock anfangs als minderwertig abgetan ist zu einem anspruchsvollen Gütesiegel geworden. Einziger Wermutstropfen für mich, Faust hat es nicht auf den ersten „Kraut!“ Teil über den Norden der Republik geschafft. Das lag aber weder an Bear Family noch Burghard Rausch, sondern vielmehr an ihrem alten Plattenlabel Warner. Die haben anscheinend noch immer den Hals voll von Faust….doch das ist eine andere, lange Geschichte. 



Dienstag, 29. Dezember 2020

Oxbow – Thin Black Duke




Oxbow – Thin Black Duke


Es muss im Herbst 1992 gewesen sein, da sah ich Oxbow zum ersten Mal in einem kleinen Club oben an der Haight Street in San Francisco. Damals war eine Kollegin aus dem Burt Children’s Center mit dem Gitarristen der Band, Niko Wenner, zusammen. Sie meinte, komm mit zum Konzert, könnte dir gefallen. Für mich war San Francisco damals noch ein offenes Buch. Jeder Tag war voller neuer Entdeckungen. Und Oxbow war eine prägende Erfahrung.

In diesem kleinen Club zu später Stunde schrammelte sich die Band durch den Abend. Niko, sonst eher einer ruhiger, zurückhaltender, ja, schüchterner Zeitgenosse, der mit leiser Stimme sprach, wirbelte wie ein Derwisch über die kleine Bühne, beackerte seine Gitarre, hieb drauf, entlockte ihr die alptraumhaftesten Töne. Der Lautstärkepegel war kurz vor dem Dach-Abflug-Level.

Und dann war da ihr Sänger Eugene Robinson. Ein Muskelpaket, der sich schon früh im schweisstreibenden Kneipendunst sein Hemd vom Leib riss und mal grölte, mal schrie, mal ganz gefühlvoll ins Mikro hauchte. Seine Augen rollten herum, so als ob er kurz vor der Ekstase war.

25 Jahre später legen Oxbow „Thin Black Duke“ vor. Ein Album, das auf den ersten Hörtrip ruhiger, gemäßigter wirkt, so, als ob Oxbow in die Jahre gekommen sind. Doch das täuscht. Daniel Adams, Gregory Davis, Eugene Robinson und Niko Wenner sind noch immer so schön schräg schrill wie eh und je. Da sind Dissonanzen in der Musik, da passiert etwas im Hintergrund, was da so nicht hingehört und dennoch zum komplexen Klangbild der Band passt.

„Thin Black Duke“ ist eine musikalische Herausforderung, die es in sich hat. Kein gerader Weg, kein Lalala, keine Untermalung im Alltag. Dieses Album hat Tiefe, Ecken und Kanten, Ausbuchtungen, dunkle Seiten, die man als Hörer mutig und bereitwillig entdecken muß, entdecken sollte. Diese Platte ist ein Meisterwerk der Band, ohne Kompromisse zu machen sind Oxbow durch die Jahre marschiert. Zum 50. Jubiläum des „Summer of Love“ mit all seinen Hippie Klängen, spielt hier eine Band auf, die fest verankert ist in der Weltstadt San Francisco. Irgendwie kommt auf diesem Album alles zusammen, Vergangenheit und Zukunft und eine volle Breitseite Gegenwart. In was für einer Welt leben wir? Hier ist der Soundtrack dazu.

Sonntag, 27. Dezember 2020

LCC – Bastet




LCC – Bastet



„8 tracks laying forth a deep listening journey into the netherworlds of human experience, movement, ritual and space“. Dieser Satz ist gewaltig. So beschreibt das spanische Frauenduo Las CasiCasiotone, LCC, die eigene Musik auf ihrem neuesten Werk „Bastet“. „Bastet“ ist der Name der in der ägyptischen Mythologie als Katzengöttin dargestellten Tochter des Sonnengottes Ra. Sie steht für weibliche Macht und ist als Göttin der Musik bekannt.

Das Album läuft schon zum zigsten Male und ich weiß noch immer nicht, wie ich diese Musik in Worte fassen soll. Ja, es ist eine Mischung aus vielen Bildern, Szenen, Gefühlen. So, als ob alles mit einer weißen Leinwand begonnen hat und sich dann Ana Quiroga und Uge Pañeda einfach dem freien Lauf der Farben hingegeben haben. Keine Grenzen, wild und scheinbar planlos, wahrlich eine Mischung aus „menschlichen Erfahrungen, Bewegung, Ritualen und Raum“. Das Ergebnis ist alptraumhaft, brutal, direkt, verstörend und doch so einzigartig schön.

