Sanguisugabogg. Sanguisugabogg? Seltsamer Name, aber dabei bleibt es nicht. Der Name stellt laut Bandinfo ein Anagram für „Bloody Toilet“ dar. Blutige Toilette also. Hört man dann die Musik der vier US-Amerikaner wird der Name der Band zwar auch nicht logischer, aber man weiß sofort, dass die Musiker noch mehr Überraschendes auf Lager haben.
„Homicidal Ecstasy“ ist bereits die dritte Veröffentlichung von Sanguisugabogg und deren zweite auf dem Plattenlabel Century Media Records. Zu hören bekommt man auf diesem neuen Album absolut kompromisslosen Death Metal. Melodien? Völlig überschätzt. Es geht hier um Kraft, Aggressivität und Lautstärke.
Dabei entwickeln sich die einzelnen Lieder von Sanguisugabogg niemals zu Hochgeschwindigkeitsnummern – lediglich phasenweise hörte man mal stakkatoartige Klänge. Meist bleibt die Musik im Mid-Tempo verhaftet und wird vom ersten bis zum letzten Takt gleichmäßig und eben kompromisslos durchgezogen. Abwechslung gibt es das keine, aber jede Menge dumpfen, krachenden Sound, der sich über das ganze Album zieht.
Devin Swank schreibt seine Texte nach eigener Angabe „mit Kaffee und einem Horrorfilm im Hintergrund“ So handeln seine, zum Teil fast verstörenden Inhalte auch von „Psycho-Sexualität, Körper-Horror und darum, warum das, was manche Leute als pervers oder fetischistisch ansehen, auch völlig normal sein kann“. In Verbindung zur Musik ist das definitiv ein Erlebnis, wenn diese Stimme aus der Unterwelt ihre Botschaften entlässt. Wie man dieses dann einordnet, wird jeder für sich selbst entscheiden müssen.
Fazit: Nun, wer Death Metal mag, auch jenen der dumpferen aber kompromisslosen Sorte, die oder der wird ganz bestimmt auch an Sanguisugaboggs neuestem Werk gefallen finden. Was dieses Album mit seiner Musik allerdings nicht darstellt, das ist musikalischer Mainstream. Von daher ist „Homicidal Ecstasy“ definitiv nicht für Mainstram- oder Pop-Hörer geeignet. Sechs Punkte.
„Ravenblack“ heißt das zwölfte Studioalbum der Hamburger Band Mono Inc. und erschein am 27. Januar 2023 auf dem Plattenlabel NoCut Entertainment.
Auf „Ravenblack“ hört man alle „Zutaten“, die die Musik von Mono Inc. ausmachen. Packender Rock gepaart mit sehr eingängigen Melodien. Mehrstimmiger Gesang und ein absolut voller Sound, der immer wieder mitreißt. Die Lieder gehen schnell ins Ohr, bereits nach dem ersten Mal des Hörens. Und mit jedem weiteren Durchgang scheinen sich die einzelnen Titel noch zu steigern.
Was Mono Inc. dabei schon immer auszeichnete ist dieses Spiel mit den Atmosphären und Stimmungen. Das klingt manchmal so wunderschön melancholisch, sentimental bis hin zu traurig. Dann wechselt diese Stimmung wieder, wird rockiger und wirkt deutlich optimistischer. Dabei fügt sich alles perfekt ineinander, wirkt niemals aufgesetzt oder konstruiert, sondern absolut stimmig.
Dadurch kann man auch so wunderschön in diese Musik eintauchen, die sanften Passagen neben den treibenden Abschnitten wirken lassen und ganz darin aufgehen. Ich habe das Album beim ersten Mal auf guten Kopfhörern gehört und war sofort gepackt. Diese Melodien umschwirren einen sehr einnehmend und der Rhythmus lässt einen augenblicklich mitwippen. Dabei klingt „Ravenblack“ eindeutig nach Mono Inc. ohne dabei langweilig oder wie eine Wiederholung bereits veröffentlichter Alben zu wirken. Mono Inc. bleiben sich also treu und enttäuschen nicht. Die beiden auf Deutsch eingesungenen Lieder lockern den Gesamteindruck zusätzlich auf und tragen so nochmals zur Abwechslung innerhalb des Albums bei.
