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Donnerstag, 20. März 2025

Steven Wilson – The Overview

 



Steven Wilson – The Overview


Besetzung:

Steven Wilson – vocals, keyboards, acoustic bass, bass guitar, piano, acoustic guitars, electric guitars, strings, harmonium, percussion, sound design, drum programming, handclaps, celesta


Gastmusiker:

Randy McStine – sound design / fx, vocals, guitars, backing vocals, moog, ukulele
Russell Holzman – drums
Adam Holzmann – mellotron, hammond organ, piano, modular synthesizer, rhodes piano, moog
Willow Beggs – vocals
Theo Travis – jasonsaxes, ambient flutes, soprano saxophone
Andy Partridge – lyrics
Rotem Wilson – voice
Niko Tsonev – guitar solo
Craig Blundell – drums


Label: Fiction


Erscheinungsjahr: 2025


Stil: Progressive Rock


Trackliste:

1. Objects Outlive Us (23:19)

    - No Monkey's Paw
    - The Buddha Of The Modern Age
    - Objects: Meanwhile
    - The Cicerones
    - Ark
    - Cosmic Sons Of Toil
    - No Ghost On The Moor
    - Heat Death Of The Universe

2. The Overview (18:21)

    - Perspective
    - A Beautiful Infinity I
    - Borrowed Atoms
    - A Beautiful Infinity II
    - Infinity Measured In Moments
    - Permanence

Gesamtspieldauer: 41:40



Steven Wilson meinte in einem Interview, dass er sich auf keinen Fall wiederholen möchte. Und dies macht er mit seinem neuen Album „The Overview“ auch keinesfalls. Einmal mehr bewegt sich Steven Wilson auf neuen musikalischen Pfaden, die dieses Mal nicht nur wegen der beiden langen Nummern von jeweils etwa zwanzig Minuten, wieder in Richtung Progressive Rock tendieren. Oder mag man es New Artrock nennen? Egal, „The Overview“ wirkt und klingt überzeugend.

„The Overview“ ist ein Konzeptalbum geworden, welches sich mit dem Universum, der Erde, der Menschheit und deren Platz in eben diesem Universum beschäftigt. Dabei wechselt die Musik genretechnisch von Ambient über Pop und Rock zu Elektronik. Weiter gibt es Artrock, Progressive Rock sowie einen kurzen Fusion-Ausflug zu hören. Auch wenn sich „The Overview“ stark von den Vorgängeralben Steven Wilsons und auch jenen von Porcupine Tree unterscheidet, so hört man trotzdem sehr schnell heraus, dass es sich hier um eine Steven Wilson Platte handelt. Sind es die Harmonien, die Genrewechsel oder auch der Gesang des Engländers, immer wieder stößt man unweigerlich auf Passagen in der Musik, die eindeutig auf Steven Wilson hindeuten.

Dabei erhört man auch andere Einflüsse in der Musik auf „The Overview“. Mal ist es ein Abschnitt mit einer Reminiszenz an David Bowie, dann wieder ein kurzer Abschnitt, der mich sehr an „Starless“ von King Crimson erinnert. Alles klingt dabei in sich schlüssig, sowohl die Genreübergänge, wie auch jene gerade erwähnten Anspielungen – bewusst oder unbewusst gewählt. Dies gilt ebenso für neue gesangliche Facetten, die Steven Wilson mit Falsett-Gesang erklingen lassen oder Fusion-artige Passagen, die unweigerlich zum Vibrieren des Trommelfells führen.

Beide Titel überzeugen für sich. Der Titeltrack beginnt dabei nochmals überraschend mit pulsierenden Synthesizer-Sounds, ist insgesamt auch deutlich Synthesizer-lästiger, als der erste Titel „Objects Outlive Us“. Er weist jedoch trotzdem auch wieder sehr viel Abwechslung und genreübergreifende Musik auf. Obwohl anders gestaltet, ergänzen sich beide Nummern zu einem großen Ganzen und insgesamt zu einem sehr gelungenen Album.

Fazit: Wieder mal neue Töne von Steven Wilson, der sich eben auch nicht wiederholen möchte. Gelungen, kann man sagen. „The Overview“ klingt anders, als die bisherigen Platten des Steven Wilson und dabei abwechslungsreich und spannend. Tolle Musik, um Eindrücke aus dem Weltall zu genießen – obwohl die Platte definitiv keine Ambient-Platte ist. Elf Punkte.

Anspieltipps: Bei zwei Liedern, beide.



Samstag, 30. September 2023

Steven Wilson – The Harmony Codex

 



Steven Wilson – The Harmony Codex


Besetzung:

Steven Wilson – vocals, piano, synthesizer programming, basset horn, harp, acoustic and electric guitars, bass, hammond organ, percussion, strings, programming


Gastmusiker:

Theo Travis – flute (1), saxophone (4), duduk (6)
Nils Peter Molvaer – trumpet (1,6)
Adam Holzman – keyboards
David Kollar – guitar
Niko Tsonev – guitar
Pat Mastellotto – drums, percussion (1)
Nate Navaro – fretless bass (1)
Jack Dangers – vocal programming, drum machine (1,2)
Ninet Tayeb – vocals, background vocals, guitar (5)
Craig Blundell – drums (2,5,6,9)
Guy Pratt – bass (2)
Nate Woods – drums (4)
Ben Coleman – violin (4)
Lee Harris – electric guitar (4)
Rotem Wilson – voice (9), vocals (7)
Nick Beggs – guitar (9)




Erscheinungsjahr: 2023


Stil: ArtPop, ArtRock, Progressive Rock


Trackliste:

1. Inclination (7:16)
2. What Life Brings (3:39)
3. Economies Of Scale (4:18)
4. Impossible Tightrope (10:44)
5. Rock Bottom (4:25)
6. Beautiful Scarecrow (5:21)
7. The Harmony Codex (9:50)
8. Time Is Running Out (3:59)
9. Actual Brutal Facts (5:06)
10. Staircase (9:27)

Gesamtspieldauer: 64:05



„The Harmony Codex“ ist das siebte Solo-Studioalbum des Briten Steven Wilson, den man natürlich hauptsächlich als Musiker und Ideengeber „seiner“ Band Porcupine Tree kennt. Und nach dem fast schon unsäglichen, zwei Jahre zuvor erschienenen „The Future Bites“, durfte man wahrlich gespannt sein, was Steven Wilson seinen Hörerinnen und Hörern dieses Mal kredenzen würde.