Es ist Musik, geschaffen wie für Theater und Film, man kann sich all jenen Szenen hingeben, die man denn vor dem inneren Auge sehen will. Ich weiß, man muss diese Art von Musik mögen, die eigentlich nur alleine in den eigenen vier Wänden gehört werden kann. Oder zumindest zugänglich gemacht werden kann. Denn für LCC braucht es Zeit und Raum, um die ganze Größe dieser bewegenden Klangwelt zu öffnen.

Gerade läuft zum achten Mal hintereinander das Stück „Ka“. Es erscheint monoton, immer wieder das Zerschlagen von Glas, ein dumpfer Beat, ein einlullender Takt. Und doch, dieses Stück wächst, spannt immer mehr diesen Bogen des Verlaufs, Ungewissheit, was da noch kommen mag. Am Ende bleibt nur, diesem ver-rückten Soundspiel noch einmal und noch einmal zu begegnen, sich auf ein Neues hin- und mitreißen zu lassen. Ein fantastisches Album für Hinhörer!

Freitag, 25. Dezember 2020

Kayhan Kalhor – Hawniyaz




Kayhan Kalhor – Hawniyaz


Ich habe Istanbul lieben gelernt. Eine wunderbare Stadt, in der man so viele Seiten, Ecken und Winkel entdecken kann. Sie erinnert allein von der Lage her etwas an San Francisco. Es sind die Gegensätze, die mich in Istanbul anziehen, die mich faszinieren. Das Alte. Das Prachtvolle. Die Lage am Bosporus. Die Menschen. Die Kreativität. Die tiefe Verwurzelung in einer beeindruckenden Kulturlandschaft.

Dort fand ich in einem kleinen Plattenladen am Beginn der Einkaufsmeile Istiklal Caddesi auch ein paar Alben türkischer Musiker. Alte Aufnahmen und dann auch Aynur, die kurdische Sängerin mit ihrer kraftvollen, zärtlichen, berührenden, leidvollen Stimme. Seitdem verfolge ich ihren Weg. Und nun stieß ich dabei auf das Album „Hawniyaz“, ein Album, das aus dem Morgenland Festival in Osnabrück entstanden ist. 2012 trafen sich dort am Rande ihrer Auftritte Aynur, Kayhan Kalhor, Cemil Qoçgiri und Salman Gambarov, vier Musiker, die für sich den „Orient“ erklingen lassen. In Osnabrück trafen sie sich, spielten zum ersten Mal zusammen und öffneten damit eine neue musikalische Welt.

2015 schließlich, wohl auch durch das sanfte Drängen von Festival Direktor Michael Dreyer, der dieses einmalige Zusammenspiel von Anfang an begleitete, entstand außerhalb von Osnabrück das Album „Hawniyaz“, was im Kurdischen etwa „Jeder braucht jeden, jeder ist für den anderen da“ bedeutet. Ein wunderbares Wort für diese Musikgruppe und für die Zeit, in der wir leben. „Hawniyaz“ ist nicht politisch und doch so deutlich und direkt. Musik verbindet, überschreitet problemlos Grenzen. Hier die Genregrenzen zwischen Jazz, Avantgarde, „Weltmusik“. Ein reichhaltiger Schatz, der da in der niedersächsischen Stadt entstanden ist. Nicht in Multikulti Metropolen Berlin, Hamburg oder Köln, sondern Osnabrück, einer Stadt, mit der viele wohl so gar nichts verbinden.

Michael Dreyer schreibt in seinem Begleittext für dieses Album, einem wahrhaftigen Liebesbrief an Aynur, Kayhan Kalhor, Cemil Qoçgiri und Salman Gambarov: „Jeder der Musiker dieses Quartetts ist einzigartig, aber in diesem Zusammenspiel und Zusammenklang erschaffen sie eine neue musikalische Welt, die kurdische Musik, persische Musik und Jazz zusammenbringt in einer Natürlichkeit, die uns daran erinnern mag, dass die Kulturen – nicht nur in dieser Region – immer fließend waren, sich beeinflusst haben, dass Kulturen immer in Bewegung waren und sind. Vielleicht ist dies, ganz nebenbei, ein Statement gegen die Angst des Westens, der um „seine“ Kultur fürchtet, wenn Menschen aus anderen Kulturkreisen hier Zuflucht und ein neues Zuhause suchen.“

Diesen Worten kann ich mich nur anschließen, sie treffen genau das, was diese Musik so wunderbar klangvoll, was sie so bedeutend macht. Sie öffnet Welten, wenn man denn will. Eine Bereicherung für jeden, der hinhören kann und hinhören will. Hawniyaz ist auf dem Label Harmonia Mundi erschienen.

