Doch es gibt auch gute Nachrichten, zumindest solche, die mir wieder näherbringen, wie großartig die Vereinigten Staaten von Amerika sind. Ich liebe Musik, meine erst 45er kaufte ich als Zehnjähriger, kurz darauf meine erste Langspielplatte, damals im Nürnberger Hertie. Über die Jahre wandelte sich mein Geschmack, klar, was ich lieben lernte, waren historische Aufnahmen. Und da sind die USA eine klangliche Goldkammer, denn hier kann man Originalplatten genauso finden, wie hervorragende Wiederveröffentlichungen.
1952 erschien die “Anthology of American Folk Music”. Eine Sammlung amerikanischer Folk Musik, die Harry Smith auf Folkways Records herausbrachte. Musik, die zwischen Ende der 20er und bis Mitte der 30er Jahre auf 78er Schellackplatten veröffentlicht worden war. Diese “Anthology” wurde als “the founding document of the American folk revival” (Greil Marcus) gefeiert, jene Initialzündung für die große Zeit der Folkmusik in den 50er und 60er Jahren, man denke an Pete Seeger, Bob Dylan, Joan Baez und viele andere. Smiths Veröffentlichung beschreibt sicherlich nicht den gesamten amerikanischen Folk Musikbereich.
Vieles wurde ganz ausgelassen, zum Beispiel die Musik der Immigranten, die für sich die frühen Anfänge des Blues, des Country, der Cajun Musik beeinflussten. Aber das sind Feinheiten, die “Anthology of American Folk Music” war und ist eine herausragende Veröffentlichung des 20. Jahrhunderts, die 1997 erneut auf Folkways als CD Box erschienen ist.
Nun hat das kleine, aber sehr feine Independent Label “Dust to Digital” aus Atlanta in jahrelanger Kleinstarbeit die B-Seiten Anthology zusammengestellt. Smith hatte damals die A-Seiten von 78ern genutzt, “Dust to Digital” bringt jetzt die B-Seiten all dieser allen Scheiben heraus. Es ist wie die Vollendung eines Kreises, ein breiteres, ein umfassenderes Klangbild entsteht, dazu die vielen Geschichten und Einordnungen der Musik, der Songs und ihrer Musikerinnen und Musiker, die zum Teil auf Harry Smiths Anthology fehlten. Und ja, nicht alle B-Seiten wurden in dieser 4 Cd Box veröffentlicht, denn einige der Songs waren aus heutiger Sicht mehr als problematisch, offen rassistisch, beleidigend. Also entschloss man sich in letzter Minute, vier Songs aus der Liste zu streichen, und das, obwohl die Paletten mit dem fertigen Produkt im Druckwerk schon zur Auslieferung bereit standen.
Die Reaktionen kamen prompt, das sei eine Neuschreibung der Geschichte, eine “cancel culture”, eine Veränderung von Smiths Originalwerk. Doch davon wollten die beiden Labelbesitzer, Lance und April Ledbetter, nichts hören. Sie wollten einfach nicht in die Situation kommen, dass ihre CD öffentlich in Kneipen oder Cafes gespielt wird und dann problematische Texte erklingen. Da helfe kein “Warning Sticker” auf der Verpackung, keine erklärenden Worte im Begleitbuch, so die beiden. Und April Ledbetter fügt noch hinzu: “We like libraries, but we don’t work at one”, wir lieben Büchereien, aber wir arbeiten in keiner. Als Label habe man eben die Freiheit, nicht eine geschichtliche Vollständigkeit verfolgen zu müssen, sondern eben die Lehren aus der Geschichte ziehen zu können.
Die vier fehlenden Songs tun der Box “The Harry Smith B-Sides” keinen Abbruch. Wer die “Lost Tracks” dennoch haben will, findet sie problemlos online. Es ist erneut eine hervorragend recherchierte, historische Liedersammlung des kleinen Labels, das erst 2003 mit der ersten Veröffentlichung “Goodbye Babylon” auftauchte und seitdem nicht mehr übersehen werden kann. “Dust to Digital” wurde seitdem mehrmals für Grammys nominiert und ausgezeichnet.
Die jüngste Box ist ein Eintauchen in die bewegende, reiche, tiefe Musikwelt Amerikas. “Back to the roots”, beeindruckend aufbereitet, klanglich wie inhaltlich. Selbst 68 Jahre nach der Veröffentlichung der Harry Smith Anthology ist die Musik noch immer mitreißend, erfrischend und einfach gut. Die B-Seiten sind alles andere als ein B-Auswahl, hier spielen Musikerinnen und Musiker mit Herz und Seele, “handmade”, direkt und unmittelbar. Wer in diesen verrückten und unvereinten Tagen, Wochen und Monaten mal wieder etwas sinnvolles und sinnerfüllendes aus Amerika erfahren möchte, der sollte sich diese Sammlung anhören.
Es ist schon seltsam in diesen Tagen. Eine fünf Cds umfassende Musikbox mit Songs aufgenommen in den späten 20er Jahren wird zu einem politischen Statement. Sicherlich war das nicht so gemeint, denn die Zusammenstellung dieser Sammlung hatte schon vor Jahren begonnen. Und dennoch, „American Epic“ ist genau das geworden, ein musikalisches Spiegelbild Amerikas, jenes Landes, das zu einem „Melting Pot“ wurde, das Menschen aus aller Welt, aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen anzog.
Im Begleitbuch heißt es: „Das musikalische Vermischen von Amerikas großartiger und vielfältiger Bevölkerung, hat die Grundlage für die populäre Musik gelegt, die wir heute genießen. Es war der Beginn einer neuen Ära: zum ersten Mal hörte sich Amerika selbst.“ Allein dieser Satz klingt wie eine Wohltat im polarisierten und immigrationsfeindlichen US Alltag dieser Tage. Die 1920er Jahre waren wie ein Aufbruch. Die Plattenindustrie boomte, das Radio begann seine unaufhaltsame Erfolgsgeschichte und brachte den Sound Amerikas in die Stuben zwischen New York und Los Angeles und gerade auch in die ländlichen Gegenden, die zuvor von der „Recording Industry“ vernachlässigt wurden.
Die Labels zogen in den späten 20er Jahren aus, um Musiker auch noch in den kleinsten Dörfern zu finden und sie aufzunehmen. Neue, mobile Technik machte es möglich, auch außerhalb von den Unterhaltungszentren New York, Chicago oder Atlanta einzelne Musiker oder Gruppen aufzuzeichnen. Beachtet wurden eben nicht nur all jene, die den Sound jener Tage spielten, sondern vor allem jene, die anders klangen, als in den Tanzhallen der Metropolen. Auf „American Epic“ wird das präsentiert. Entstanden ist ein umfangreiches Klangportrait des Reichtums Amerikas, der kulturellen Vielfalt dieses Landes. Es ist keine Genre-Box, es ist vielmehr eine Reise zurück in eine Zeit, die problembeladen war. Und dennoch, hier hört man ein Land zwischen Aufbruch, Hoffnung, Zuversicht.
Auf den 5 Cds ist eine unglaubliche Vielfalt an Musik zu hören. Das in einer Soundqualität, die mehr als beeindruckend ist. Dafür taten sich die Produzenten mit einem Techniker zusammen, der eine Originalabspielmöglichkeit für die alten Aufnahmen zusammenbaute, um so den ursprünglichen Sound zu kopieren. „Es ist nicht nur ein „Remastering“ im bekannten Sinne, es ist vielmehr wie die Restaurierung eines teuren Gemäldes, der sorgfältige Prozess die Fäden einer alten Leinwand zu weben und die chemische Zusammensetzung verblassender Farbe zu analysieren, um so alles wieder in seiner ursprünglichen Brillanz zu restaurieren.“
Diese Jahresenden sind schon seltsam. Man friert oft, man mummelt sich ein, genießt die wenigen Sonnenstrahlen, die es gibt, beginnt über das nachzudenken, was im vergangenen Jahr war, passiert ist. Ein Gefühlsgemenge zwischen „high and low“. Manche freuen sich auf die kommenden Feiertage, für andere ist die stille Zeit nur ein Graus.
Und dann liegt da dieses Klangbuch vor mir. Touch Records, ein experimentelles Label mit Sitz in England und den USA, legt nun zum Jahresende „Touch Movements“ vor, ein Bilderbuch mit Soundtrack. Das klingt zu einfach. Es ist vielmehr ein audio-visuelles Erlebnis, das man in aller Ruhe und mit viel Zeit genießen sollte. Ein Eintauchen in Fotos, die ihre eigenen Geschichten erzählen und dazu einladen, weitergesponnen zu werden. Augenblicke, die das Leben um uns herum liefert. Blicke, die der Betrachter selbst kennt. Erinnerungen, die in einem wach werden.