Angekündigt wurde „The Harmony Codex“ als „genreübergreifende Sammlung, die sich wie eine musikalische Puzzleschachtel öffnet“. Dazu sollte das Album musikalisch komplexer klingen, als das bereits erwähnte „The Future Bites“, welches ein Pop bis Mainstream-Album war. Und tatsächlich, gleich beim ersten Hören fallen einem die musikalischen und genremäßigen Varianten auf, die das Album zu einer sehr abwechslungsreichen Scheibe werden lassen. Man hört auf „The Harmony Codex“ Progressive Rock, ArtPop und ArtRock, Ambient, elektronische Musik, experimentelle Musik, jazzige Anleihen, Rock und Pop. Klingt wirr und konstruiert, doch schnell merkt man, dass sich dies alles sehr schön zu einem gelungen, großen Ganzen zusammenfügt.

„The Harmony Codex“ lebt von der Abwechslung und die klingt vom ersten bis zum letzten Akkord sehr überzeugend. Dazu trägt auch bei, dass dieses Mal nicht nur Steven Wilson am Gesang zu hören ist. Ninet Tayeb lockert mit ihren Vocals das Album wunderschön auf und auch die Stimme von Rotem Wilson trägt zu diesem Eindruck bei. Und schließlich schafft es Steven Wilson auf diesem Album ruhige Momente mit treibenderen Passagen zu verbinden, sphärische Elemente mit jazzigen Tönen abzuwechseln, einfache Melodien mit komplexen, deutlich progiggeren Tonfolgen konkurrieren zu lassen und dabei auch sehr schöne Melodien zu kreieren, die sich im Ohr festsetzen. Bereits beim zweiten Hören hat man den Eindruck, dieses oder jenes Lied bereits zu kennen. Doch mit jedem weiteren Durchlauf wird dieses Gefühl noch intensiver und die Musik wirkt noch wertvoller.

Fazit: Nachdem letztes Jahr am 24.6. ein neues und überzeugendes Porcupine Tree-Album veröffentlicht worden ist, war man als Fan dieser Musik um Steven Wilson schon wieder ein wenig versöhnt. Nun lässt dieser tolle Musiker auch noch solo ein sehr gelungenes Album folgen, welches sich so variantenreich generiert, wie kaum eine Scheibe zuvor von Steven Wilson oder Porcupine Tree. Und das passt alles gut zusammen – sehr gut sogar. Elf Punkte.

Anspieltipps: Impossible Tightrope, The Harmony Codex



Freitag, 29. Januar 2021

Steven Wilson – The Future Bites

 



Steven Wilson – The Future Bites


Besetzung:

Steven Wilson – guitars, bass, keyboards, synthesisers, samplers, shaker, piano, fender Rhodes, autoharp, percussion, handclaps, vibraphone, shortwave radio, vocals


Gastmusiker:

David Kosten – programming, synthesizers, drone
Yali – voices
Mia – voices
Richard Barbieri – synthesizers
Wendy Harriott – vocals
Bobbie Gordon – vocals
Crystal Williams – vocals
Rou Reynolds – vocals
Rina Mushonga – vocals
Mos Capri – vocals
JAKL – vocals
Yali – the kids voices on “Self”
Mia – the kids voices on “Self”
Emilia – the kids voices on “Self”
Lihi – the kids voices on “Self”
Romi – the kids voices on “Self”
Guy – the kids voices on “Self”
Gali – the kids voices on “Self”
Mati – the kids voices on “Self”
Tom – the kids voices on “Self”
Shai – the kids voices on “Self”
Jason Cooper – cymbals, percussion
Michael Spearman – drums, hi-hat
Blaine Harrison– vocals
Jack Flanagan – vocals
Nick Beggs – chapman stick, phased guitar, cutlery, bass guitar
London Session Orchestra conducted by Guy Protheroe – orchestra
Elton John – voice
Rotem Wilson – voice
Fyfe Dangerfield – vocals
Adam Holzman – doepfer modular synthesiser




Erscheinungsjahr: 2021


Stil: Pop, Mainstream


Trackliste:

1. Unself (1:05)
2. Self (2:55)
3. King Ghost (4:06)
4. 12 Things I forgot (4:42)
5. Eminent Sleaze (3:53)
6. Man Of The People (4:42)
7. Personal Shopper (9:49)
8. Follower (4:39)
9. Court Of Unease (6:08)

Gesamtspieldauer: 42:03



Nun, mit einem halben Jahr Verspätung erscheint am 29. Januar doch noch das siebte Soloalbum des Steven Wilson. „The Future Bites“ heißt das Album und wird auf dem Plattenlabel Caroline International veröffentlicht. Inhaltlich beschäftigt sich der Brite auf dem Album mit dem Konsum in unserer und zukünftiger Zeit, dem wir nicht mehr entfliehen können, dem wir zwanghaft unterworfen sind.

Sieht man es positiv, so kann man festhalten, dass sich dieses Album auch absolut nach Konsum, nach Massenware, nach Mainstream anhört. „The Future Bites“ ist ein Pop-Album geworden, in dem auch immer wieder Disco-Anleihen aufgegriffen werden. Progressive Rock wie man ihn auf Porcupine Tree Alben oder auf seinen ersten Soloalben hörte? Nein, sicherlich nicht. Die Lieder auf „The Future Bites“ sind an vielen Stellen zu eingängigem Pop geschliffen worden, der ein neues Käuferklientel ansprechen soll. Dieser auf „To The Bone“ eingeschlagene Weg wird mit diesem neuen Album also konsequent fortgesetzt.

Dabei beginnt die Platte mit dem leider sehr kurzen „Unself“ noch relativ vielversprechend. Stimmungsvoll und sphärisch wird damit das Album eingeleitet. Doch mit „Self“ folgt dann sofort, der zu diesem Zeitpunkt noch überraschende Bruch. Nun hört man auf „The Future Bites“ seichtes Gestampfe, Pop- und Disco-Sounds und ebensolche Melodien. Dazu versucht sich Steven Wilson häufig im Falsett-Gesang. Das bekommt er gut hin, aber mag man dies auch wirklich von ihm hören? Und so fließt diese Scheibe vor sich hin. Hört man nicht genau zu, so wird es kaum einen Moment geben, der einen Aufhorchen lässt. Das Gehörte ist einfach zu langweilig – besonders natürlich, wenn man auf die Musik des Briten der Neunziger bis Mitte der Zehner Jahre steht.