Mittwoch, 23. Dezember 2020

Various Artists – Wake Up You




Various Artists – Wake Up You


Wenn man von der afrikanischen Musik spricht, dann denken die meisten wohl an traditionelle Sounds, an Weltmusik. Heutzutage strahlen die Radiostationen in vielen Metropolen auf dem afrikanischen Kontinent mehr folklorische Klänge oder Hip Hop aus. Umso erstaunter war ich, als ich am „Record Store Day“ auf eine Box bei Amoeba Records in Berkeley stieß, in der die Rockmusik Nigerias vorgestellt wird.

Die nigerianische Rockmusik der 70er Jahre wird in der CD und LP Box „Wake up you!“ vorgestellt.

Aktion heißt eine dieser Bands. Und sie kommt nicht aus England, den USA oder aus Deutschland. “Groove the Funk” wurde vielmehr 1975 in den EMI Studios in Lagos, Nigeria aufgenommen. Aktion ist Teil einer neuen CD und LP Box, die nun auf “Now Again Records” erschienen ist. “Wake Up You!” beschreibt eine lebendige, energiegeladene und hochkreative nigerianische Rockmusikszene am Anfang der 70er Jahre. Zu einer Zeit, in der sich das Land nach einem dreijährigen Bürgerkrieg, dem sogenannten Biafra-Krieg, langsam wieder erholte.

Zusammengestellt hat diese Sammlung der in Boston lebende DJ, Produzent und Musikhistoriker Uchenna Ikonne. Geboren in den USA wuchs er in den 80er Jahren in Nigeria auf: „Ich habe an einem Film gearbeitet, der in Nigeria in den 70er Jahren spielt. Dafür suchte ich nach Musik und kam mehr und mehr auf diese Rockmusik, von der ich begeistert war. Die meisten kannten sie gar nicht. Weder Leute außerhalb von Nigeria, noch in Nigeria selbst. Sie erinnerten sich nicht an diese Musik. Also dachte ich mir, es wäre interessant, das ganze wieder auszukramen.“

Die Musik Nigerias zu dieser Zeit vereinte die vielen Einflüsse des Westens. Rock, Funk, Soul, auch etwas Country und Folk. Und das vor dem Hintergrund der noch jungen Unabhängigkeit des Staates Nigeria, wie Ikonne erklärt: „Die Kulturnationalisten dachten, es wäre nicht sehr produktiv, wenn man nur die Musik nachahmen würde, die aus Amerika und England kommt. Aber, was nach dem Krieg, Anfang der 70er Jahre passierte, war, dass die Leute einen Weg fanden, um Rock mit lokalen Einflüssen zu bereichern. Das machte das ganze viel eigenständiger, als nur eine reine Kopie der ausländischen Musik.“

Teil 2 der umfangreichen nigerianischen Rockbox erschien ebenfalls als CD, LP oder als Download.

Nigeria war zu dieser Zeit auf dem Radarschirm der großen westlichen Plattenfirmen. Decca, Polydor und vor allem EMI investierten in den boomenden Musikmarkt Nigerias: „EMI war wirklich eine bedeutende Plattenfirma, die die Identität der nigerianischen Rockmusik mitformte. Denn als viele der Rock- und Pop-Bands in Nigeria nur das kopierten, was aus dem Ausland kam, drängten die EMI Produzenten ihre Künstler dazu, die Musik mit einheimischen Sounds zu verbinden. Rock und Funk angereichert mit lokalen, afrikanischen Elementen. EMI war dafür bekannt. Sie hatten diesen erkennbaren Sound, wenn es um Afro-Rock ging.“

Uchenna Ikonne sieht den brutalen Biafrakrieg im Land als einen Scheidepunkt für die Rockmusik Nigerias. „Der Bürgerkrieg hat die Entwicklung der Rockmusik in Nigeria aus mehreren Gründen beschleunigt. Zuvor war die populärste Musik, was man hier “Highlife” nannte. “Highlife” war keine ethnische Musik, sie war auch nicht an irgendeine ethnische Gruppe in Nigeria gebunden. Es war vielmehr Musik, die jeder mochte. Aber während des Krieges, mit den Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen, wurde “Highlife” kaum noch beachtet. Und da wuchs eine jüngere Generation heran, die lieber Soul und Rock hörte. Von daher hat der Krieg die Popularität der Rockmusik wohl beschleunigt.“

Und Rock war in diesen Nachkriegsjahren genau das richtige für eine Jugend, die sich ganz neu ausrichten mußte, meint Uchenna Ikonne: „Nach den Jahren der Gewalt wollten die Leute Musik hören, die schwerer war, mehr disharmonisch, die kraftvoll war, als das weiche “Highlife” und auch der weiche Soul, all das, was man vorher gehört hatte. Der Krieg hatte also einen großen Einfluß auf die Leute, sich der Rockmusik zu öffnen.“

Heute findet man in Nigeria kaum noch Spuren dieser nigerianischen Rockgeschichte. Auch deshalb sieht Uchenna Ikonne die Notwendigkeit für diesen historischen Rückblick.