Dazu „Musik“, die ganz anders ist. Die immer wieder die Frage aufwirft, was Musik eigentlich ist, sein kann, sein sollte. Ein Soundtrack des Alltags. Mal „Field Recordings“, mal Drone Music, mal Orgelmusik, mal Klanglandschaften, mal verspielte Sequencerfolgen. Mal direkt, mal ganz sanft, mal monumental, mal leicht vorbei gestrichen. Touch ist kein Label für die Popkultur. Das wird auf „Movements“ ganz deutlich. Es ist vielmehr ein Klangspiegel der Gesellschaft. Hier hört man hin, was man zu hören glaubt und daraus entsteht Musik. Der Alltag als Orchester, bearbeitet von Soundtüftlern, die hier künstlerisch vorgehen, dort unverfälscht die Welt erklingen lassen. Entstanden ist ein Soundtrack für dieses Fotobuch und viel mehr. Es ist nicht die „Music for the Masses“. Es ist vielmehr diese ganze persönliche Musikerfahrung. Voller Herausforderungen, voller Erinnerungen, voller Gedankengänge. Ein tief bewegendes Klangbild zwischen den Jahren.
Vor ein paar Jahren produzierte ich ein Feature über die Feldaufnahmen von Hugh Tracey. Zuvor war ich durch Zufall in der ruandischen Hauptstadt Kigali auf eine Veröffentlichung des niederländischen Labels SWP-Records gestoßen. Ein kleines, feines Label, gegründet von Michael Baird, der in Sambia geboren wurde und eine lebenslange Liebe zur afrikanischen Musik entwickelt hat. Durch Zufall stieß Baird auf die alten Aufnahmen von Tracey und veröffentlichte sie zum ersten Mal auf CD:
Nach der Arbeit an diesem Feature bekam ich eine Original Hugh Tracey „Kalimba“ geschenkt, ein „Daumenklavier“, wie es auch genannt wird. Es ist ein einfaches Instrument, das jedoch äußerste Fingerfertigkeit vom Spielenden verlangt. Gleich vorweg, ich kann es nicht spielen, aber ich spiele gerne darauf herum. Es beruhigt, die Töne klingen angenehm, es hat etwas sehr Friedvolles an sich.
Als nun SWP-Records eine neue Veröffentlichung ankündigte, war ich gleich interessiert. „The Kankobela of the Batonga“ sind Aufnahmen auf so einem „Daumenklavier“. Michael Baird reiste dazu nach Sambia und Simbabwe, um an den Ufern des Lake Kariba Musiker aufzunehmen, die auf ihren selbstgebauten und sehr personalisierten Instrumenten für ihn spielten. Keine Kankobela, kein Musiker klingt gleich. Lieder auf der Kankobela sind sehr persönlich und drücken, wie Baird in den Liner-Notes schreibt, „their innermost feelings about a range of subjects from spiritual to humorous“ aus.
Diese Vinylplatte präsentiert Meister auf diesem so einfach erscheinenden Instrument: Nyeleti Mukkuli, Edward Mun’goma, Daunzi Munsaka, Johnny Mudenda, Aaron Nchenje, Andrew George Munyumbwe, Leonard Mweemba Siapwayuma und Timothy Mudimba. Die Songs öffnen eine musikalische Welt, die so ganz anders, ganz fremd wirkt und doch voller Faszination ist. Teil hypnotisch, teils rhythmisch, teils mitreißend, teils einladend, teils fordernd. „The Kankobela of the Batonga“ ist eine Klangreise in unbekannte Musikwelten. Zumindest für gewöhnliche Musik- und Radiohörer. Bairds Verdienst ist es, dass er mit SWP-Records den Hörer herausfordert seine Ohren weit zu öffnen für eine Kulturlandschaft, die man nicht einfach übergehen und abtun sollte. Mit dieser Platte wird ein weiterer Eindruck auf die reiche musikalische Schatzkammer des afrikanischen Kontinents gewährt. Sehr empfehlenswert!
Various Artists – Kraut! Label: Bear Family Records Erscheinungsjahr: 2020 Stil: Krautrock Trackliste: CD1: 1. Lucifer's Friend - Ride The Sky 2. Atlantis - Rock'n Roll Preacher 3. Michael Rother - Flammende Herzen 4. Tomorrow's Gift - Ants 5. Ikarus - Mesentery 6. Cravinkel - Keep On Running 7. Silberbart - Chub Chub Cherry 8. Novalis - Wer Schmetterlinge lachen hört 9. Ougenweide - Ouwe 10. Ramses - La Leyla 11. Frumpy - How The Gipsy Was Born CD2: 1. AR & Machines - Schönes Babylon (Beautiful Babylon) 2. Nektar - Desolation Valley 3. Eloy - The Light From Deep Darkness 4. Galaxy - Supermarket 5. Gash - A Young Man's Gash (Part 2) 6. Thirsty Moon - Big City 7. Percewood's Onagram - Braindrops Won't Kill The Fire 8. Missus Beastly - Uncle Sam 9. Abacus - Capuccino 10. Abacus - Souls Married To The Wind
Als ich 1996 mit meiner Sendung Radio Goethe auf KUSF anfing, hatte ich nur ein paar CDs aus Deutschland mit nach San Francisco gebracht. Also fing ich an im umfangreichen CD und Vinyl Archiv des Senders zu suchen und fand so einige deutsche Bands, die mir vom Namen her bekannt waren, aber die ich in daheim in Nürnberg kaum oder gar nicht gehört hatte. Es waren vor allem experimentelle Bands, wie die Einstürzenden Neubauten oder Gruppen aus dem sogenannten „Krautrock“ Bereich.
Aus einer Not wurde eine große Liebe für diese Bands und diese Epoche. Faust und Amon Düül II, Can und Kraftwerk und viele andere, die ich da in den Plattenregalen von KUSF finden konnte. Und ich war begeistert, diese Gruppen öffneten mir einen ganz neuen Klangraum. Krautrock wurde immer interessanter für mich, schließlich produzierte ich sogar ein zwei Stunden langes „Spotlight“, eine wöchentliche Spezialsendung am Sonntagnachmittag auf KUSF, in der man ein Thema vertiefen konnte. Und als ich diese Sendung ankündigte, bekam ich viele Tipps, Hinweise und Wünsche von anderen KUSF DJs, sie alle kannten die Krautrock Bands, die da gespielt werden sollten. Überhaupt ist Krautrock Kult auf den amerikanischen College- und Communitysendern.
Durch meine Arbeit mit Radio Goethe lernte ich auch Hans Joachim Irmler, Gründungsmitglied von Faust kennen, über die ich sogar irgendwann auf Bayern 2 ein Stundenfeature produzieren durfte. Damals fuhr ich zu Jochen in die schwäbische Provinz, hörte mit ihm so einige alte Aufnahmen und wir führten lange Gespräche, bis wir schließlich nachts um zwei Uhr nach ein paar Flaschen Wein das Aufnahmegerät anstellten. Faust wurden 1972 in Hamburg gegründet und waren für mich die wohl interessanteste Krautrock Band, denn sie verbanden die vielen musikalischen Einflüsse und experimentierten mit Sounds, Klangideen und ihren eigenen technischen Möglichkeiten. Jochen erzählte Geschichten von damals und ich hörte staunend und interessiert zu, manchmal mußte ich mich wegdrehen, weil ich nur so mein Lachen zurückhalten konnte. Es war nicht nur ein Interview, Hans Joachim Irmler hat mir auch eine ganz neue Klangwelt näher gebracht und sie vor allem für mich verständlich gemacht. Ich hörte zwar schon viel Krautrock, aber hatte nie die Bedeutung erkannt. Das änderte sich komplett.
Und nun sitze ich hier in meinem „home office“, wie man in diesen Coronazeiten den heimischen Schreibtisch nennt, und höre Teil 1 der neuen Bear Family Records Reihe „Kraut!“. Insgesamt werden vier Teile veröffentlicht, aufgeteilt nach Nord-, West-, Süddeutschland und Berlin. Musik aus deutschen Landen zwischen 1968 – 1979. Es sind jeweils zwei CDs, die ein lange Zeit übersehenes, doch mehr als bedeutendes Kapitel in der deutschen Musikgeschichte zum Tönen bringen. Nach dem Durchhören habe ich mir gleich Alben von zwei der Bands bestellt, die ich bislang so noch nicht kannte.
Begleitet wird diese umfassende Serie von einem ausführlichen Booklet, mit vielen Informationen, Geschichten, Anekdoten, zusammengetragen von Burghard Rausch, der auch schon die hervorragende NDW-Reihe für Bear Family zusammengestellt hat. Ein wahrer Kenner der Szene. Zu hören sind unter anderem auch die früheren Bands von Kralle Krawinkel und Peter Behrens, die sich beide später bei Trio wiederfanden. Was diese Klangserie zeigt ist, dass Deutschland in den späten 60ern und in den 70er Jahren alles andere als ein Entwicklungsland in Sachen Musik war. Die Bands nahmen das auf, was sie aus England und den USA vorgelegt bekamen, oftmals über die Soldatensender BFBS oder AFN, und nutzten diese Einflüsse um etwas eigenes entstehen zu lassen.