Dabei klingen die einzelnen Lieder sogar auch immer wieder eingängig und melodiös. Allerdings sind diese Eindrücke absolut austauschbar, trivial und eben nichts Besonderes mehr. Es gibt genügend Bands, die das auch können – zumindest in ähnlicher Art und Weise. Der Erfolg wird ihm sicher Recht geben, „The Future Bites“ wird sich gut verkaufen. Besser verkaufen als eine Progressive Rock Scheibe. Wer sollte ihm das verübeln? Niemand. Nur begeistern wird das Album die ehemaligen Fans seiner Musik eben auch nicht. Sei es drum.

Eine kleine Versöhnung bietet Steven Wilson seinen Hörerinnen und Hörern der früheren Zeiten übrigens dann doch noch mit dem letzten Stück „Court Of Unease“ an. Das Lied ist ein sehr atmosphärisches, ruhiges und intensives Stück, welches sogar auf einem Porcupine Tree Album Platz gefunden hätte ohne dort wie ein Fremdkörper zu wirken. Von allen anderen Liedern der Scheibe – bis auf das kurze Intro – kann man dies leider nicht behaupten.

Fazit: Steven Wilson ist endgültig im Pop und Mainstream angekommen. Wer auf solche Musik steht, die oder der dürfte hier gewiss etwas für sich finden. Wer gerne Porcupine Tree hörte, die früheren Alben des Steven Wilson liebt, die oder der dürfte dementsprechend etwas oder sogar noch mehr von „The Future Bites“ enttäuscht werden. „The Future Bites“ ist kein katastrophal schlechtes Album geworden, aber leider an vielen Stellen austauschbar und langweilig. Acht Punkte.

Anspieltipps: Unself, Court Of Unease



Samstag, 14. Oktober 2017

Steven Wilson – To The Bone




Steven Wilson – To The Bone


Besetzung:

Steven Wilson – vocals, guitars, bass, keyboards


Gastmusiker:

Ninet Tayeb – vocals, backing vocals
David Kollar – guitars
Paul Stacey – guitar solo
Nick Beggs – bass
Robin Mullarkey – bass
Adam Holzman – piano, clavinet, organ, solina strings
Craig Blundell – drums
Jeremy Stacey – drums
Pete Eckford – percussion
Mark Feltham – harmonica
Sophie Hunger – vocals
Jasmine Walkes – spoken word
David Kilminster – backing vocals
Dave Stewart – strings
The London Session Orchestra – strings
Paul Draper – sequencer
Andy Partridge – lyrics


Label: Caroline International


Erscheinungsdatum: 2017


Stil: Pop, Rock


Trackliste:

1. To The Bone (6:41)
2. Nowhere Now (4:03)
3. Pariah (4:46)
4. The Same Asylum As Before (5:14)
5. Refuge (6:44)
6. Permanating (3:34)
7. Blank Tapes (2:08)
8. People Who Eat Darkness (6:02)
9. Song Of I (5:21)
10. Detonation (9:19)
11. Song Of Unborn (6:00)

Gesamtspieldauer: 59:58




Ich zähle „To The Bone“ an dieser Stelle als sechstes Steven Wilson Solo-Album, da die Vorgängerplatte, „4½“, zwar aus nicht ganz neuem Material bestand, dieses jedoch noch unveröffentlicht war und mit einer Gesamtlaufzeit von knapp 37 Minuten auch nicht mehr richtig als EP bezeichnet werden kann. Dementsprechend wurde also am 18. August 2017 das sechste Studioalbum des Steven Wilson veröffentlicht. „To The Bone“ heißt dieses wie bereits erwähnt und es erschien auf dem Plattenlabel Caroline International.

Soweit so gut. Steven Wilson ist unfassbar kreativ, sodass man sich schon bei der Ankündigung der Veröffentlichung auf einer weitere tolle Platte des Musikers freuen konnte, der dem Progressive Rock auch im neuen Jahrtausend ein Gesicht gab. Umso enttäuschter ist man dann als Musikhörer und Fan, wenn man sich diese Platte anhört. Immer und immer wieder anhört, aber es wird einfach nicht besser oder interessanter. Nein, auf „To The Bone“ gibt es keinen Progressive Rock mehr zu hören. Das, was man hier zu hören bekommt, ist mit wenigen Ausnahmen schlichter Pop-Rock, meist sehr radiotauglich und auch genau dafür geschrieben. Nicht anders kann man wohl die sechs Single-Auskopplungen („Pariah“, „The Same Asylum As Before“, „Song Of I“, „Permanating“, „Refuge“ sowie „Nowhere Now“) in der Zeit von Mai bis September 2017 interpretieren. Als eingängiger Pop-Rock ist die Musik konzipiert und genauso klingt sie auch.

Leider versinkt Steven Wilson mit seiner Musik auf „To The Bone“ im poppig rockigen Mittelmaß. Nur noch sehr wenig weiß hier zu begeistern, kaum mehr etwas erinnert an seine frühere Band Porcupine Tree, wenig an so manch überzeugendes Lied seiner bisherigen Solo-Veröffentlichungen. Zumeist hören sich die Lieder langweilig bis belanglos an. Musik dieser Art gibt es zuhauf und sie hinterlässt auch dort keine Spuren. Nur noch wenig geht auf „To The Bone“ ins Ohr und wenn Steven Wilson beim Titel „Permanating“ sowohl musikalisch wie gesanglich versucht einen Auftritt in einer Disco zu ergattern, dann bleibt man als Musikfreund, der die Lieder dieses begnadeten Musikers und Komponisten wegen seiner Besonderheiten liebte, nur kopfschüttelnd zurück. Das Electric Light Orchestra lebt hier während seiner Disco-Phase wieder auf.

Fazit: Man muss nicht kreischend den Raum verlassen, wenn man „To The Bone“ hört. Ganz im Gegenteil, man wird diese Platte kaum wahrnehmen, zu angepasst und im Enddefekt dann auch belanglos klingt die Scheibe an vielen Stellen. Ab und an kann ein Lied mal mehr überzeugen, leider jedoch eben nur manchmal. Vieles auf „To The Bone“ klingt nach gezielter Eingängigkeit, um oft im Radio gespielt zu werden. Wahrscheinlich werden Steven Wilson die Verkaufszahlen Recht geben. Aber ich muss mir das wirklich nicht zu oft anhören. Verlangt ja auch keiner. Acht Punkte.