Mittwoch, 9. September 2020

Maureen And The Mercury 5 – Gimme Mo!




Maureen And The Mercury 5 – Gimme Mo!



Menschen aus aller Welt zieht es nach Los Angeles. Hier trifft man auf Stars und Sternchen, hier fahren werdende Schauspieler und Filmschaffende Taxi und erzählen ihren Mitfahrern, dass sie bald ganz groß rauskommen. Los Angeles lädt zum Träumen ein. Der Blick ist nach vorne gerichtet, die Zukunft gehört denen, die an sich glauben.

Und doch, derzeit geht der Blick auch wieder zurück auf eine Zeit, in der die Welt noch heil und Amerika “great” war – zumindest in der Erinnerung. Die 1950er Jahre und mit ihr der Rockabilly erleben in LA eine Wiedergeburt, wie die Musikerin und Sängerin Maureen Davis erklärt. „Es bringt uns zusammen. Es ist ein Flashback auf die glücklicheren Zeiten unserer Großeltern. Die Mode ist klassisch, wir reden hier von den Chanel Modellen, diesen Pencil Skirts, Mode, die immer wieder aktuell wird.“

Die aus Ohio stammende Maureen Davis lebt seit vielen Jahren in Los Angeles. Sie legt nun mit ihrer Band Mercury Five passend zum Retro-Trend in LA ein neues Album vor. “Gimme Mo!” heißt es, was für Maureens Spitzname “Mo” und gleichzeitig für die Kurzfassung von “More” steht. Also, in etwa “gib mir mehr Maureen”. Auf dem Cover ist die attraktive Sängerin im Stil eines 50er Jahre Cartoons abgebildet. Es ist ein Album, auf dem Davis viele musikalische Brücken schlägt: „Ich bin eine Tänzerin, ich liebe das Tanzen, Swing und Jitterbug…. Rockabilly war für mich eine Möglichkeit meine Country und Rock’n Roll Wurzeln mit meinem Tanzen zu verbinden. Rockabilly ist nicht nur die Zusammenführung von Hillbilly und Rock’n Roll. Da ist auch Latin Rockabilly. Ich liebe meine Cha Chas und meine Mambos, also musste ich “Mambo Joe” und “Mr. Love Love” schreiben, einen Cha Cha. Und dann sind da meine Mistreiter Scotty Lund und Sylvain Carton. Wie sie es produziert haben hat das alles zusammen gebracht.“

“Gimme Mo” hat die Leichtigkeit und Entspanntheit eines südkalifornischen Strandnachmittags. Sonne, Meeresrauschen, Kofferradio und dazu ein Eis am Stiel. Auf diesem Album nimmt Maureen Davis einen mit auf eine klangvolle und “happy” Zeitreise. „LA ist wunderbarer Ort dafür. Die Mode, eine Frau mit einer Blume im Haar, Kerle mit den Tattoos. Wir sind hier sehr offen. Man muss nur nach Swing Dance in Los Angeles suchen, dann findet man das. Es gibt da einen ganzen Kalender voll, wo man was in Los Angeles finden kann.“

Maureen Davis ist auf einer Mission. Sie will ihre Mitmenschen für den Retro-Sound gewinnen. Derzeit tanzt sie sich wieder durch das Nachtleben der Megacity. In 101 aufeinander folgenden Tagen erlebt sie die Stadt und ihre Clubs, manchmal tanzt sie auch einfach draußen zum Sound eines Radios. Dazu spielt sie mit ihrer Band live, unterrichtet und schreibt an neuen Songs. Viele davon sind wie auf “Gimme Mo!” persönlich gehalten: „Wenn du dir die Lyrics anhörst, dann merkst du schnell, dass ich immer auf der Suche nach Liebe bin. Die EP “What’s it gonna take” war sogar ein Heiratsantrag an meinen damaligen Freund. Und er sagte nein….der Bastard. (lacht). Ich wollte den Leuten einen menschlichen Blick auf die Musik geben. Viele dieser Rockabilly und Swing Songs sind einfach nur happy, happy und ein bisschen trauriges Cliché. Ich wollte mich als ehrliche, erwachsene Frau durch die Musik ausdrücken, und ich hoffe, das ist mir gelungen.“

Montag, 7. September 2020

Various Artists – At The Louisiana Hayride Tonight




Various Artists – At The Louisiana Hayride Tonight



Bear Family Records, das Independent Plattenlabel aus Holste-Oldendorf, hat es mal wieder geschafft. Ich sitze da und grinse wie ein Honigkuchenpferd vor mich hin. Beschwingliche Musik klingt aus dem CD Player, mein rechter Fuß wippt im Takt mit. „At The Louisiana Hayride Tonight“ heißt diese 20 Cds umfassende Box, die nicht nur ein wunderbares Kapitel der amerikanischen Radiogeschichte dokumentiert, sondern auch fantastische Musik präsentiert.