Und das fiel durchaus auch in England und den USA auf, wo viele der Krautrock Bands tourten und Musiker wie David Bowie oder Brian Eno auf einmal aufhorchten, was da in „Krautland“ passierte. Lange Jahre wurde diese wichtige Zeit im deutschen Musikzirkus abgetan oder übersehen. Gerade deshalb ist so eine Serie, wie diese hier von Bear Family Records, mehr als notwendig, denn sie zeigt wie spannend, originell, mitreißend und tief diese Soundvisionen von damals durchaus waren. Diese Gruppen brauchten sich nicht hinter denen aus Großbritannien oder den Vereinigten Staaten zu verstecken. Es geht nicht darum, Geschichte neu zu schreiben, vielmehr darum, das richtig zu bewerten, was diese Bands in dieser Zeit geleistet haben. Krautrock anfangs als minderwertig abgetan ist zu einem anspruchsvollen Gütesiegel geworden. Einziger Wermutstropfen für mich, Faust hat es nicht auf den ersten „Kraut!“ Teil über den Norden der Republik geschafft. Das lag aber weder an Bear Family noch Burghard Rausch, sondern vielmehr an ihrem alten Plattenlabel Warner. Die haben anscheinend noch immer den Hals voll von Faust….doch das ist eine andere, lange Geschichte.
Wenn man von der afrikanischen Musik spricht, dann denken die meisten wohl an traditionelle Sounds, an Weltmusik. Heutzutage strahlen die Radiostationen in vielen Metropolen auf dem afrikanischen Kontinent mehr folklorische Klänge oder Hip Hop aus. Umso erstaunter war ich, als ich am „Record Store Day“ auf eine Box bei Amoeba Records in Berkeley stieß, in der die Rockmusik Nigerias vorgestellt wird.
Die nigerianische Rockmusik der 70er Jahre wird in der CD und LP Box „Wake up you!“ vorgestellt.
Aktion heißt eine dieser Bands. Und sie kommt nicht aus England, den USA oder aus Deutschland. “Groove the Funk” wurde vielmehr 1975 in den EMI Studios in Lagos, Nigeria aufgenommen. Aktion ist Teil einer neuen CD und LP Box, die nun auf “Now Again Records” erschienen ist. “Wake Up You!” beschreibt eine lebendige, energiegeladene und hochkreative nigerianische Rockmusikszene am Anfang der 70er Jahre. Zu einer Zeit, in der sich das Land nach einem dreijährigen Bürgerkrieg, dem sogenannten Biafra-Krieg, langsam wieder erholte.
Zusammengestellt hat diese Sammlung der in Boston lebende DJ, Produzent und Musikhistoriker Uchenna Ikonne. Geboren in den USA wuchs er in den 80er Jahren in Nigeria auf: „Ich habe an einem Film gearbeitet, der in Nigeria in den 70er Jahren spielt. Dafür suchte ich nach Musik und kam mehr und mehr auf diese Rockmusik, von der ich begeistert war. Die meisten kannten sie gar nicht. Weder Leute außerhalb von Nigeria, noch in Nigeria selbst. Sie erinnerten sich nicht an diese Musik. Also dachte ich mir, es wäre interessant, das ganze wieder auszukramen.“
Die Musik Nigerias zu dieser Zeit vereinte die vielen Einflüsse des Westens. Rock, Funk, Soul, auch etwas Country und Folk. Und das vor dem Hintergrund der noch jungen Unabhängigkeit des Staates Nigeria, wie Ikonne erklärt: „Die Kulturnationalisten dachten, es wäre nicht sehr produktiv, wenn man nur die Musik nachahmen würde, die aus Amerika und England kommt. Aber, was nach dem Krieg, Anfang der 70er Jahre passierte, war, dass die Leute einen Weg fanden, um Rock mit lokalen Einflüssen zu bereichern. Das machte das ganze viel eigenständiger, als nur eine reine Kopie der ausländischen Musik.“
Teil 2 der umfangreichen nigerianischen Rockbox erschien ebenfalls als CD, LP oder als Download.
Nigeria war zu dieser Zeit auf dem Radarschirm der großen westlichen Plattenfirmen. Decca, Polydor und vor allem EMI investierten in den boomenden Musikmarkt Nigerias: „EMI war wirklich eine bedeutende Plattenfirma, die die Identität der nigerianischen Rockmusik mitformte. Denn als viele der Rock- und Pop-Bands in Nigeria nur das kopierten, was aus dem Ausland kam, drängten die EMI Produzenten ihre Künstler dazu, die Musik mit einheimischen Sounds zu verbinden. Rock und Funk angereichert mit lokalen, afrikanischen Elementen. EMI war dafür bekannt. Sie hatten diesen erkennbaren Sound, wenn es um Afro-Rock ging.“
Uchenna Ikonne sieht den brutalen Biafrakrieg im Land als einen Scheidepunkt für die Rockmusik Nigerias. „Der Bürgerkrieg hat die Entwicklung der Rockmusik in Nigeria aus mehreren Gründen beschleunigt. Zuvor war die populärste Musik, was man hier “Highlife” nannte. “Highlife” war keine ethnische Musik, sie war auch nicht an irgendeine ethnische Gruppe in Nigeria gebunden. Es war vielmehr Musik, die jeder mochte. Aber während des Krieges, mit den Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen, wurde “Highlife” kaum noch beachtet. Und da wuchs eine jüngere Generation heran, die lieber Soul und Rock hörte. Von daher hat der Krieg die Popularität der Rockmusik wohl beschleunigt.“
Und Rock war in diesen Nachkriegsjahren genau das richtige für eine Jugend, die sich ganz neu ausrichten mußte, meint Uchenna Ikonne: „Nach den Jahren der Gewalt wollten die Leute Musik hören, die schwerer war, mehr disharmonisch, die kraftvoll war, als das weiche “Highlife” und auch der weiche Soul, all das, was man vorher gehört hatte. Der Krieg hatte also einen großen Einfluß auf die Leute, sich der Rockmusik zu öffnen.“
Heute findet man in Nigeria kaum noch Spuren dieser nigerianischen Rockgeschichte. Auch deshalb sieht Uchenna Ikonne die Notwendigkeit für diesen historischen Rückblick.
Various Artists – At The Louisiana Hayride Tonight
Bear Family Records, das Independent Plattenlabel aus Holste-Oldendorf, hat es mal wieder geschafft. Ich sitze da und grinse wie ein Honigkuchenpferd vor mich hin. Beschwingliche Musik klingt aus dem CD Player, mein rechter Fuß wippt im Takt mit. „At The Louisiana Hayride Tonight“ heißt diese 20 Cds umfassende Box, die nicht nur ein wunderbares Kapitel der amerikanischen Radiogeschichte dokumentiert, sondern auch fantastische Musik präsentiert.
Von 1948 bis in 1960er Jahre sendete KWKH aus Shreveport, Louisiana, eine wöchentliche Live-Radiosendung am Samstagabend. Es waren nicht die Topentertainer ihrer Zeit, wie sie die „Grand Old Opry“ in Nashville anzog. Der „Louisiana Hayride“ brachte vielmehr die kommenden Stars, darunter Johnny Cash, Hank Williams, The Stanley Brothers, Johnny Horton, Carl Perkins, Hank Snow, Jim Reeves, George Jones und nicht zu vergessen Elvis Presley und viele, viele mehr. Die Musik wurde als „Folk“ und „Hillbilly“ bezeichnet, das Genre „Country“ war noch nicht bekannt.
Die Aufnahmen auf diesen 20 Cds sind mitreißend, unterhaltsam, voller Energie. Sie stammen aus der Hochzeit des Live-Radios, als aus einem Auditorium in Shreveport die „United States of America“ via CBS beschallt wurden. Samstagabend für Samstagabend wurde der klassische amerikanische Sound vor einem Live-Publikum über den Äther geschickt. Moderationen, kleine Showeinlagen und Witze, kurze Interviews mit neuen Musikern (darunter auch Elvis Presley) beleben diese „Recordings“. Viele der Songs sind bekannt, manche werden wiederentdeckt, viele hört man zum ersten Mal.
Amerika präsentiert sich hier als heile Welt, Shreveport war damals eine boomende Metropole. Es ist auch eine weiße Welt. In dem umfangreichen Begleitbuch zur Geschichte des „Louisiana Hayride“ findet man kein schwarzes Gesicht. Nicht auf der Bühne und nicht im Publikum. Es waren andere Zeiten. Und doch klingt hier das weite Land Amerikas durch, der kulturelle „Melting Pot“, denn viele der musikalischen Einflüsse, gerade aus dem schwarzen Gospel und dem „Rhythm & Blues“, hielten Einzug in den Folk und Country und in die Musik von Elvis Presley.
Seit Stunden sitze ich nun hier und höre die Aufnahmen von „At The Louisiana Hayride Tonight“. Ich kann nicht sagen, welcher Song, welcher Künstler mir am besten gefällt. Es ist das Gesamtbild, was hier wirkt. Musiker wie Johnny Cash und Elvis Presley neben für mich ganz unbekannten Künstlern. Das Live, ungefiltert, ungeschönt. Der Sound manchmal dünn und doch ist es so ein breites, klangvolles Hörereignis. Geschichte trifft auf Kultur, Old Time Country auf die Fragen von heute. Und beim Abspielen all dieser Cds denke ich mir, wie schade es ist, dass es diese Art des Live-Radios nicht mehr gibt. Diese Offenheit und Direktheit ging schon lange verloren. Viel zu viel ist heute streng formatiert, kommt aus der Konserve, ist geglättet und begradigt und mit Effekten überzogen worden. Bear Family Records hat hier erneut eine wunderbare Box vorgelegt, die einfach nur begeistert. Die deutlich macht, wie schön das Zuhören sein kann.