Anspieltipps: Refuge, Blank Tapes



Sonntag, 31. Januar 2016

Steven Wilson – 4½




Steven Wilson – 4½


Besetzung:

Steven Wilson – guitars, lead vocals, autoharp, mellotron, piano, percussion, virtual instruments


Gastmusiker:

Adam Holzman – wurlitzer, hammond organ, minimoog, rhodes, piano
Dave Kilminster – guitar
Nick Beggs – bass, chapman stick, backing vocals
Guthrie Govan – guitar (track 3)
Craig Blundell – drums (tracks 1, 5, and 6)
Marco Minnemann – drums (track 3)
Chad Wackerman – drums (track 4)
Theo Travis – reeds (tracks 4 and 6)
Ninet Tayeb – vocals (track 6)


Label: Kscope


Erscheinungsdatum: 2016


Stil: Progressive Rock, Rock


Trackliste:

1. My Book Of Regrets (9:35)
2. Year Of The Plague (4:19)
3. Happiness III (4:32)
4. Sunday Rain Sets In (3:54)
5. Vermillioncore (5:13)
6. Don't Hate Me (9:34)

Gesamtspieldauer: 36:51




Ups, da bringt Steven Wilson Anfang des Jahres sein neues Studioalbum raus und man fragt sich, wie er das alles „auf die Reihe bekommt.“ So viele Projekte und dann zusätzlich noch das Re-Mastering alter Klassiker verschiedener Bands und dann schon wieder eine neue Veröffentlichung? Wieso hat der Tag eines Steven Wilson eigentlich mehr als 24 Stunden und meiner nicht? Nun, die Antwort ist bereits im Titel des Albums eingepflegt. „4½“ bedeutet in diesem Fall, dass es sich wohl doch nicht so ganz um die fünfte Solo-Platte des Porcupine Tree Sängers und Gitarristen handelt. Auf „4½“ gibt es Musik zu hören, die schon, zumindest in den Ursprüngen, etwas länger existiert. Nur hatte es diese Musik bisher in jener Form weder auf ein Porcupine Tree noch auf ein Steven Wilson Solo-Album geschafft. Man kann hier zwar nicht von „Resteverwertung“ sprechen, denn dazu ist das hier zu hörende Material einfach zu gut und auch noch erweitert und überarbeitet worden, jedoch beinhaltet „4½“ Musik, die eben ursprünglich nicht extra für diese Scheibe geschrieben wurde und die mancher Hörerin, manchem Hörer vielleicht an den ein oder anderen Stellen sogar bereits bekannt vorkommt.

Nun, dies wird sicherlich beim letzten Lied „Don’t Hate Me“ der Fall sein, welches Porcupine Tree Freunde bereits von der Platte „Stupid Dream“ aus dem Jahr 1999 her kennen dürften. Die Nummer ist in dieser Version auf „4½“ allerdings ein wenig „aufgehübscht“ worden. So hört man hier neben Steven Wilson selbst, Ninet Tayeb beim Gesang, die bereits auf dem letzten Steven Wilson Album „Hand.Cannot.Erase“ zu hören war. Dazu gesellt sich Theo Travis am Saxophon mit einem wahrlich beeindruckenden Solo, welches Erinnerungen an Pink Floyds „The Dark Side Of The Moon“ aufkommen lässt. Auch sonst taucht immer wieder mal eine Akkordfolge auf „4½“ auf, die einem bereits in einem Pocupine Tree oder aber einem Solo-Werk des Steven Wilson begegnet war. Allerdings handelt es sich hier nun wirklich nur um kurze Fragmente, nicht mehr so wie bei „Don’t Hate Me“ um ein vollständiges Lied.

Ansonsten hört man auf „4½“ manchmal sphärische Musik, manchmal sehr überzeugenden Progressive Rock, wie er eben im 21. Jahrhundert klingt. Da gibt es die langsamen und getragenen Parts genau wie die treibenden Abschnitte. Und wieder hat es Steven Wilson dabei geschafft, viele neue Melodien zu kreieren die sich ziemlich schnell bei Hörerin und Hörer festzusetzen verstehen. Das macht schon jede Menge Laune auf mehr, welche allerdings bei einem Album, das in der heutigen Zeit deutlich unter vierzig Minuten Laufzeit aufweist, nicht befriedigt wird. Dies ist ganz klar ein Nachteil dieser Scheibe, die sonst musikalisch durchaus zu überzeugen versteht. Und wenn man sich dann noch bewusst macht, dass dies hier eine Platte ist, angefüllt mit ursprünglichen Schnipseln und Ideen, die zum Teil aus Liveauftritten stammen oder bereits über zwölf Jahre alt sind, dann wundert man sich noch ein wenig mehr, wie viel Kreativität in diesem Musiker zu stecken scheint.

Fazit: Nun, „4½“ kann durchaus als das fünfte Solo-Album des Steven Wilson angesehen werden, auch wenn die Ideen auf dieser Platte schon deutlich vor dem Veröffentlichungstermin entstanden sind und zum größten Teil dann Mitte des Jahres 2015 erst fertiggestellt wurden. Das Album ist etwas kurz geraten, sicherlich ein kleiner Nachteil, allerdings entschädigt die Musik dafür, die Steven Wilson Fans den Tag versüßen dürfte. Zehn Punkte.