Fazit: Bei der Musik von Mono Inc. weiß man was einen erwartet. Und das ist auch auf „Ravenblack“ so. Treibende Passagen neben sehr sanften Melodien und alles fügt sich perfekt zusammen. Wer die Musik der Band bereits früher mochte, wird ganz bestimmt auch vom neuesten Werk von Mono Inc. nicht enttäuscht werden. Zehn Punkte.
Anspieltipps: Princess Of The Night, Wiedersehen Woanders
Mit „Chaos & Colour“ erschien am 27. Januar 2023 das inzwischen 25. Studioalbum von Uriah Heep, fast 53 Jahre nach ihrem Debutalbum „...Very ‘Eavy ...Very ‘Umble“ im Juni des Jahres 1970. Von den Gründungsmitgliedern ist lediglich noch Mick Box vertreten, doch Sänger Bernie Shaw und Phil Lanzon an den Keyboards sind inzwischen ebenfalls seit Mitte der 80er Jahre feste Bandmitglieder.
Nun, auch wenn sich die Zusammensetzung der Bandmitglieder über solch einen langen Zeitraum immer wieder veränderte, so stimmt das nicht für die Musik von Uriah Heep. Musik versucht auch Gefühle zu transportieren, denn dann wirkt sie am besten und schönsten und packendsten. Man spürt etwas beim Hören und Erinnerungen kommen auf. Und genau das schaffen Uriah Heep auf mit ihrem neuesten Album „Chaos & Colour“.
Klar, „Chaos & Colour“ ist kein zweites „...Very ‘Eavy ...Very ‘Umble“ oder „Salisbury“ oder „Look At Yourself“ geworden, doch die „Zutaten“, welche bereits auf diesen ersten Alben vorhanden waren, die hört man auch auf der neuesten Uriah Heep Platte. Dieser Sound der Gitarre, die wunderschönen und packenden Keyboardläufe und dieses Spiel zwischen den rockigen Passagen und den sanften melodiösen Abschnitten, all das ist auch wieder auf „Chaos & Colour“ vorhanden. Die Lieder rocken und gehen ins Ohr.
Somit legt man „Chaos & Colour“ auf beziehungsweise ein und fühlt sich beim Hören gleich angekommen. Uriah Heep ist eine Band, die mich bereits mein ganzes Leben lang begleitet und nun haben die Engländer um Mick Box ein weiteres Kapitel hinzugefügt, welches mich schon beim ersten Mal des Hörens einnahm – und mit jedem neuen Durchlauf klingt das Album noch besser. Danke Uriah Heep, dass Ihr keine „Experimente“ unternommen habt, sondern dem treu bleibt, was Ihr am besten könnt: Rocken!
Fazit: Der Sound und die Musik auf „Chaos & Colour“ klingen eindeutig nach Uriah Heep. Wem die Musik der Engländer gefällt und wer die Band schon länger verfolgt wird sicherlich nicht enttäuscht werden von diesem neuen Album. Und wer gerne in Erinnerungen schwelgt bekommt hier mit neuer Musik die Gelegenheit dazu, denn Uriah Heep kopieren sich auf „Chaos & Colour“ nicht selbst, doch sie klingen nach Uriah Heep. Und das ist schön so. Elf Punkte.
1. The World We Drive Though (Live in Germany, 2004) (14:42)
2. The Canterbury Sequence (Live in Germany, 2004) (9:08)
3. The Winning Game (Live in Germany, 2004) (12:27)
4. In Darkest Dreams (Live in Germany, 2004) (20:34)
5. The Music That Died Alone (Live in Germany, 2004) (12:51)
6. Lucky Man (Live in Germany, 2004) (5:41)
7. A Spark In The Aether (Live in USA, 2017) (4:21)
8. A Sale Of Two Souls (Live in UK, 2012) (6:17)
9. Perdu Dans Paris (Live in UK, 2012) (10:55)
10. A Crisis In Mid Life (Live in UK, 2012) (7:37)
11. Doctor Livingstone (I Presume) (Live in USA, 2017) (11:57)
12. Titanic Calls Carpathia (Live in UK, 2012) (18:34)
13. Two Rope Swings (Live in USA, 2017) (8:12)
Gesamtspieldauer: 2:23:22
Bei der am 27. Januar 2023 erscheinenden Live-Zusammenstellung von The Tangent handelt es sich um eine Kompilation bereits veröffentlichter Titel, die allerdings bisher auf diversen Bootlegs vorhanden waren. Wer diese bereits besitzt wird somit auf „Pyramids, Stars & Other Stories: The Tangent Live Recordings 2004-2017“ nichts Neues für sich entdecken können.