Various Artists – Music From Barotseland Label: SWP-Records Erscheinungsjahr: 2020 Trackliste: CD1: SWP 059 'Siyemboka Music': 1. Lipepo Katimulozi, by Kapata Culture Group, 2. Ushilikanuke Utambule Muhole, by Kapata Culture Group, 3. Mike Yekaulenge Inongoma, by Kapata Culture Group, 4. Nikaipangula, by Mumbumbu Cultural Group, 5. Sibonita, by Mumbumbu Cultural Group, 6. Babanyezwi Balushupa, by Silimwa Selected, 7. Mwalibali Kimasila/Wayawanisiya Lokoto, by Silimwa Selected, 8. Nibi Ya Mwa Buse, by Nasiyongo Cultural Group, 9. Kunyala Mwana Muloi, by Nasiyongo Cultural Group, 10. Chalala Chalala, by Yuka Royal Cultural Group, 11. Mbunga, by Kwalela Crew, 12. Silimo, by Libala & Kapoba. CD2: SWP 060 'The Barotse Guitar': 1. Ma Mundia, by Lipa Band, 2. Toninge Silami, by Lipa Band, 3. Jealous Yende, by Lipa Band, 4. Sibeze Sizegelo, by Lipa Band, 5. Ba Liseli Mueza Hande, by Lipa Band, 6. Tate, by Libala Band, 7. Lisungu, by Libala Band, 8. Masholi, by Libala Band, 9. Musipili, by Libala Band, 10. Libita, by Libala Band, 11. Purity, by Mufalo Mukelabai, 12. Mashelen’i, by Barotse Band, 13. Musike Mwanishanda, by Barotse Band, 14. Chongono, by Libala Band, 15. Likungumbenje, by Libala Band. CD3: SWP 061 'Kangombio Silimba Jazz': 1. Kuwabile, by Pelekelo Mufalo, 2. Saba Silumba, by Pelekelo Mufalo, 3. Libazhi, by Pelekelo Mufalo, 4. Makaliwon, by Collens Shawinga, 5. Nzona Nandona Mutimake, by Collens Shawinga, 6. Zamahala Zinata Kale, by Collens Shawinga, 7. Naikela Mula Laundi, by Alfred Chiyembele, 8. Ngila Ya Mumbezhi, by Alfred Chiyembele, 9. Chiyembele instrumental, by Alfred Chiyembele, 10. Machurch Nimwawo, by Alban Kateta Kapemba, 11. Mushiengo, by Alban Kateta Kapemba, 12. Weririwo, by Alban Kateta Kapemba, 13. Mariana, by Alban Kateta Kapemba, 14. Sa Kayombo, by Ulengo Jazz Band, 15. Muzwe, by Ulengo Jazz Band, 16. Mutahe, by Ulengo Jazz Band. CD4: SWP 062 'Drums, Voices, Sticks': 1. Mulumele Mulemele, by Mboanjikana Cultural Group, 2. Mboanjikana Sizo, by Mboanjikana Cultural Group, 3. Tuhumwelele Kanjonja, by Mboanjikana Cultural Group, 4. Kwatene Kubingoma Basizo Baneza, by Mboanjikana Cultural Group, 5. Kulemesa Chisemwa Chetu, by Chiweka Dancing Cultural Group, 6. Ngombo, by Chiweka Dancing Cultural Group, 7. Ivwa Mwanami Mwailia, by Chiweka Dancing Cultural Group, 8. Iyaze Mwa Ngusabula, by Yuka Royal Cultural Group, 9. Mwatatengu Nakapanda Bulozi, by Yuka Royal Cultural Group, 10. Tulandula, by Libala Cultural Group, 11. Tukonkobele Suite, by Sibupiwa Cultural Group, 12. Ndele Ku Batonesha, by Sibupiwa Cultural Group, 13. Kachacha, by Chiweka Dancing Cultural Group.
Wenn man an Musik aus Afrika denkt, dann vor allem an West-, Nord- und Südafrika. Doch auch fernab der bekannten Musikzentren wie Lagos, Kinshasa oder Johannesburg, läßt sich eigentlich überall hervorragende und mitreißende Musik auf dem Kontinent finden, das habe auch ich überall hören können. In Somalia, Tschad, Niger und Ruanda. Das kleine holländische Independent Label SWP-Records hat sich daher schon seit vielen Jahren dem Sound im Südosten Afrikas verschrieben.
Die aktuelle Musikreise geht nach Barotseland, in den Westen der Republik Sambia. Barotseland war einst ein 400 Jahre altes Königreich, das später als britische Kolonie Teil von Nordrhodesien wurde. Und genau dort wurde 1954 Michael Baird geboren. Im Alter von 10 Jahren, nach der Unabhängigkeit Sambias von Großbritannien, zog seine Familie nach Europa. Doch Michael Baird kehrt seit Jahren mehr oder weniger regelmäßig zu seinen musikalischen Wurzeln zurück und die sind, so sagt er, in Sambia. „Da ich schon in anderen Teilen von Sambia und auch in Simbabwe und Lesotho aufgenommen habe, wollte ich auch endlich in die westliche Provinz, so nennt die Regierung in Lusaka diese Region, sie weigern sich es Barotseland zu nennen. Sie versuchen so, den Ruf nach einer nationalen Identität zu verhindern, denn sie haben Angst, dass Sambia sich spalten könnte.“
Es gibt in Barotseland durchaus eine Unabhängigkeitsbewegung, doch aufgrund der abgeschiedenen Lage der Region an der Grenze zu Angola wird sie kaum wahrgenommen und von der Regierung in Lusaka auch unterdrückt. Selbst der legendäre Musikethnologe Hugh Tracey, der über Jahrzehnte Musik in verschiedenen afrikanischen Ländern aufnahm, kam nie in diese abgelegene und schwer zu erreichende Gegend. „Er nahm zwar Lozi Musik aus der Gegend auf“ so Michael Baird, „aber die wurde von jenen gespielt, die in den Kupfer- und Kohleminen im damaligen Südrhodesien, dem heutigen Simbabwe arbeiteten. Er war nie da und auch heute gibt es nur eineinhalb Straßen dorthin. Es ist eine sehr interessante Musik mit einer interessanten Geschichte, die auch die nationale Barotse-Identiät widergibt, das kann man auch in der Musik hören.“
Die Musik, so Baird, sei unpolitisch, aber sie halte die kulturellen Wurzeln durch die überlieferten Texte und die traditionellen Instrumente am Leben. „Am meisten wird in Barotseland das Silimba Xylophon gespielt, es ist ein sehr großes Xylophon, zweieinhalb bis drei Meter lang. Und es wird von zwei Leuten gespielt, einer an der unteren Seite, der andere an der oberen. In einigen Dörfern findet man sogar Riesen Silimba Xylophone, die rund fünf Meter lang sind. Die werden dann von vier, fünf Männern gespielt.“ Die Begeisterung ist ihm anzuhören. Er ist selbst Musiker. Aus vielen Gesprächen mit ihm weiß ich, dass es für ihn wichtig ist, all jene zu bezahlen, die er mit seinen Mikrofonen vor Ort aufnimmt und auf SWP veröffentlicht. Und oftmals überrascht er sie alle mit seiner Begeisterung für ihre Musik: „Es ist ganz speziell für diesen Teil Afrikas und ja, auch eher unbekannt. Niemand kennt wirklich diese Region Afrikas. Ich hoffe, mit dieser Veröffentlichung kann man hören, dass die Musik einfach unterschätzt wird, denn sie ist wirklich gut.“
Die Geschichte des Barotselandes und die Reise von Michael Baird dorthin wird in diesem Klangbuch ausführlich in einem umfangreichen Booklet mit zahlreichen Fotos erzählt. Die Musik-Aufnahmen, die auf zwei Trips 2016 und 2018 entstanden sind, belegen einmal mehr, dass es noch so viel wunderbare Musik fernab der Metropolen, Charts und herkömmlichen Genres zu entdecken gibt.
Der Ruf nach “America First” ist überlaut, eine “hohe, schöne Mauer” will Präsident Donald Trump an der Grenze zu Mexiko bauen lassen und Flüchtlinge aus Krisen- und Konfliktgegenden haben kaum noch eine Chance legal in die USA zu kommen. Das Einwanderungsland Amerika macht die Schotten dicht. Die eigene Bauchnabelschau steht im Wahljahr 2020 scheinbar an vorderster Stelle.
Da ist es erfrischend, dass das Plattenlabel Smithsonian Folkways mit Sitz in Washington DC einen ganz anderen Weg geht und in diesen aufgeheizten Zeiten die Vielfalt der Kulturen feiert. In einer neuen Wiederveröffentlichungsserie auf Vinyl wird nun Musik aus Gambia, Trinidad und den Gebieten der südlichen Sahara präsentiert.