Anspieltipps: My Book Of Regrets, Year Of The Plague, Don't Hate Me



Sonntag, 19. April 2015

Steven Wilson – Insurgentes




Steven Wilson – Insurgentes



Besetzung:

Steven Wilson – vocals, acoustic & electric guitars, acoustic & electric pianos, keyboards, synthesizers, harmonium, mellotron, bass guitar, percussion, drum & keyboard programming, ambient noise, loops


Gastmusiker:

Gavin Harrison – drums, cymbals
Tony Levin – bass
Mike Outram – electric guitar
Dirk Serries – guitar drones
Jordan Rudess – piano
Clodagh Simonds – vocals
Sand Snowman – acoustic and processed acoustic guitars, recorders
Theo Travis – wah-flute, clarinet, saxophone
Michiyo Yagi – 17-string bass koto, 21-string koto


Label: kscope


Erscheinungsdatum: 2008


Stil: Independent, Alternative, Postrock, Prog


Trackliste:

1. Harmony Korine (5:07)
2. Abandoner (4:48)
3. Salvaging (8:17)
4. Veneno Para Las Hada (5:57)
5. No Twilight Within The Courts Of The Sun (8:37)
6. Significant Other (4:31)
7. Only Child (4:24)
8. Twilight Coda (3:24)
9. Get All You Deserve (6:17)
10. Insurgentes (3:55)


DVD:

Advanced Resolution 5.1 Of Insurgentes (24/48 resolution)

Gesamtspieldauer CD: 55:22 (DVD selbiges)




„Insurgentes” nannte Steven Wilson sein erstes Solo-Album, welches im Jahr 2008 veröffentlicht wurde. Seine Band Porcupine Tree sollte ein Jahr später noch mal ein Album veröffentlichen, dann war da jedoch erst mal Schluss – zumindest bis heute im Jahr 2015. „Insurgentes” ist spanisch und bedeutet so viel wie „Aufständischer“ oder „Aufrüher“. Also aufrührerisch klingt die Platte keinesfalls, allerdings klingt sie auch nicht einfach.

Nun, ich muss sogar zugeben, dass die Scheibe überaus kompliziert klingt. Gar nicht so eingängig beim ersten Hören, obwohl Steven Wilson seine Hörer auch auf „Insurgentes“ mit sanften Klängen zu verwöhnen versucht. Allerdings gibt es neben diesen ruhigen Klängen durchaus auch verstörende Abschnitte, die nicht mehr so ohne weiteres den Weg in das Klangzentrum des Gehirns finden wollen.

„Insurgentes“ ist eines jener Alben, welches der Hörerin oder dem Hörer ihre Schönheit erst nach vielen Durchgängen offenbart. Mit zwei oder drei Durchläufen ist es da definitiv nicht getan. Nimmt man sich jedoch die Zeit und räumt dieser Platte immer und immer wieder die Möglichkeit zum Reifen ein, wird man nach einer gewissen Zeit doch noch beschenkt werden. Trotzdem schien Steven Wilson der Weg, den er mit diesem Soloprojekt einzuschlagen gedachte, noch nicht ganz klar gewesen zu sein. Soll es eher in die experimentelle Richtung gehen oder sich doch lieber an den tollen, ruhigen Songs von Porcupine Tree orientieren? Die Antwort scheint Steven Wilson nicht leicht gefallen zu sein, beziehungsweise fand er überhaupt eine Antwort? Diese Frage kann wohl verneint werden, denn irgendwie befindet sich ein buntes Potpourri auf „Insurgentes“, die tolle, eingängige und melodiöse Melodie genau wie die sehr experimentelle Passage, die dann eher ein Klanggebilde darstellt, als ein „richtiges“ Lied. Jedoch hat das alles was, ist spannend und eindeutig progressiver Rock, der im neuen Jahrtausend spielt und auch genau dort hingehört. Das ist null Radiomusik, jedoch wer möchte so etwas schon von Steven Wilson hören?

Fazit: „Insurgentes“ ist keine einfache Scheibe geworden. Die folgenden Platten von Steven Wilson sind deutlich einfacher, „griffiger“ und auch melodiöser geraten. Selbiges gilt auch für die meisten Porcupine Tree Platten. Trotzdem ist „Insurgentes“ eine sehr interessantes Album geworden, dem man eben die Zeit zum Reifen einräumen sollte. Immer nur einfach, das ist doch auch langweilig. Elf Punkte.

Anspieltipps: Harmony Korine, Abandoner, Insurgentes



Sonntag, 1. März 2015

Steven Wilson – Hand.Cannot.Erase




Steven Wilson – Hand.Cannot.Erase


Besetzung:

Steven Wilson – lead vocals, mellotron, keyboards, guitars, bass


Gastmusiker:

Guthrie Govan – lead guitar
Nick Beggs – bass guitar, chapman sticks
Adam Holzman – keyboards, piano
Marco Minnemann – drums, percussion
Ninet Tayeb – vocals
Theo Travis – flutes, saxophones


Label: Kscope


Datum: 2015


Stil: Rock, Pop, Progressive Rock



Trackliste:

1. First Regret (2:01)
2. 3 Years Older (10:17)
3. Hand Cannot Erase (4:17)
4. Perfect Life (4:46)
5. Routine (9:02)
6. Home Invasion (6:24)
7. Regret #9 (5:00)
8. Transience (2:48)
9. Ancestral (13:33)
10. Happy Returns (6:00)
11. Ascendant Here On... (1:56)

Gesamtspielzeit: 1:06:07




In zweijährigen Abständen veröffentlicht Steven Wilson inzwischen, neben seinen vielen anderen Beschäftigungen, seine Solo-Alben. 2009 startete er mit „Insurgentes“ und wenn man richtig mitrechnet wird klar, dass 2015 sein viertes Solo-Werk kommen musste. Nun, am 27. Februar war es dann soweit, „Hand.Cannot.Erase“ wurde veröffentlicht. Es handelt sich dabei um ein Konzeptalbum, welches auf der Geschichte der Joyce Carol Vincent basiert. Die damals 38-jährige Frau verstarb wohl im Dezember 2003 aus nicht mehr ganz nachzuvollziehenden Gründen in ihrer Wohnung, neben eingepackten Weihnachtsgeschenken. Traurig so jung zu versterben, das Besondere an der Geschichte dieser Frau jedoch, dass sie erst etwas über zwei Jahre später gefunden wurde, nämlich im Januar 2006. Dies, obwohl sie Freunde hatte, eine Familie und arbeiten ging. Doch irgendwie schien niemand zu merken, dass da ein Mensch fehlte beziehungsweise niemand kümmerte sich und so lag sie da über zwei Jahre in ihrer Londoner Wohnung, unbemerkt.