Von 1948 bis in 1960er Jahre sendete KWKH aus Shreveport, Louisiana, eine wöchentliche Live-Radiosendung am Samstagabend. Es waren nicht die Topentertainer ihrer Zeit, wie sie die „Grand Old Opry“ in Nashville anzog. Der „Louisiana Hayride“ brachte vielmehr die kommenden Stars, darunter Johnny Cash, Hank Williams, The Stanley Brothers, Johnny Horton, Carl Perkins, Hank Snow, Jim Reeves, George Jones und nicht zu vergessen Elvis Presley und viele, viele mehr. Die Musik wurde als „Folk“ und „Hillbilly“ bezeichnet, das Genre „Country“ war noch nicht bekannt.

Die Aufnahmen auf diesen 20 Cds sind mitreißend, unterhaltsam, voller Energie. Sie stammen aus der Hochzeit des Live-Radios, als aus einem Auditorium in Shreveport die „United States of America“ via CBS beschallt wurden. Samstagabend für Samstagabend wurde der klassische amerikanische Sound vor einem Live-Publikum über den Äther geschickt. Moderationen, kleine Showeinlagen und Witze, kurze Interviews mit neuen Musikern (darunter auch Elvis Presley) beleben diese „Recordings“. Viele der Songs sind bekannt, manche werden wiederentdeckt, viele hört man zum ersten Mal.

Amerika präsentiert sich hier als heile Welt, Shreveport war damals eine boomende Metropole. Es ist auch eine weiße Welt. In dem umfangreichen Begleitbuch zur Geschichte des „Louisiana Hayride“ findet man kein schwarzes Gesicht. Nicht auf der Bühne und nicht im Publikum. Es waren andere Zeiten. Und doch klingt hier das weite Land Amerikas durch, der kulturelle „Melting Pot“, denn viele der musikalischen Einflüsse, gerade aus dem schwarzen Gospel und dem „Rhythm & Blues“, hielten Einzug in den Folk und Country und in die Musik von Elvis Presley.

Seit Stunden sitze ich nun hier und höre die Aufnahmen von „At The Louisiana Hayride Tonight“. Ich kann nicht sagen, welcher Song, welcher Künstler mir am besten gefällt. Es ist das Gesamtbild, was hier wirkt. Musiker wie Johnny Cash und Elvis Presley neben für mich ganz unbekannten Künstlern. Das Live, ungefiltert, ungeschönt. Der Sound manchmal dünn und doch ist es so ein breites, klangvolles Hörereignis. Geschichte trifft auf Kultur, Old Time Country auf die Fragen von heute. Und beim Abspielen all dieser Cds denke ich mir, wie schade es ist, dass es diese Art des Live-Radios nicht mehr gibt. Diese Offenheit und Direktheit ging schon lange verloren. Viel zu viel ist heute streng formatiert, kommt aus der Konserve, ist geglättet und begradigt und mit Effekten überzogen worden. Bear Family Records hat hier erneut eine wunderbare Box vorgelegt, die einfach nur begeistert. Die deutlich macht, wie schön das Zuhören sein kann.

Donnerstag, 3. September 2020

Lustmord – Dark Matter




Lustmord – Dark Matter



Lustmord heißt das Projekt des walisischen Musikers Brian Williams. Nun läuft hier seine jüngste CD „Dark Matter“ und ich überlege, wie ich das beschreiben kann, was ich da höre. Williams ist ein Musiker, der sich im Industrial und Ambient Bereich bewegt. Das heißt, er arbeitet mit weiten, düsteren Klangflächen, dazwischen Töne und Einspielungen, Sounds, die man aus dem alltäglichen Leben kennt oder zu kennen glaubt.

Für „Dark Matter“ hat Williams durch eine kosmische Audio-Bibliothek gegraben, die zwischen 1993 und 2003 entstanden ist, darunter auch Töne aus den NASA Forschungscentren (Cape Canaveral, Ames, The Jet Propulsion Laboratory und Arecibo), The Very Large Array, The National Radio Astronomy Observatory. Rhythmus, Melodie, Texte gibt es bei Lustmord nicht. Vielmehr sind es alptraumhafte Tonspuren, ein statisches Rauschen, Metall auf Metall, eine klangliche Schwere, die den Hörer nach unten zieht. Es ist der Soundtrack der eigenen Ängste, die Bilder dazu liefert man selbst.