Wer diese Alben jedoch noch nicht mit ihren Live-Aufnahmen gehört hat, kann auf dieser Zusammenstellung durchaus den Abwechslungsreichtum in der Musik von The Tangent gepaart mit sehr viel Spielfreude für sich entdecken. Die Lieder changieren dabei zwischen Fusion und Progressive Rock. Hierbei sind die ersten Aufnahmen aus dem Colos-Saal in Aschaffenburg noch sehr viel eher dem Progressive Rock zuzurechnen, wohingegen die späteren Aufnahmen immer mehr in Richtung des Jazz-Rocks tendieren.
Stimmungsmäßig changieren die Lieder zwischen „sehr eingängig“ sowie „frei, verspielt und ausladend“. Einen Gefallen an überraschenden Wendungen, krummen Takten und langen Soli sollte man dabei unbedingt mitbringen, damit man das Album richtig genießen kann. Und wenn die Stimmung dann doch mal für den eigenen Geschmack zu jazzig zu werden scheint, kann man sich immer an der Spielfreude der Musiker erfreuen, die vom ersten bis zum letzten Takt gegeben und zu hören ist. Der Klang der einzelnen Stücke ist übrigens überraschend gut.
Fazit: „Pyramids, Stars & Other Stories: The Tangent Live Recordings 2004-2017“ ist eine gelungene Übersicht über das Schaffen von The Tangent in den Jahren von 2004 bis 2017. Für alle, die die Musik der Band lieben und diese so noch nicht live gehört haben sehr lohnend. Zehn Punkte.
Mariusz Duda wollte beim achten Riverside-Studioalbum mal etwas anders machen, zurück zu den Wurzeln sozusagen: „Die letzten drei oder sogar vier Alben sind hauptsächlich im Studio entstanden. Dieses Mal wollte ich, dass wir alle zurück in den Proberaum gehen und den Großteil des Materials dort komponieren. Ich wollte die Energie einfangen, die beim gemeinsamen Spielen entsteht. Ich wollte, dass Piotr Kozieradzki so spielt, wie er am liebsten spielt. Ich wollte, dass Michał Łapaj... jener Michał ist, den wir von den Live-Shows her kennen. Und obendrein wollte ich, dass die Kompositionen von der symbiotischen Verflechtung der Instrumente dominiert werden, welche schon immer ein wichtiger Teil unseres Stils war. Ich denke, dass wir deshalb ein wirklich gutes Riverside-Album aufgenommen haben, angefüllt mit den charakteristischsten Elementen, die uns ausmachen.“
Und noch aus einem weiteren Grund ist „ID.Entity“ eine Art Neuanfang in der Bandgeschichte von Riverside. Es ist das erste Album, welches in der neuen Besetzung mit Gitarrist Maciej Meller, der seit 2020 offizielles Mitglied der Band ist, eingespielt wurde, nachdem Gitarrist und Gründungsmitglied Piotr Grudziński leider im Februar 2016 überraschend verstorben ist. Und Maciej Meller füllt seine Rolle überzeugend aus, bringt sich ein, ohne den Sound der Band vollständig auf den Kopf zu stellen.
Nun, „ID.Entity“ ist etwas „breiter“ aufgestellt, als manch früheres Studioalbum der Polen. Neben altbekannten härteren Passagen und auch Abschnitten, die dann doch progressiver klingen (für ein ganzes Lied gilt das allerdings kaum) und sanften Melodiebögen überrascht „ID.Entity“ gerade zu Beginn bei „Friend Or Foe?“ mit fast schon poppigen Tönen, die sich wiederum mit rockigen Ausflügen ergänzen. All diesen musikalischen „Zutaten“ des Albums ist dabei gemein, dass die Musik sehr schnell ins Ohr geht. Dieses Gespür für die eingängige Melodie, die sich spätestens nach dem zweiten Durchlauf in eben diesem Ohr festsetzt, wissen Mariusz Duda und seine Bandkollegen auch auf „ID.Entity“ zu transportieren.