So, nun aber zur Musik, die einmal mehr sehr überzeugen kann. Insgesamt ist das eine Mischung aus Rock, Pop und Progressive Rock. Das klingt bei Steven Wilson alles sehr ausgereift und durchdacht. „Hand.Cannot.Erase“ ist wirklich etwas poppiger geworden, als noch der Vorgänger „The Raven That Refused To Sing“. Dafür ist die Scheibe allerdings noch ein wenig eingängiger geworden. Immer wieder trifft man auf Pianoläufe, in die man sich einfach nur noch fallen lassen kann. Dann wird wieder gerockt, was das Zeug hält und man bekommt die Möglichkeit das Haupthaar ordentlich durchzuwirbeln. Diese mitunter eingestreute Härte, wird jedoch immer wieder musikalisch aufgelöst und mündet meist in wunderschönen Melodien.

Steven Wilson schaffte es mit Porcupine Tree und mit seinem Solowerk, ein fast schon ausgestobenes Musikgenre wieder salonfähig zu machen. Mit „Hand.Cannot.Erase“ geht er nun sogar noch einen Schritt weiter, er eröffnet dieser Musik noch ein wesentlich größeres Publikum, ohne dabei anbiedernd oder aber platt zu wirken. Wenn man sich überlegt, wie viele Bands, die vorher für Progressive Rock standen, Ende der 70er Jahre versuchten mit poppigen Klängen erfolgreicher zu werden und kläglich scheiterten, dann kann man hier bei Steven Wilson sehen, wie das hätte doch funktionieren können. Es gibt sie auf „Hand.Cannot.Erase“, die krummen Takte, die etwas schrägeren Töne, die überraschenden Wechsel in der Musik und im Rhythmus. Es gibt sie, die lauten und die leisen Stellen, die Wechsel im Tempo und der Intensität. Der Pfad der Eingängigkeit wird auf „Hand.Cannot.Erase“ jedoch niemals verlassen, alles klingt und wirkt und hallt nach.

Bei der Deluxe Version des Albums, kann man dann auf der Zusatz DVD die Scheibe auch im 5.1-Mix hören. Unter den Extras befindet sich zudem eine Studio-Dokumentation über die Einspielung von „Hand.Cannot.Erase“ sowie jede Meng Photomaterial.

Fazit: „Hand.Cannot.Erase“ ist ganz sicher kein Heavy Metal Album, allerdings auch keine Soft Rock Platte. „Hand.Cannot.Erase“ ist Progressive Rock, der überaus massentauglich ist, dadurch jedoch nichts von seiner Ausdrucksstärke und Spannung verliert. Die Scheibe macht einfach Spaß und wächst mit jedem weiteren Durchlauf immer mehr. Alles wird noch ein wenig vertrauter und intensiver. Möchte ich nicht mehr missen und das weiß ich bereits nach drei Tagen des Hörens. Klar erfindet hier Steven Wilson den Progressive Rock oder gar die Musik nicht neu, jedoch bereichert er beide mit „Hand.Cannot.Erase“ – und damit auch uns, seine Zuhörer. Zwölf Punkte.

Anspieltipps: 3 Years Older, Hand Cannot Erase, Routine (der Ehrlichkeit halber muss ich hier allerdings anfügen, dass ich auch jeden anderen Titel hier hätte erwähnen können)



Sonntag, 3. März 2013

Steven Wilson – The Raven That Refused To Sing And Other Stories




Steven Wilson – The Raven That Refused To Sing And Other Stories


Besetzung:

Steven Wilson – vocals, mellotron, keyboards, guitars, bass guitar on “The Holy Drinker”


Gastmusiker:

Nick Beggs – bass guitar, chapman sticks on “The Holy Drinker”, backing vocals
Guthrie Govan – lead guitar
Adam Holzman – fender rhodes, hammond organ, piano, minimoog
Marco Minnemann – drums, percussion
Theo Travis – flutes, saxophones, clarinet
Jakko Jakszyk – additional vocals on “Luminol” and “The Watchtower”
Alan Parsons – haw-haw guitar on “The Holy Drinker”


Label: Kscope


Erscheinungsdatum: 2013


Trackliste:

1. Luminol (12:10)
2. Drive Home (7:37)
3. The Holy Drinker (10:14)
4. The Pin Drop (5:03)
5. The Watchmaker (11:42)
6. The Raven That Refused To Sing (7:57)

Gesamtspieldauer: 54:53




Man weiß einfach nicht, wie Steven Wilson das alles zustande bringt. Da mischt er alte Klassiker des Progressive Rock ab, bedient seine diversen Bandprojekte, spielt als Gastmusiker auf Veröffentlichungen anderer Bands mit und findet trotzdem noch die Zeit, eigene Solo-Projekte zu verwirklichen. Sein Tag scheint 72 Stunden zu haben. Hat er aber nicht! Nun könnte man meinen, dass dies der Qualität der Werke nicht gerade zuträglich wäre. Doch weit gefehlt, auch das neue Album „The Raven That Refused To Sing And Other Stories“ bewegt sich auf allerhöchstem Niveau. So klingt Progressive Rock, der im 21. Jahrhundert angekommen ist.

Seit drei Tagen habe ich nun das Vergnügen dieses Album rauf und runter hören zu dürfen. Und es ist wahrlich ein Vergnügen, welches sich bei mir jedoch definitiv nicht beim ersten Hören einzustellen vermochte. Einige Durchläufe waren notwendig, aber dann öffnete sich dieses Buch mit den sechs Geschichten, die ich bereits jetzt nicht mehr missen möchte.

Neben sehr schönen und eindringlichen, allerdings sehr kurzen Texten finden sich hier diese verstörenden Abschnitte, die sich in Harmonien auflösen, welche nur so vor Melodiösität strotzen, die ungeraden Takte, die im Laufe des Titels wieder in „gewohntere“ Gefilde übergehen. Treibende Parts, in denen durch die Rhythmus-Fraktion Druck erzeugt wird, um nur wenig später wieder in fast schon schwebende Melancholie überzugehen, die dann vom Piano oder der Gitarre dominiert werden. Tieftraurige Passagen und anschließend wiederum Parts, die wahrlich vor Lebensfreude nur so strotzen. Das alles verpackt in sechs Titel, die in sich abwechslungsreicher gar nicht gestaltet sein könnten.