Folkways Recordings ist eine musikalische Schatztruhe. Tausende von Aufnahmen aus aller Welt sind hier über die Jahrzehnte zusammengetragen worden, und das aus den verschiedensten und noch so entlegendsten Kulturen, in Sprachen, die es teilweise gar nicht mehr gibt. Oftmals ist es Musik, die alles andere als hitverdächtig ist. Aber Folkways, das bis in die 1940er Jahre zurückreicht, ist zu einem einmaligen Archiv der Weltmusik geworden. Das Label hat mit einer Wiederveröffentlichungsserie von alten Aufnahmen auf Vinyl begonnen, aktuell sind es – Calypso Travels, Gambian Griot Kora Duets und Tuareg Music of the Southern Sahara. Und das durchaus mit einem Hintergedanken, wie Huib Schippers, der Direktor von Folkways erklärt: „Wir leben in einer sehr polarisierten Welt. Wir als Label glauben, wir können das etwas abschwächen, in dem wir den Blick auf Menschen in anderen Teilen der Welt legen und zeigen, was sie antreibt.“
Huib Schippers erklärt auf die Frage, wie man denn bei solch einem gewaltigen Archiv mit tausenden von Aufnahmen eine Auswahl treffen könne, dass man als Team zusammenkomme, jeder bringe ein paar Vorschläge mit. Gemeinsam höre man sich die Aufnahmen an und entscheide dann gemeinsam darüber. Die drei aktuell veröffentlichten Platten verbinde musikalisch dabei wenig, sagt er, es sei einfach „unglaubliche Musik“.
Die Musik der Tuareg bringt den Hörer ganz nah dran, die Mikrofone haben dabei nicht nur die Musiker aufgenommen, sondern fingen auch die gesamte Atmosphäre im Freien ein. Die Kora Duette aus Gambia und Senegal hingegen stellen die feinfühligen und durchaus auch hypnotischen Klänge dieser westafrikanischen Harfe dar. Die Originalplatte erschien 1979. Calypso Travels von Lord Invader war dessen letzte Platte, die von Folkways Gründer Moses Asch 1960 in New York produziert wurde. Es ist zeitlose Musik, die auf diesen drei Veröffentlichungen präsentiert wird. Was sie verbindet ist der grenzenlose Blick auf diese universelle Sprache der Musik.
In diesen “America First” Zeiten wird genau diese Sprache zu einem wichtigen Gegenpart einer engstirnigen und beschränkten Politik. Folkways sieht sich dennoch nicht als politisches Label, man sei zwar Teils des Smithsonian Netzwerkes, aber finanziell nicht davon abhängig. Eine staatliche Kontrolle über die Veröffentlichungen und Themen des Labels gebe es also nicht, meint Huib Scheppers. „Wir glauben, die Menschen auf dieser Erde sollten in Frieden miteinander leben, versuchen, sich zu verstehen und Mitmenschlichkeit zu zeigen und zu feiern. Vieles, was wir veröffentlichen drückt das aus. Es geht darum, neugierig zu sein, was für mich einer der besten Wege ist Vorurteilen vorzubeugen.“
Huib Schippers beschreibt das, was Folkways tut als eine Art GPS, ein globales Navigationssystem. Und das ist es wahrlich. Die Welt hören kann Grenzen verschieben. Geplant sind schon jetzt etliche weitere Wiederveröffentlichungen auf Vinyl. All die Musik gibt es auch als CD on Demand und natürlich als Download.
Various Artists – Music From The Yiddish Radio Project Label: Shanachie Entertainment Erscheinungsjahr: 2002 Trackliste: 1. Intro To "Yiddish Melodies In Swing" von Sam Medoff & The Yiddish Swing Orchestra (1:13) 2. The Bridegroom Special von Sam Medoff & The Yiddish Swing Orchestra (2:17) 3. Adler Shoes Commercial von Henry Morgan (0:18) 4. Second Avenue Square Dance von Dave Tarras Orchestra (2:44) 5. Oh Mama, I'm So In Love von The Barry Sisters With Sam Medoff & The Yiddish Swingtet (1:52) 6. Wevd Station ID von Solomon Dingol (0:04) 7. Die Goldene Khasene von Abe Ellstein Orchestra (3:05) 8. Manischewitz Matzo Commercial von The Barry Sisters and Jan Bart with Same Medoff And The Yiddish Swingtet (0:27) 9. Samson And Delilah von The Barry Sisters And Jan Bart With Sam Medoff And The Yiddish Swingtet (2:29) 10. Bei Mir Bist Du Schoen von The Andrews Sisters (3:07) 11. Hebrew National Meats Commercial von WEVD Radio Anouncers (0:33) 12. Joe And Paul Commercial von Paul Kofsky & Sholom Secunda (0:19) 13. Joe And Paul von Barton Brothers (2:52) 14. Wevd Station ID von Solomon Dingol (0:09) 15. Levine Mit Zayn Flying Machine von Charles Cohan (3:26) 16. Wvfw Station ID von Frank Daniels (0:07) 17. Parkway Cafeteria Commercial von Rubin Goldberg & Hannah Hollander (0:55) 18. Dona Dona von Moishe Oysher And Sholom Secunda (1:33) 19. Stanton Street Clothier's Theme Song von Moishe Oysher (1:51) 20. Wbbc Station ID von Brett Childs (0:09) 21. Wo Bist Du Gewesen Vor Prohibition von Naftule Brandwein Orchestra (3:07) 22. Milady Frozen Fruit Products Commercial von The Pincus Sisters (1:14) 23. Ajax Commercial von Seymour Rechtzeit (0:11) 24. Surrey Mit A Fringe Afn Top / Oy, S'Iz A Sheyne Fremorgen von Seymour Rechtzeit (1:37) 25. Yiddish Melodies In Swing Intro von Sam Medoff & The Yiddish Swingtet (0:42) 26. Yidel Mitn Fiedel von The Barry Sisters With Sam Medoff & The Yiddish Swingtet (2:46) 27. Wcnw Station ID von Wcnw Station (0:09) 28. Turkish Yalle Ve Uve von Naftule Brandwein Orchestra (3:20) 29. Gefilte Fish Commercial von WEVD Radio Anouncers (0:19) 30. Dayenu von Sam Medoff & The Yiddish Swingtet (1:38) 31. Eastside Gluckstern's Restaurant Commercial von The Pincus Sisters (1:00) 32. Barbasol Commercial von Seymour Rechtzeit (0:16) 33. Battle Hymn Of The Republic von Seymour Rechtzeit (1:06) 34. Sign Off To "Yiddish Melodies In Swing" von The Barry Sisters With Sam Medoff & The Yiddish Swingtet (0:48)
Zwischen 1925 und 1955 wurden auf 107 Stationen in den Vereinigten Staaten von Amerika jiddische Radioprogramme ausgestrahlt. Die Hochzeit war in den 30er und 40er Jahren, als immer mehr Radiostationen on-air gingen und die jüdischen Gemeinden in den USA anwuchsen. Ein Kulturschatz, der nie richtig ergründet und archiviert wurde, fast vergessen schien, doch von einem Sammler in New York durch Zufall entdeckt und zum Teil neu veröffentlicht wurde.
Henry Sapoznik ist Autor, Radio- und Plattenproduzent, Gründer des “Yiddish Radio Project” und ein Sammler alter jüdischer Aufnahmen. Für ihn steht fest, dass diese Art von Radioprogrammen nur in den USA stattfinden konnte. “Wie in allen Ländern kontrolliert die Regierung die Radiolizensen, aber hier wurden sie verkauft. Daraus entstand eine Art Marktplatz, der auch kleinere Stationen on-air brachte. Das lief dann so, das jemand eine Lizenz kaufte und Sendezeit an andere vermietete, die für ihre zwei Stunden dann eine eigene Finanzierung finden mussten.”
Die amerikanische Radiolandschaft ist etwas besonderes, denn neben den kommerziellen Sendern und Programmen, gibt es auch Stationen, die zum einen Sendezeit verkaufen, zum anderen sogenannte “Community stations”, eine Art offene Kanäle mit Programmen, die meist von Freiwilligen produziert werden. Sie werden “cultural producers” genannt, Kulturproduzenten. Das sind dann teils fremdsprachige oder kulturelle Programme, die im Mainstream Hörfunk keinen Platz finden. Und die jüdischen Sendungen von damals fielen genau in diese Kategorie. “Viele der jiddischen Programme waren so aufgebaut, dass sie einen tiefer in die Community brachten, betonten, wer man als Hörer und als Mitglied der religiösen, sozialen und nationalen Gemeinschaft war. Die Programme waren keine Western, keiner Gangster Shows, keine “Mystery” Shows. Die Programme waren vor allem Unterhaltung. Besonders Musikshows, jiddisches Gesangstheater, dazu so Schlager und religiöse Musik”, umschreibt Sapoznik die Sendungen.
Mitte der 80er Jahre hatte Henry Sapoznik für das “YIVO Institute for Jewish Research” in New York gearbeitet und gründete dort ein Sound-Archiv. Vor allem Klezmer Musik wurde archiviert. Und bei seiner Suche nach Schellackplatten stieß er immer wieder auf Aluminium Platten, sogenannte Instagram Discs. “Die wurden hergestellt, weil die Sender dokumentieren können mussten, was sie gesendet hatten. Falls es Beschwerden gab, hatte man so eine Kopie der Show, aber diese Discs waren eben nur für eine kurze Zeit gedacht.”