Auf „Dark Matter“ taucht man ein in teils abgrundtiefe Soundlandschaften, die einen – die mich – erfassen, beeindrucken, bewegen. Aufgenommen wurde das Album im Dezember 2015 in den Los Angeles Studios des Touch Labels, bekannt für seine eher „anderen“ Veröffentlichungen. Hier entstehen keine Hits, keine Mitschunkelsongs, kein neuer Superstar wird geboren. Drei Songs sind auf der CD zu finden (Subspace, Astronomicon, Black Static), Gesamtlänge 70 Minuten und 42 Sekunden. Hier werden die Grenzen der Musik ausgelotet. Und das nicht behutsam, sondern mit einer unglaublichen Gewalt. Für mich ist es ein Sog, der da aus den Boxen tönt, einen mitreißt, taumeln lässt. Musik zum Hinhören, nichts für nebenbei. Erst dann erfasst man die ganze Tiefe dieses unglaublich beeindruckenden und sehr persönlichen Albums.

Dienstag, 1. September 2020

Eisbrecher – Schock Live




Eisbrecher – Schock Live



Eisbrecher haben sich nach dem Ausstieg von Sänger Alex Wesselsky und Gitarrist Noel Pix von Megaherz etwas eigenes und neues geschaffen. Kein Blick geht zurück, es wird nur nach vorne geblickt, und das aus gutem Grund. Mitreißend ihr Stil und ihr Spiel. Das zeigen sie nur zu gerne in diesem Circus Krone Konzert. Es ist eine kraftvolle Mischung aus den bisher sechs Studioalben der Band.

Die Münchner Combo wird angetrieben vom nimmermüden Sänger Alex Wesselsky, der hier auf der Bühne in seinem Element ist. Ein geborener Frontmann. Eisbrecher, und da bquatsche ich sie seit Jahren, haben durchaus eine Chance in den USA.

Eisbrecher sind bereits im Land der unbegrenzten Möglichkeiten in den Plattenregalen erhältlich. Metropolis Records hat sie unter Vertrag. Es wäre einen Versuch wert, auch jenseits des Atlantiks den Eisbrecher auf Fahrt zu bringen. Das Konzert im Circus Krone belegt das nur noch einmal erneut.

Samstag, 29. August 2020

Fiddler’s Green – 25 Blarney Roses - Live In Cologne




Fiddler’s Green – 25 Blarney Roses - Live In Cologne



Fiddler’s Green aus Erlangen sind eine der besten Live-Bands in Deutschland. Ihre Konzerte sind schweißtreibende Partys für Musiker und Publikum gleichermaßen. Mit ihrem Irish-Speed-Folk haben sie sich eine treue Fangemeinde in allen Teilen der Republik erspielt.

Gab es früher für die Band noch weiße Flecke auf der Landkarte, ist das nach 25. Jahren Bandgeschichte längst Vergangenheit. Egal, wo die Jungs aus Erlangen auftreten, es wird gefeiert. Ihr Kölner E-Werk Konzert wirkt wie ein Heimspiel im Erlanger E-Werk. Interessant bei den Fiddler‘s ist, dass sie es schaffen, immer wieder neue, junge Fans zu gewinnen.

Wenn man sich die Bilder aus vergangenen Tagen ansieht, dann scheint es, dass ihr Publikum nicht altert. Das spricht für die Band, die diese spezielle musikalische Sprache gefunden hat, die Generationen verbindet und begeistert.

Dienstag, 25. August 2020

Böhse Onkelz – Nichts ist für die Ewigkeit - Live am Hockenheimring 2014




Böhse Onkelz – Nichts ist für die Ewigkeit - Live am Hockenheimring 2014



Nach neun Jahren Pause, zahlreichen Schlagzeilen außerhalb der Musik, haben sich die Böhsen Onkelz wieder zusammengerauft. Böse Zungen werfen ihnen Geldgeilheit vor, nur deshalb würden sie wieder spielen. Doch die Onkelz sind solche Vorwürfe gewohnt. Sie haben sich in all den Jahren, 35 an der Zahl, nicht verbogen und nicht verbiegen lassen.

Den alten Vorwurf der rechten Band hört man noch immer, aber der ist so verstaubt, wie diese olle Elton John Platte, die ich mal vor etlichen Jahren geschenkt bekommen habe und die seitdem auf dem Regal lieg. Geht gar nicht! Ihre Fans sind ihnen treu geblieben. Das zeigten vor allem auch die beiden Konzerte vom Juni 2014, die nun in einer speziellen Vinyl-Box erschienen sind.

Pro Abend waren 100.000 Fans vor und um die Bühne herum versammelt, um die „Bad Boys“ der deutschen Musikszene zu feiern. Die Mannen um Stephan Weidner sind älter geworden, die Stimme von Sänger Kevin Russell spröder, kratziger und etwas kraftloser. Dennoch, die Band hat noch immer den „Drive“, die Energie und diese kompromisslose Wut im Bauch. Mit dem Hockenheimringkonzert melden sie sich beeindruckend und lautstark zurück. Ihre Kritiker hatten sich zu früh gefreut.