Immer wieder kann man dabei die Musik von King Crimson Mitte der 70er Jahre heraushören und auch Jethro Tull-Anleihen, was nur wenig am Einsatz einer Querflöte liegt, bleiben dem Zuhörer nicht verborgen. Nicht sehr überraschend nach der Arbeit des Steven Wilsons mit dem Remastering diverser Alben aus jener Zeit. Bei all diesen Reminiszenzen fehlt jedoch völlig der fade Beigeschmack des Abkupferns. Vielmehr wurde die Musik in die Zeit etwa 40 Jahre später transportiert, aktualisiert und auch verfeinert und zusätzlich mit den Zutaten der Musik des Steven Wilson versehen, wodurch die einzelnen Lieder auf „The Raven That Refused To Sing And Other Stories“ in einem völlig neuen Gewand erscheinen. Spannend, abwechslungsreich und durchaus auch neu, unverbraucht und bisher ungehört.

Fazit: „The Raven That Refused To Sing And Other Stories“ ist ein sehr abwechslungsreiches Album geworden. Spannend vom ersten bis zum letzten Takt. Über allem liegt zwar eine mehr oder weniger vorhandene und manches Mal auch nur latent zu spürende Traurigkeit, allerdings wird der Hörer immer wieder aufgefangen, eingefangen und umarmt. Umarmt mit Akkorden, Melodien und Stimmungen, die es zu genießen lohnt, denen man sich in ihrer Mannigfaltigkeit ganz hingeben kann, die nie langweilig werden und immer wieder begeistern können.

Das Album ist übrigens in mehreren Varianten zu haben. Neben der CD auch auf Blue Ray und der Limited Edition mit DVD, worauf sich die Lieder im 5.1 Mix befinden sowie mit einer Kunst- und Photo-Gallery und einer Studio-Dokumentation. Zwölf Punkte.

Anspieltipps: Drive Home, The Watchmaker, The Raven That Refused To Sing und der Rest






Mittwoch, 5. Oktober 2011

Steven Wilson – Grace For Drowning

 


Steven Wilson – Grace For Drowning


Besetzung:

Steven Wilson – vocals, guitars, keyboards, autoharp, bass guitars, gong, piano, harmonium, percussion
Jordan Rudess – piano
Theo Travis – soprano sax, flute, clarinet
Ben Castle – clarinet
Tony Levin – bass guitar
Nick Beggs – stick, bass guitar
Nic France – drums
Pat Mastelotto – acoustic and electric drums
Markus Reuter – guitar
Trey Gunn – guitar, bass guitar
London Session Orchestra – strings
Steve Hackett – guitars
Synergy Vocals – choir
Dave Stewart – string and choir arrangement
Mike Ovtram – guitar
Sand Snowman – acoustic guitar
Dave Kerzner – sound design


Label: Kscope


Erscheinungsdatum: September 2011


Stil: Independant, Alternativ, Postrock, Prog


Trackliste:

CD1 - Deform To Form A Star

1. Grace For Drowning (2:05)
2. Sectarian (7:41)
3. Deform To Form A Star (7:50)
4. No Part Of Me (5:44)
5. Postcard (4:27)
6. Raider Prelude (2:23)
7. Remainder The Black Dog (9:27)


CD2 - Like Dust I Have Cleared From My Eye

1. Belle De Jour (2:59)
2. Index (4:48)
3. Track One (4:15)
4. Raider II (23:21)
5. Like Dust I Have Cleared From My Eye (8:01)

Gesamtspieldauer: 1:23:01



"Grace For Drowning“ bezeichnet Steven Wilson als sein bisher „größtes Projekt“. Und weiter schreibt er auf seiner Homepage:

„Das Album „Insurgentes“ war ein wichtiger Schritt für mich, hin zu etwas Neuem. Diese Platte nimmt dies als Ausgangspunkt, aber sie ist experimenteller und vielseitiger. Für mich war die goldene Periode der Musik die späten Sechziger und frühen Siebziger, als das Album die wichtigste, künstlerische Ausdrucksmöglichkeit wurde, als sich die Musiker vom 3-Minuten-Popsong-Format befreiten und begannen Jazz und klassische Musik einfließen zu lassen, um diese mit dem psychedelischen Spirit zu kombinieren und eine Soundreise zu kreieren.
Ohne Retro zu sein, ist mein Album eine Art Hommage an diesen Geist. Es gibt alles, von Ennio Morricone mäßiger Filmmusik über Chöre, Piano Balladen, bis hin zu einem 23 minütigen, vom progressiven Jazz inspiriertem Stück. Tatsächlich habe ich dieses Mal mit ein paar Jazz Musikern zusammengearbeitet, die Idee dazu stammt von meiner Arbeit an den Remixen der King Crimson Alben.“

Nun, bei solchen Aussagen steigt der Puls eines Prog-Fans ganz automatisch. Die Frage ist nun, ob diese Ankündigung auch der Veröffentlichung standhält.

CD1 wird eröffnet mit dem Titelstück „Grace For Drowning“. Der Track ist eine ganz ruhige und mit 2:06 Minuten Länge auch sehr kurze Nummer. Instrumentiert wird der Song durch Jordan Rudess am Piano und hauchzart mit Wilsons Keyboardspiel. Ansonsten bleibt zu erwähnen, dass Steven Wilson für den Lalala- und Leileilei-Gesangspart vierzig Gesangsspuren übereinander gelegt hat und so eine Art Chorgesang kreierte. Nicht schlecht, aber auch nichts Besonderes.

Die zweite Nummer, „Sectarian“, ist nun deutlich „lauter“, abwechslungsreicher und mit knapp siebeneinhalb Minuten auch sehr viel länger als der erste Track. Und bei diesem Stück kommen wir auch sogleich in den Prog-Bereich, der zum Teil jazzig angehaucht ist. Schräge Riffs und Keyboardläufe sind da zu hören, genauso wie bombastische Abschnitte und ein Mittelteil, der fast schon an eine Jazzimprovisation erinnert. Das Instrumentalstück fängt langsam mit der Akustikgitarre an, um dann immer mehr an Fahrt aufzunehmen. Und immer wieder gibt es überraschende Tempo- und Rhythmuswechsel. Mich erinnert dieses Lied in Ansätzen an King Crimson Veröffentlichungen Mitte der 70er Jahre - ohne diese zu kopieren.

„Deform To Form A Star“ heißt die dritte Nummer auf CD1. Dieses Lied ist wieder deutlich ruhiger als sein Vorgänger und sehr melodiös. Das Lied klingt wie ein Porcupine Tree Song, der von seiner Stimmung und Machart her auch gut auf „Lightbulb Sun“ gepasst hätte. Ein richtig schönes Stück Musik.