Aluminium Platten als Belegexemplare, auf denen Radiosendungen und Klangaufnahmen, Live-Auftritte und Radiowerbung festgehalten wurden. Nirgends sonst gab es ein Klangarchiv für diese Sendungen, schon gar nicht bei den einzelnen Radiostationen. Der Großteil von ihnen, so Sapoznik, wurde wahrscheinlich während der Kriegsjahre vernichtet, denn Aluminium war ein wichtiges Material. “Niemand wiederholte eine Sendung, das gab es damals nicht. Alles war live, deshalb wurden diese Discs als Altmetall von den Stationen abgegeben. Und einige Kopien überlebten nur deshalb, weil ein paar Leute sie aufhoben, die in den Sendungen vorkamen, sie produzierten oder als Sponsor auftraten.”
Auf diesen Platten, die Sapoznik auszugsweise neu veröffentlichte, ist mitreißendes Radio zu hören, das auch eine wichtige Epoche des jüdischen Lebens gerade in New York dokumentierte. “Die Sprache in den Shows war wie eine Fremdsprache in Amerika. Da gab es Yiddish, wie es von den Juden aus der alten Welt gesprochen wurde. Da waren Leute, die ganz bewusst Yiddish und Englisch in ihrer Sprache vermischten.” Unter den Produzenten dieser Sendungen war auch Nahum Stutchkoff, ein im heutigen Polen geborener jüdischer Autor und Schauspieler, der u.a. das umfassendste jiddische Wörterbuch “Ojzer fun der jidischer schprach” schrieb, das je veröffentlicht wurde. In zahlreichen jiddischen Theaterstücken und Radiosendungenn machte er von sich reden.
Das besondere an Henry Sapozniks CD-Veröffentlichungen für das “Yiddish Radio Project” und seine Arbeit über die jüdischen Radiosendungen ist, dass er zeigen kann, welche Bedeutung diese Hörfunkprogramme für die jüdischen Gemeinden in den USA hatten. Die meisten dieser “Kulturprogramme” – fremdsprachig oder mit anderem ethnischen Hintergrund – wurden nie archiviert. Mit dem Verkauf eines Senders, mit dem Ausscheiden eines Moderators ging auch immer ein Stück der hörbaren Kultur, der Vielseitigkeit im “melting pot” USA verloren. Diese historischen jiddischen Radioprogramme machen jedoch deutlich, wie reich die Vereinigten Staaten von Amerika waren und auch noch sind.
Various Artists – Sound Portraits From Bulgaria: A Journey To A Vanished World
Das Weltmusiklabel Smithsonian Folkways ist für teils ungewöhnliche Veröffentlichungen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturkreisen bekannt. Nun erscheint mit “Sound Portraits from Bulgaria” eine zwei CDs umfassende Box, die sich der bulgarischen Musik der 60er und 70er Jahre widmet. Begleitet wird sie von einem umfassenden Bildband, der Musiker und Aufnahmesituationen von damals portraitiert. Es ist wie ein tiefer Einblick in eine scheinbar längst verschwundene Zeit.
Am Anfang dieser Box steht die Melodie des Schäfers, einer gefühlvollen und durchaus nahegenden Musik- und Fotosammlung, die den Hörer behutsam in die Klangwelt Bulgariens führt. Aufgenommen und gesammelt wurde diese Musik in allen Teilen Bulgariens von dem Musikethnologen Martin Koenig, der in den 60er und 70er Jahren dorthin reiste, in einer Zeit, in der Bulgarien ein eher abgeschottetes, verarmtes Land im damaligen Ost-Block war. Koenig kam, um sich vor Ort über die Tänze zu informieren und, um die Musik aufzunehmen.
Martin Koenig reiste damals mehrmals durch das Land, einem Land, das von den verschiedensten Einflüssen geprägt wurde. Gleich fünf Länder grenzen an Bulgarien, dazu noch das Schwarze Meer. Bulgarien sei wie eine Kreuzung, meint Koenig. „Jede Armee aus dem Osten kam durch Bulgarien, jede aus dem Westen auf dem Weg in den Nahen Osten kam durch das Land. Und jede Armee, jede Volksgruppe, die durchkam, denn es gab auch diesen konstanten Migrationsfluss, jeder brachte seine Musik mit, seine eigenen Klänge. Und das alles beeinflusste das, was schon da war.“
Die CD-Box „Sound Portraits from Bulgaria” gibt dem Hörer einen tiefgehenden Eindruck von der Vielfalt und der Ausdruckskraft der bulgarischen Kultur. Die vielen Bilder in dem 143 Seiten umfassenden Begleitbuch lassen die Musik auf diesen CDs lebendiger werden, denn man erfährt, wie sie aufgenommen wurde. Martin Koenig hat damals mit seinen tragbaren Aufnahmegeräten wahre Klangwunder erschaffen. „Als ich damals in diese bulgarischen Dörfer kam, gab es überall mehrere Leute, die diese Lieder singen konnten. Es ist, wie ein Fenster auf einen verschwundenen Lebensweg zu öffnen, der so reich an Darbietung und kulturellen Traditionen war, und den es nicht mehr gibt. In diesen 50 Jahren ist das alles verloren gegangen.“
Seit den 60er Jahren hat Bulgarien ein Drittel seiner Bevölkerung verloren. Mit ihr verschwand vieles von dem, was in dieser CD-Box zu sehen und zu hören ist. Der kulturelle Verlust ist immens, um so wertvoller ist diese Sammlung einzuordnen. Das konnte Martin Koenig auch erfahren, als er vom Label beauftragt wurde, vor einer Veröffentlichung noch einmal nach Bulgarien zu reisen, um die Rechte von den Musikern und ihren Nachfahren einzuholen, wenn sie überhaupt gefunden werden konnten. Bei den Besuchen in den verschiedensten Dörfern stieß er vor allem auf Dankbarkeit, dass die Musik und diese Fotos aus einer längst vergangenen Zeit bewahrt wurden.
Einen Klangeindruck von „Sound Portraits from Bulgaria” kann man hier bekommen.
Das Auswärtige Amt hat dafür ein Deutschlandjahr in den Vereinigten Staaten ausgerufen. Überall im Land wird daran erinnert, was uns verbindet. Die Projekte reichen von gemeinsamen Festen über Ausstellungen, Konzerte, Konferenzen bis hin zu Radiosendungen mit Musikthemen, wie ich sie hier präsentiere. Neben AFN, Rammstein, Bear Family Records, den Einstürzenden Neubauten, den zeitlosen Liedern über die Moorsoldaten und Lili Marleen ist nun das wohl wichtigste Thema in dieser Sendereihe dran: die Musik der deutschen Einwanderer.
Von Huttwil in der Schweiz nach Wisconsin, von Trossingen in Schwaben nach Michigan, von St. Pölten in Niederösterreich nach Illinois: Mit den deutschsprachigen Einwanderern kam Anfang des 20. Jahrhunderts auch ihre Musik und ihre zünftige Art zu feiern in die USA. Spuren dieser Musik sind bis heute in der US-Volksmusik zu finden. Schweizer, Deutsche und Österreicher zog es in den Mittleren Westen, vor allem nach Wisconsin – «Swissconsin» wie der «deutscheste» aller Bundesstaaten auch gerne genannt wurde. Österreicher liessen sich in Chicago nieder und bildeten dort die grösste österreichische Gruppe im Ausland.
All die Einwanderer aus den deutschsprachigen Ländern wurden kurz „Germans“ genannt. Sie kamen nicht nur zum Arbeiten, sie wollten sich in der Neuen Welt eine neue Heimat aufbauen und brachten ihre Kultur, ihre Lebensweise, ihre Eigenarten mit. Und feiern das konnten sie. Die Feste der „Deutschen“ waren beliebt und sind es bis heute noch. Mit Bier, Tanz und vor allem der zünftigen Musik wurde ausgelassen gefeiert.
Mit dem Beginn der Plattenindustrie in den USA, wurden auch mehr und mehr „ethnic“ Schallplatten veröffentlicht, darunter viele mit Jodlern, Blaskapellen, Chören. Die großen deutschsprachigen Gemeinden brachten sich nicht nur ein in den „Melting Pot“ USA, sondern sie beeinflussten auch auf ihre Weise die amerikanische Musik. Man denke an den Country, den Blues, Hillbilly und Cajun. Und genau diesen Spuren geht diese Radio Goethe „Wunderbar Together“ nach. Und wohl keine andere Episode in dieser Sendereihe zeigt besser auf, wie sehr Deutschland mit den USA verbunden ist.
In Zeiten von Fake News, Onlinebullying, anti-muslimischer Hetze erscheinen die Platten eines kleinen Indie-Labels aus New York wie das berühmte gallische Dorf im römischen Reich. Die Musikveröffentlichungen von Ostinato Records sind zwar ein Kampf gegen die übermächtigen Windmühlen, aber sie sind dennoch ein wunderbar kraftvoller Ausdruck dafür, dass noch nicht alles verloren ist.