Sonntag, 23. August 2020

Rammstein – In Amerika




Rammstein – In Amerika



Deutsch ist die Sprache von Rammstein. Keine andere deutsche Band hat so viel für den Deutschunterricht in aller Welt getan, wie die Schwermetaller aus Ost-Berlin. Das zeigen sie auf beeindruckende Weise auf ihrer DVD „In Amerika“.

Innerhalb von nur einer halben Stunde war das Madison Square Garden Konzert vom Dezember 2010 ausverkauft. Rammstein riefen, Tausende von Fans kamen, um die wohl weltweit beste Live-Band zu sehen. Rammstein spielen schon längst eine führende Rolle im internationalen Musikzirkus. Sie setzen mit ihren Live-Shows Maßstäbe, spielen in einer eigenen Liga. Und dann sind da die Fans, wie hier in New York City, die lauthals die Texte der Band mitsingen.

Rammstein sind ein Erlebnis, für das es keine Vergleiche gibt. Perfekt organisiert, initiiert, abgespult. Als ich mir „In Amerika“ ansah, musste ich unweigerlich an das erste Rammstein Konzert denken, das ich gesehen habe. Damals spielten sie als Vorband von KMFDM in einem kleinen Club in Palo Alto. Doch nichts außer der Größe der Konzerthallen hat sich verändert. Rammstein sind einmalig geblieben.

Mittwoch, 19. August 2020

Various Artists – Music From Barotseland




Various Artists – Music From Barotseland


Label: SWP-Records


Erscheinungsjahr: 2020


Trackliste:

CD1: SWP 059 'Siyemboka Music': 1. Lipepo Katimulozi, by Kapata Culture Group, 2. Ushilikanuke Utambule Muhole, by Kapata Culture Group, 3. Mike Yekaulenge Inongoma, by Kapata Culture Group, 4. Nikaipangula, by Mumbumbu Cultural Group, 5. Sibonita, by Mumbumbu Cultural Group, 6. Babanyezwi Balushupa, by Silimwa Selected, 7. Mwalibali Kimasila/Wayawanisiya Lokoto, by Silimwa Selected, 8. Nibi Ya Mwa Buse, by Nasiyongo Cultural Group, 9. Kunyala Mwana Muloi, by Nasiyongo Cultural Group, 10. Chalala Chalala, by Yuka Royal Cultural Group, 11. Mbunga, by Kwalela Crew, 12. Silimo, by Libala & Kapoba.

CD2: SWP 060 'The Barotse Guitar': 1. Ma Mundia, by Lipa Band, 2. Toninge Silami, by Lipa Band, 3. Jealous Yende, by Lipa Band, 4. Sibeze Sizegelo, by Lipa Band, 5. Ba Liseli Mueza Hande, by Lipa Band, 6. Tate, by Libala Band, 7. Lisungu, by Libala Band, 8. Masholi, by Libala Band, 9. Musipili, by Libala Band, 10. Libita, by Libala Band, 11. Purity, by Mufalo Mukelabai, 12. Mashelen’i, by Barotse Band, 13. Musike Mwanishanda, by Barotse Band, 14. Chongono, by Libala Band, 15. Likungumbenje, by Libala Band.

CD3: SWP 061 'Kangombio Silimba Jazz': 1. Kuwabile, by Pelekelo Mufalo, 2. Saba Silumba, by Pelekelo Mufalo, 3. Libazhi, by Pelekelo Mufalo, 4. Makaliwon, by Collens Shawinga, 5. Nzona Nandona Mutimake, by Collens Shawinga, 6. Zamahala Zinata Kale, by Collens Shawinga, 7. Naikela Mula Laundi, by Alfred Chiyembele, 8. Ngila Ya Mumbezhi, by Alfred Chiyembele, 9. Chiyembele instrumental, by Alfred Chiyembele, 10. Machurch Nimwawo, by Alban Kateta Kapemba, 11. Mushiengo, by Alban Kateta Kapemba, 12. Weririwo, by Alban Kateta Kapemba, 13. Mariana, by Alban Kateta Kapemba, 14. Sa Kayombo, by Ulengo Jazz Band, 15. Muzwe, by Ulengo Jazz Band, 16. Mutahe, by Ulengo Jazz Band.