Elektronisch wird es dann zunächst bei „No Part Of Me“. Das Grundthema wird laufend wiederholt und nur die Begleitung variiert ein wenig, bis Steven Wilson dann bei 1:40 mit dem Gesang einsetzt. Schließlich wird das Stück sogar richtig orchestral, wenn die Streicher sich zur Instrumentierung dazugesellen. Aber noch eine weitere Steigerung wartet auf den Zuhörer. Bei 3:20 wird es schließlich richtig rockig. Klasse hier auch das Saxophon, welches den Sound und die Stimmung perfekt abrundet.

Mit „Postcard“ beweist Steven Wilson dann einmal mehr, dass er einfach ein Gespür für wunderschöne Melodien hat, die er im Laufe eines Liedes sich auch noch weiterentwickeln lässt. Ein ganz tolles, melancholisches Stück ist diese Nummer, die mit Streichern und Chor perfekt instrumentiert wurde. Ein Lied zum Tagträumen.

Es folgt „Raider Prelude“, ein kurzer und sehr düsterer und ruhiger Track, der hauptsächlich von seiner Chororchestrierung lebt und damit Stimmung schafft. Aufgeteilt nach Männern und Frauen, werden hier die „Ooohs“ tieftraurig und schwebend in die Welt hinausgehaucht. Mich erinnert diese Nummer immer wieder ein klein wenig an "Warszawa" von David Bowie.

Das letzte Stück auf CD1 - „Remainder The Black Dog“ - konnte man sich bereits seit längerem auf diversen Videoportalen und auch auf der Homepage Steven Wilsons anhören beziehungsweise ansehen. Diese Nummer geht schon alleine durch den etwas schrägen Pianolauf sofort ins Ohr und wirkt zunächst erneut ziemlich düster bis dunkel. Der Keyboardlauf nach etwa einem Drittel des Tracks erinnert wieder an die frühen 70er Jahre. Und wenn dann das Saxophon einsetzt, ist die Erinnerung an King Crimson erneut gar nicht mehr so abwegig. „Remainder The Black Dog“ lebt von seiner Abwechslung, denn in dem Stück hört man Heavy Metal Gitarren neben leisen Pianoabschnitten, neben wiederum sphärisch schwebenden Passagen – und alles passt klasse zusammen.

CD2 wird durch „Belle De Jour“ eröffnet. Und wenn Steven Wilson im Interview von Filmmusik à la Ennio Morricone spricht, dann hat er bei dieser Aussage bestimmt diesen Song im Kopf gehabt. Und wirklich, bei diesem Stück kann man sich wahrlich eine traurige oder sentimentale Szene in einem Western vorstellen, die durch diese Musik unterstrichen und noch intensiver wird.

Es folgt „Index“. Ein Stück, welches zunächst sehr leise beginnt - so flüstert Steven Wilson fast schon seinen Gesangspart. Eine wunderbare Spannung wird in diesem Stück aufgebaut, die schließlich in einen orchestralen Part mit Streichern mündet. Klasse hier die Hintergrundgeräusche, die an das Knarren der Takelage eines Segelschiffes erinnern. Auch der Gesang selbst trägt in diesem Stück zur Abwechslung bei, da man ihn zum Teil klar und rein, jedoch auch verzerrt hören kann.

„Track One“ konnte man sich ebenfalls bereits seit einiger Zeit samt Video im Internet anhören beziehungsweise ansehen. Ganz zart und zerbrechlich kommt dieses Stück zunächst daher, von der Stimmung am ehesten mit den beiden Porcupine Tree Songs „Heartattack In A Layby“ Und „How Is Your Life Today?“ zu vergleichen. Aber schon kurze Zeit, nachdem man in dieses melancholische Klanggebilde eingetaucht ist, folgt ein ganz und gar verstörender Teil, der einen aus jedem Tagtraum herausreißt. Schließlich klingt das Lied in einem Duett aus akustischer und elektrischer Gitarre langsam aus. Ein richtig guter Song.

Und dann kommt es, „Raider II“, das mit 23 Minuten und 21 Sekunden mit Abstand längste Stück auf dieser Doppel-CD. Es beginnt ganz langsam und ruhig mit Klarinette und Piano, die beide mehr einzelne Töne, als eine zusammenhängende Melodie spielen. Schließlich setzt Wilsons zerbrechlich wirkender Gesang ein und unterstreicht die irgendwie sentimentale Stimmung. Bei 2:50 explodiert der Song dann aber mit schweren Gitarren, Schlagzeug und Chorgesang. Es folgt ein Part mit einem schrägen Querflötensolo, der dann wieder von einem leiseren Teil abgelöst wird. Das ganze Stück wirkt hier sehr verspielt, fast schon improvisiert bis es schließlich wieder in einen sehr melodiösen Teil übergeht. Die Nummer lebt im weiteren Verlauf von den Gegensätzen „laut und leise“, „schräg und melodiös“ und wird dabei nie langweilig. Zur Mitte wird das Stück dann sphärisch und schwebend und entwickelt sich schließlich, bis zum fast schon bombastischen Finale weiter, ehe es leise und erneut sphärisch ausklingt.

“Like Dust I Have Cleared From My Eye” heißt schließlich das letzte Stück auf dem Album. Ein ruhiges Lied, mit einer tragenden Gesangsmelodie, welches zur Mitte hin fast schon bluesig wird. Nach etwas über vier Minuten ist dann allerdings Schluss und das Stück wird über die nächsten vier Minuten sphärisch ausgeblendet. Wenn es auf dieser CD ein Stück gibt, was nicht so recht zünden und begeistern kann, dann am ehesten dieses hier.

Fazit: Ein sehr, sehr abwechslungsreiches Album hat Herr Wilson hier vorgelegt, welches mich persönlich sehr viel mehr packt, als der Vorgänger „Insurgentes“. Wunderschöne Melodien und schräge Parts wechseln sich hier ständig ab und bringen immer wieder Abwechslung. Die CD weiß klasse zu unterhalten und es befinden sich, bis auf die letzte Nummer, keine Ausreißer nach unten auf dem Album. Für mich ein ganz klarer Kauftipp.

Anspieltipps: Deform To Form A Star, No Part Of Me, Postcard, Remainder The Black Dog, Track One, Raider II