Nach „Sweet As Broken Dates: Lost Somali Tapes from the Horn of Africa“ erscheint nun „Two Niles to Sing a Melody – the violins & synths of Sudan“. Ein Album mit Musik aus einem Land, dass man seit Jahrzehnten nur mit Krieg, Hunger, Menschenrechtsverletzungen und einem Präsidenten in Verbindung bringt, der mit einem internationalen Haftbefehl gesucht wird. Ostinato Records hat auf dieser jüngsten Platte Musik zwischen den 70er und den 90er Jahren zusammen getragen, die gleich drei Episoden der sudanesischen Musikszene umfassen. Zum einen die Hochzeit Khartums in den 70ern, als der Ruf der sudanesischen Musiker vom Roten Meer bis an den Atlantik reichte. Man sprach vom sudanesischen Gürtel, der von Somalia und Dschibuti bis in den Senegal und Kamerun langte.
Der zweite Teil von „Two Niles to Sing a Melody“ dreht sich um die Musik nach der Einführung der Scharia 1983, als man als Musiker in Khartum vorsichtiger vorgehen und schließlich ganz das Land verlassen musste. Unter ihnen auch der legendäre muslimisch nubisch-sudanesische Sänger und Songwriter Mohammed Wadi. Der dritte Part dieser Dreifach-LP und Doppel-CD ist Musik aus dem Exil, denn die Stimmen wurden zwar außer Landes gezwungen, doch verstummten nie.
Die Lieder erzählen für sich die Geschichte einer vielschichtigen, offenen und selbstbewussten sudanesischen Musiklandschaft, die ohne Einflüsse aus anderen Kulturkreisen auskommt. Der Sudan als ein reiches Kulturland.
Ostinato Records ist erneut ein wichtiger Blick hinter die Schlagzeilen, die Nachrichten, das tagtägliche Getöse geglückt. Khartum wird durch die Musik ein Stück näher gebracht, so, wie es das Label mit Mogadischu auf „Sweet as broken dates“ schaffte. Hinter all dem Krieg und dem Horror blühte einst eine klangvolle und vielseitige Kulturlandschaft. Und wieder wird dabei deutlich, dass Musik die wohl einzige internationale Sprache ist, die uns alle verbindet. Auch wenn man die Worte nicht versteht, man wird auf eine besondere Reise entführt, die neugierig macht auf ein für mich bislang unbekanntes Land.
Various Artists – Alpine Dreaming Label: Archeophone Records Erscheinungsdatum: 2018
Stil: Divers
Viel wurde schon über die amerikanische “Folk Music” geschrieben. Was dabei aber immer wieder übersehen und überhört wird ist, dass all die Einwanderer, die in die USA kamen, ihre Kultur und Musik mit- und in der neuen Heimat einbrachten. Mit “Alpine Dreaming” erscheint nun eine Doppel-CD auf Archeophone Records, die das kurzlebige US Label “Helvetia Records” vorstellt.
Viel ist nicht bekannt über Ferdinand Ingold, nur soviel, dass er 1860 in Bischofszell im Kanton Thurgau zur Welt kam. Im Alter von 32 Jahren zog er mit seiner Frau und seinen fünf Kindern von Bern in die USA. Dort siedelten sich die Ingolds in “Green County” in Wisconsin an, dem “Little Switzerland” in Amerika. Hier hatten Einwanderer aus dem Kanton Glarus “New Glarus” gegründet. Ferdinand Ingold unterhielt in der Kleinstadt Monroe einen Laden, in dem er unter anderem auch erste Schallplatten aus der alten Heimat verkaufte. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hatte Ingold die Idee für ein eigenes Plattenlabel, eines, mit dem er seine Heimatverbundenheit und seine Kunden gleichermaßen zufrieden stellen konnte: Helvetia Records war geboren.
Der Musikethnologe James Leary stieß zum ersten Mal vor etwa 30 Jahren auf eine 78er Schellack Platte von Helvetia Records. In einem Plattenladen fand er eine Aufnahme von Otto Rindlisbacher, dem Sohn Schweizer Einwanderer. Learys Neugier war geweckt, von da an suchte er nach weiteren Scheiben des Labels. Im Musik Archiv der University of Wisconsin in Madison, an der er lehrt, konnte er über die Jahre zehn weitere 78er finden. Die Idee für eine Gesamtschau des Labels war geboren. „Man kann eine Mischung aus Jodlern hören, vor allem von Charles Schoenenberger. Aber es gibt auch Akkordeon und Violin Duette und rein männliche und gemischte Quartetts, daneben noch eine Art Operetten Jodler, gesungen von der Schweizer Nachtigall.“
Helvetia Records existierte gerade einmal vier Jahre, von 1920 – 1924, alle Aufnahmen wurden allerdings in den USA eingespielt, meist in New York City, wo es seinerzeit zahlreiche Recordings Studios gab. Zielgruppe waren vor allem die Schweizer in Amerika, die in New Jersey, Ohio und eben Wisconsin lebten, aber Ingold platzierte auch Werbung in Swiss-American Zeitungen, die an der Westküste gelesen wurden. “Alpine Dreaming” stellt nun zum ersten Mal den Gesamtkatalog von Helvetia Records vor, 36 Lieder konnte James Leary für dieses Album finden: „Wir hatten Glück, dass die Besitzer von Archeophone Records so ein gutes Netzwerk zu Sammlern haben. Darüber haben wir noch einige der 78er gefunden, die wir nicht in unserem Archiv hatten. Rich and Meagan vom Label sind dann mit einem Plattenspieler und Computer zu Sammlern nach Tennessee und Wisconsin gefahren, um dort einzelne Lieder zu digitalisieren.“
Begleitet wird die Doppel-CD von einem umfangreichen und reich bebilderten Booklet, in dem die Geschichte des Labels und der einzelnen Musiker erzählt wird. Für den Musikethnologen James Leary, der schon zahlreiche Bücher und Musikprojekte zur Geschichte der Einwanderer im Mittleren Westen veröffentlicht hat, war “Alpine Dreaming” eine Herausforderung. Die Sprache sei nicht leicht gewesen, lacht er. „Zum einen waren die Aufnahmen alt, sie waren gesungen und nicht gesprochen. Zum anderen sind diese Schweizer und diese verschiedenen österreichischen Dialekte keine geschriebene Sprache.“ Herausforderungen, die aber schließlich gemeistert wurden.
Auch wenn Helvetia Records nur vier Jahre existierte und 1924 im Konkurs endete, ist diese Episode und damit diese neue Veröffentlichung ein wichtiges und bislang übersehenes oder vergessenes Klangdokument in der langen Geschichte der Schweizer Einwanderer in den USA.
Various Artists – Battleground Korea Songs And Sounds Of America’s Forgotten War Label: Bear Family Records Erscheinungsdatum: 2018 Stil: Divers Trackliste: CD1: 1. War starts in Korea' (June 25, 1950) (narration) - U.N. Spokesperson 2. War News Blues - Hopkins, Lightnin 3. God Please Protect America - Sunshine Boys Quartet 4. Pray, Pray, Pray (For The U.S.A.) - Fowler, Wally and His Oakridge Quar 5. President Truman speaks on war in Korea (April 1951) (narration) - President Truman 6. When They Raised The U.N. Flag In South Korea - Harral, Hank and His Palomino Cowha 7. Got To Go Back Again - The Four Barons 8. Back To Korea Blues - Slim, Sunnyland and His Trio 9. Korea, Here We Come - Choates, Harry and His Fiddle 10. Goodbye Maria (I'm Off To Korea) - Mondi, Vince 11. My New Career Is In Korea - Mims, Paul 12. Draftboard Blues - Vance Brothers 13. Draft Board Blues - Anderson, Ray and Tennessee Mountai 14. Uncle Sam Has Called My Number - Shibley, Arkie and His Mountain Dew 15. I'm A Soldier Boy Again - Smilin' Eddie Varnado and The Delta 16. Here We Go Again - Stone, Harvey 17. Korea Blues - Domino, Fats 18. Korea Blues - Blivens, Clifford with the Johnny O 19. Korea Blues - Brown, Willie 20. Sorry Girl Blues - Bailey, Max 21. Questionnaire Blues - King, B. B. 22. Questionnaire Blues - Hooker, John Lee 23. Uncle Sam Blues - Thompson, Sonny 24. Mailman Blues - Price, Lloyd and His Orchestra 25. Mr. So And So - Big Boy Crudup 26. Greetings - Newman, Bob 27. I'm Back In The Army - Allen, Tani and His Tennessee Pals 28. (In Again, Out Again) Packing Up My Barracks Bags Blues - Pryor, Cactus and His Pricklypears 29. The K.P. Blues - Montana Slim (Wilf Carter, The Sing 30. Message From Vic Damone (incl. excerpt from 'Sound Off' by Willie Lee - Damone, Vic / Monroe, Vaughn 31. The Girls Are Marching - The Rockets and Winterhalter, Hugo CD2: 1. Heading for Korea - Newsreel Announcer 2. Korea (Fightin' In The Foreign Land) - The Gospel Pilgrims 3. Foxhole In Korea - Cason, Bill 4. Inchon - Rogers, Steve 5. Thank God For Victory In Korea - Osborne, Jimmie 