CD4: SWP 062 'Drums, Voices, Sticks': 1. Mulumele Mulemele, by Mboanjikana Cultural Group, 2. Mboanjikana Sizo, by Mboanjikana Cultural Group, 3. Tuhumwelele Kanjonja, by Mboanjikana Cultural Group, 4. Kwatene Kubingoma Basizo Baneza, by Mboanjikana Cultural Group, 5. Kulemesa Chisemwa Chetu, by Chiweka Dancing Cultural Group, 6. Ngombo, by Chiweka Dancing Cultural Group, 7. Ivwa Mwanami Mwailia, by Chiweka Dancing Cultural Group, 8. Iyaze Mwa Ngusabula, by Yuka Royal Cultural Group, 9. Mwatatengu Nakapanda Bulozi, by Yuka Royal Cultural Group, 10. Tulandula, by Libala Cultural Group, 11. Tukonkobele Suite, by Sibupiwa Cultural Group, 12. Ndele Ku Batonesha, by Sibupiwa Cultural Group, 13. Kachacha, by Chiweka Dancing Cultural Group.




Wenn man an Musik aus Afrika denkt, dann vor allem an West-, Nord- und Südafrika. Doch auch fernab der bekannten Musikzentren wie Lagos, Kinshasa oder Johannesburg, läßt sich eigentlich überall hervorragende und mitreißende Musik auf dem Kontinent finden, das habe auch ich überall hören können. In Somalia, Tschad, Niger und Ruanda. Das kleine holländische Independent Label SWP-Records hat sich daher schon seit vielen Jahren dem Sound im Südosten Afrikas verschrieben.

Die aktuelle Musikreise geht nach Barotseland, in den Westen der Republik Sambia. Barotseland war einst ein 400 Jahre altes Königreich, das später als britische Kolonie Teil von Nordrhodesien wurde. Und genau dort wurde 1954 Michael Baird geboren. Im Alter von 10 Jahren, nach der Unabhängigkeit Sambias von Großbritannien, zog seine Familie nach Europa. Doch Michael Baird kehrt seit Jahren mehr oder weniger regelmäßig zu seinen musikalischen Wurzeln zurück und die sind, so sagt er, in Sambia. „Da ich schon in anderen Teilen von Sambia und auch in Simbabwe und Lesotho aufgenommen habe, wollte ich auch endlich in die westliche Provinz, so nennt die Regierung in Lusaka diese Region, sie weigern sich es Barotseland zu nennen. Sie versuchen so, den Ruf nach einer nationalen Identität zu verhindern, denn sie haben Angst, dass Sambia sich spalten könnte.“

Es gibt in Barotseland durchaus eine Unabhängigkeitsbewegung, doch aufgrund der abgeschiedenen Lage der Region an der Grenze zu Angola wird sie kaum wahrgenommen und von der Regierung in Lusaka auch unterdrückt. Selbst der legendäre Musikethnologe Hugh Tracey, der über Jahrzehnte Musik in verschiedenen afrikanischen Ländern aufnahm, kam nie in diese abgelegene und schwer zu erreichende Gegend. „Er nahm zwar Lozi Musik aus der Gegend auf“ so Michael Baird, „aber die wurde von jenen gespielt, die in den Kupfer- und Kohleminen im damaligen Südrhodesien, dem heutigen Simbabwe arbeiteten. Er war nie da und auch heute gibt es nur eineinhalb Straßen dorthin. Es ist eine sehr interessante Musik mit einer interessanten Geschichte, die auch die nationale Barotse-Identiät widergibt, das kann man auch in der Musik hören.“

Die Musik, so Baird, sei unpolitisch, aber sie halte die kulturellen Wurzeln durch die überlieferten Texte und die traditionellen Instrumente am Leben. „Am meisten wird in Barotseland das Silimba Xylophon gespielt, es ist ein sehr großes Xylophon, zweieinhalb bis drei Meter lang. Und es wird von zwei Leuten gespielt, einer an der unteren Seite, der andere an der oberen. In einigen Dörfern findet man sogar Riesen Silimba Xylophone, die rund fünf Meter lang sind. Die werden dann von vier, fünf Männern gespielt.“ Die Begeisterung ist ihm anzuhören. Er ist selbst Musiker. Aus vielen Gesprächen mit ihm weiß ich, dass es für ihn wichtig ist, all jene zu bezahlen, die er mit seinen Mikrofonen vor Ort aufnimmt und auf SWP veröffentlicht. Und oftmals überrascht er sie alle mit seiner Begeisterung für ihre Musik: „Es ist ganz speziell für diesen Teil Afrikas und ja, auch eher unbekannt. Niemand kennt wirklich diese Region Afrikas. Ich hoffe, mit dieser Veröffentlichung kann man hören, dass die Musik einfach unterschätzt wird, denn sie ist wirklich gut.“

Die Geschichte des Barotselandes und die Reise von Michael Baird dorthin wird in diesem Klangbuch ausführlich in einem umfangreichen Booklet mit zahlreichen Fotos erzählt. Die Musik-Aufnahmen, die auf zwei Trips 2016 und 2018 entstanden sind, belegen einmal mehr, dass es noch so viel wunderbare Musik fernab der Metropolen, Charts und herkömmlichen Genres zu entdecken gibt.