Beim Hören des Albums überzeugt neben der Eingängigkeit der einzelnen Lieder auch die Abwechslung. Niemals kommt Langeweile, sehr viel eher Spannung auf, wie sich dieser oder jener Titel weiterentwickelt. Besonders gelungen finde ich das bei den beiden Liedern „Big Tech Brother“ und „The Place Where I Belong“. Beides Stücke, die sich entwickeln und dabei immer wieder neue Richtungen einschlagen.
Fazit: Auch das achte Riverside-Album „ID.Entity“ überzeugt. Fans der Band werden sicherlich nicht enttäuscht werden. Und wer auf abwechslungsreichen Rock, gepaart mit eingängigen Melodien steht, dürfte ebenfalls viel Spaß an „ID.Entity“ finden. Lohnt sich auch als Einstieg in das Schaffen von Riverside. Zehn Punkte.
Anspieltipps: Big Tech Brother, The Place Where I Belong
„Famous Last Words“ heißt das zwölfte Studioalbum des schottischen Musikers Al Stewart. „Famous Last Words“ wurde am 21. September 1993 ursprünglich auf dem Plattenlabel EMI veröffentlicht. Anders als der Name des Albums vielleicht andeuten könnte, war die Platte noch nicht das letzte Album des Al Stewart. Vier weitere Platten folgten bisher noch und mit „Sparks Of Ancient Light“ im Jahr 2008 dann wohl wirklich das letzte Album des Schotten.
Auf „Famous Last Words“ hört man oft jenen Sound, für den Al Stewart bereits seit Beginn seiner Karriere steht. Sanfte Lieder, angesiedelt irgendwo zwischen Pop und Folk und immer schnell ins Ohr gehend. Doch Al Stewart variiert auf diesem zwölften Album dann doch etwas mehr. Mal klingt es ein wenig rockiger, dann wieder grooviger, schließlich hört man auch mal eine spanische Gitarre. Akkordeon, Saxophon und diverse Streicher haben ihren Auftritt und sorgen zusätzlich für einiges an Abwechslung auf diesem Album.
Für eingängige Melodien stand der Schotte schon immer. Und diese findet man auch auf „Famous Last Words“. Besonders gelungen klingen hier die Titel „Angel Of Mercy“, „Peter On The White Sea“ und „Charlotte Corday“. Letztgenannter Titel entstand aus einer Zusammenarbeit mit Tori Amos und ist vielleicht der Höhepunkt der ganzen Platte. Dieses Zusammenspiel von Akkordeon und Piano klingt wahrlich einnehmend.
Und der Rest des Albums? Nun, das sind bewährte Lieder im Stile des Al Stewart. Das gefällt mal mehr, mal weniger, reine Geschmackssache eben. Der etwas unbeholfene Gesang des Schotten zieht sich durch die ganze Platte, gehört aber eben auch zur Musik des Al Stewart. Richtige Ausfälle gibt es keine zu beklagen, bis auf die drei genannten Titel und mit Abstrichen noch das über achtminütige „Trains“ klingt der Rest allerdings auch nicht mehr großartig mitreißend.
Fazit: Al Stewart Fans wird „Famous Last Words“ sicherlich zusagen. Die Abwechslung auf dem Album überzeugt allerdings auch die etwas neutralere Zuhörerin. Im Vergleich zu den Veröffentlichungen der vorangegangenen Jahre klingt „Famous Last Words“ sehr viel spannender, zum Teil auch eingängiger und überzeugender als die Platten unmittelbar davor. Neun Punkte.
Anspieltipps: Angel Of Mercy, Peter On The White Sea, Charlotte Corday
8. And I Can Hear The Soft Rustling Of My Blood (As If Snow Were Sliding Down The Mountains) (5:32)
9. We Will Rebuild With Smooth Stones (5:12)
Gesamtspieldauer: 41:31
Mit ihrem selbstbetitelten Debutalbum „Balmorhea“ haben die beiden Musiker Rob Lowe und Michael Muller aus Austin, Texas ein überaus bewegendes, sanftes und auch weitestgehend stilles Album vorgelegt. „Balmorhea“ wurde zunächst im Eigenverlag veröffentlicht und laut den spärlichen Angaben auf dem Cover „zu Hause in Austin, Texas“ aufgenommen.