6. The Ballad Of Chosin - Carpino, John 7. We're Moving On - Brand, Oscar & Short Arms 8. I'm In Korea - Lenoir, J. B. 9. Robert Pierpoint under fire in Korea' (May 17, 1951) (narration) - Narrated by Sevareid, Eric / Pierp 10. Heartbreak Ridge - Delmore Brothers 11. A Heartsick Soldier On Heartbreak Ridge - Tubb, Ernest 12. Where The Need Is - The Four Lads with Narration by Mur 13. Korean Mud - Britt, Elton 14. Request for blood donations - Howdy Doody 15. No News From Home - Tommy (Weepin' and Cryin') Brown 16. Lost In Korea - Johnson, Sherman "Blues" & His Clo 17. From A Foxhole - Powers, Jack 18. A Soldier's Prayer - Cook, William Accompanied by The Ma 19. Please Say A Prayer (For The Boys Over There) - Porter, Rocky 20. Sad News From Korea - Hopkins, Lightnin 21. A Brother In Korea - Osborne, Sonny 22. From Mother's Arms To Korea - Louvin Brothers, The 23. Wrap My Body In Old Glory - Sauceman, Carl and The Green Valley 24. Red White And Blue - Rhodes, Slim 25. Rotation Blues - Britt, Elton and The Skytoppers 26. Pusan - Mize, Billy with Woods, Bill and Hi 27. A Prisoner Of War - Eanes, Jim 28. When I Get Back - Kellum, Kay and His Dixie Ramblers 29. Somewhere In Korea - The Kalvin Brothers CD3: 1. A GI Writes to His Kids - a Posthumous Letter (September 1950) - Newsreel Announcer 2. Dear Little Girls - Foley, Red 3. Daddy's Last Letter - Ritter, Tex 4. Two Letters - Hill, Tiny 5. When They Drop The Atomic Bomb - Doll, Jackie and His Pickled Pepper 6. The Truman-MacArthur dispute that led the President to fire the Genera - Jackson, Alan - CBS News / Presiden 7. Oh! Mr. President - Hendon, R. D. With The Western Jambo 8. General Of The Army Douglas MacArthur Reports To Congress' (April 19, - General MacArthur 9. Old Soldiers Never Die - Autry, Gene 10. (Old Generals Never Die) They Just Fade Away - Short, Jimmie and the Silver Saddle 11. Fade Away Baby - Snead, Ray 12. Rep. James E. Van Zandt supports the use of the Atomic Bomb in Korea' - Zandt, James E. Van 13. Please Daddy, Don't Go To War - McDonald, Skeets 14. Why Does The Army Need My Daddy - Simerly, George and His Tennesseans 15. God Bless My Daddy - Gant, Cecil 16. Don't Steal Daddy's Medal - Oklahoma Sweethearts 17. God Is On Our Side - Heap, Jimmie and The Melody Masters 18. I'll Be Glad When It's Over (Over There) - The Dixie Ramblers 19. I'm Prayin' For The Day (When Peace Will Come) - Hankins, Roscoe 20. Heavenly Father - McGriff, Edna 21. At Mail Call Today - Autry, Gene 22. A Dear John Letter - Shepard, Jean with Recitation by Hu 23. John's Reply - Lane, Pete and Stabile, Bernice 24. Dear Joan - Cardwell, Jack 25. Forgive Me John - Shepard, Jean with Recitation by Hu 26. Male Call - Slay, Emitt Trio 27. A Letter From Home - Penny, Hank 28. I Like Ike - The Promenade Band with Male Chorus 29. I shall go to Korea...' (October 24, 1952) (narration) - General Eisenhower 30. Drive Soldier Drive - Little Maxie 31. Five Star President - Kirk, Eddie CD4: 1. 'announces an armistice in Korea...' (July 27, 1953) (narration) - President Eisenhower 2. There's Peace In Korea - Tharpe, Sister Rosetta 3. Ike - Revelers, The 4. The Korean Story - Osborne, Jimmie 5. The War Is Over - Crudup, Arthur Big Boy 6. The War Is Over - Hopkins, Lightnin 7. Leavin' Korea - Soldier Boy Houston 8. Hello Maria - Dale, Jimmie 9. Welcome Home Baby - Perry, King Orchestra with Vocal by 10. Back From Korea - Brown, Rose and Harris, Jimmie with 11. No More Black Nights - Bartholomew, Dave 12. Back Home - Witherspoon, Jimmy 13. His New War Bride - Collie, Margie 14. Harry Holt brings Korean war orphans to Portland, Oregon' (circa 1956) - Newsreel Announcer 15. The Legend Of Harry Holt - Li, Kwan 16. The Iron Curtain Has Parted - Windle, Don with Band 17. Missing In Action - Tubb, Ernest 18. Returned From Missing In Action - Eanes, Smilin' Jim and His Shenando 19. I'm Still A Prisoner - Strange, Billy 20. Re-Enlistment Blues - Travis, Merle 21. The Red Deck Of Cards - Red River Dave 22. I Changed My Mind (And I'll Go Home Again) - Hill, Eddie 23. Purple Heart - Jim & Jesse and The Virginia Boys 24. White Cross In Korea - Barry, Don Red 25. Korea's Mountain Northland - Rainwater, Marvin 26. A White Cross Marks The Grave - Sauceman, Carl with the Green Valle 27. The Unknown Soldier - Britt, Elton 28. Searching For You, Buddy - Red River Dave 29. Forgotten Men - Reno, Don / Smiley, Red And The Ten 30. China Nights (Shina No Yuro) - Curless, Dick
„Thank you dear god for victory in Korea“ singt Jimmie Osborne. Ein Lied aus dem Jahr 1950, das heute wohl kaum noch jemand kennt. Es ist eines von über 100 Country-, Blues-, Pop- und Gospel-Titel, die Bear Family Records für die Box „Battleground Korea – Songs and Sounds of America’s forgotten war“ zusammen getragen hat. Darunter sind viele obskure Songs, patriotische Lieder, Aufrufe, sich zum Kampf im fernen Korea zu melden. Musiker wie The Louvin Brothers, Fats Domino, Jean Shephard, B.B. King, Gene Autry und Dutzende anderer Künstler werden präsentiert. Umrahmt wird dieser Koreakrieg-Soundtrack von historischen Audioaufnahmen, wie Reden, Radioreportagen, Interviews und „Public Service Announcements“.
Bear Family Records ist mit dieser Box erneut ein Glanzlicht auf dem Plattenmarkt geglückt. Die vier CDs kommen mit einem umfangreichen Buch, in dem nicht nur der dreijährige Kriegsverlauf erklärt wird, sondern auch auf die Musiker, die Songs, das damalige Leben in den USA, der Heimatfront, eingegangen wird. Wie immer hat man sich im Hause Bear Family viel Zeit für diese Veröffentlichung genommen, Berichte, Fakten und viele, viele Bilder zusammen zu getragen.
Auf „Battleground Korea – Songs and Sounds of America’s forgotten war“ wird Geschichte erneut hörbar gemacht. Vor ein paar Jahren veröffentlichte das Label seine große und vielumjubelte Vietnam Krieg Box „Next Stop is Vietnam“. Nun folgt der Fokus auf die militärische Auseinandersetzung, die in den USA ins Vergessen geraten ist, die von vielen kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges offen abgelehnt wurde. Hier in den USA sieht man nur noch wenige Kriegsveteranen mit einer Mütze, einer Jacke oder einem Aufkleber auf dem Auto „Korean War Veteran“. Die Zeitzeugen sterben aus. Und doch, wie die jüngsten politischen Entwicklungen zeigen, der Koreakrieg ist auch nach 65 Jahren Waffenstillstand aktueller denn je. Die Bear Family Box kommt also zur rechten Zeit.
Die Frage ist lediglich, wer damit erreicht werden kann, erreicht werden soll? In einem Zeitalter, in dem minderwertige mp3 Files, soziale Medien, Schlagzeilen und Kurznachrichten den Alltag bestimmen, kann man sich nur wundern, wer sich die Zeit nehmen wird, in diese historische Klangreise einzutauchen, das umfassende Buch zu lesen, die Lieder auf sich wirken zu lassen. Das geht nicht im Schnelldurchlauf, nicht über ein Smartphone, nicht im Vorbeigehen, nicht in einem Tweet. Geschichtsverständnis braucht Zeit, das belegt diese Sammlung.
Es ist der Verdienst dieses kleinen Indie-Labels aus Holste-Oldendorf, immer wieder mit solch umfangreichen, beeindruckenden, wichtigen und historischen Boxen zu überzeugen. Einige davon verkaufen sich sicherlich nicht gut, wie mir Bear Familien Oberhaupt Richard Weize nach der Veröffentlichung von „Beyond Recall“ erklärte, und dennoch lässt sich das Label nicht von seinem Kurs abbringen. Warum auch, Bear Family Records ist eines der wichtigsten Labels im Veröffentlichen von historischen Boxsets und musikalischem Dokumentieren, gerade im Country und Folk Bereich.
Ich sitze hier an einem sonnigen Samstagmorgen in Oakland in meinem Sessel und höre zu. Reportagen und Lieder, blättere dabei in dem Buch, sehe die vielen Fotos. Es ist bewegend, macht nachdenklich, die Koreakrieg Box ist lebendige Geschichte, ein Hörgenuss sondergleichen und mehr als empfehlenswert. Es ist ein wichtiges Zeitdokument in unserer schnelllebigen und viel zu leicht vergessenden Welt.