Auf dem Album hört man fast schon zerbrechlich klingende Musik, zumeist nur aus der akustischen Gitarre und einem Piano bestehend, die dann mit zahlreichen Hintergrundgeräuschen aus der Umgebung leicht untermalt wurde. Das klingt alles sehr eingängig, allerdings auch melancholisch, sentimental bis traurig. Balmorhea lassen auf ihrem Erstling Musik erklingen, die man keineswegs hören sollte, wenn man depressiv veranlagt ist oder sowieso schon dem eigenen Blues frönt. Traurige Gefühle werden mit diesen sanften Melodien definitiv verstärkt werden.
Nichtsdestotrotz ist die Musik überaus eingängig. Alles klingt und wirkt und geht ins Ohr. Musik auch zum Abschalten vom Stress des Tages, zum Augenschließen und zum Durchatmen. Die Lieder sind instrumental gehalten. Und wenn, wie beim Lied „En Route“ oder „And I Can Hear The Soft Rustling Of My Blood“, dann doch mal eine menschliche Stimme erklingt, so hört man diese im Chor und sie formt keine Worte.
Fazit: Wer auf die ganz sanfte „Kost“ in der Musik steht, die dazu auch noch stimmungsvoll erklingt, die oder der ist mit Balmorhea und deren selbstbetitelten Erstlingswerk bestens bedient. Die Musik klingt, geht ins Ohr und ergreift. Das kann man sicherlich nicht allzu oft hören, da man durchaus Gefahr läuft ansonsten in eine Depression zu schlittern. Doch ab und an in schöner Melancholie zu baden kann durchaus lohnend und entspannend sein. Zehn Punkte.
Gesamtspieldauer CD1 (30:09) und CD2 (16:34): 46:43
„World Record“ heißt das 42. Studioalbum des gebürtigen Kanadiers Neil Young und ist gleichzeitig das 15. Studioalbum, welches er mit seiner Begleitband Crazy Horse eingespielt hat. Am 18. November 2022 ist das Album in Form einer dreiseitigen Doppel-LP oder Doppel-CD auf dem Plattenlabel Reprise Records veröffentlicht worden. Das Albumcover zeigt übrigens ein Foto von Neil Youngs Vater, dem Journalisten Scott Young. Links unten neben dem Foto ist dessen Geburtsdatum hinterlegt.
Seit inzwischen 54 Jahren veröffentlicht Neil Young seine Musik. Ein inhaltliches Thema, welches sich über all diese Jahrzehnte immer wieder durch seine Alben zog, ist das der Umwelt und der Gefahren einer möglichen Klimakatastrophe. Dieses Mal steht dieses Thema ganz zentral im Mittelpunkt und Neil Young sendet einfache Botschaften wie diese Welt zu erhalten, mehr Rücksicht aufeinander zu nehmen oder Kriege zu stoppen. Dabei schafft er dies ohne den Zeigefinger zu erheben, sondern sehr viel eher, indem er seine Botschaften sendet und wahrscheinlich hofft, dass diese auch auf einen Empfänger treffen, die oder der zumindest zum Nachdenken anregt wird. Das längste Stück des Albums, „Chevrolet“, beschäftigt sich entgegen dieses vorherrschenden Themas mit seiner Beziehung zu Autos allgemein.
„World Record“ ist ein live eingespieltes Album geworden, was ohne Overdubs auskommt. Das verleiht dem Album auch einen ganz speziellen Sound. Wenn man die Augen schließt könnte man sich fast im Studioraum wähnen, still auf einem Barhocker in der Ecke sitzend und der Band bei ihrem Spiel lauschend. Dabei hört man bei manchen Liedern sogar noch die Gespräche vor den Aufnahmen, was diesen Eindruck noch mal verstärkt.
Warum aber eigentlich zwei CD‘s, wenn alle Lieder auch auf eine Silberscheibe gepasst hätten? Nun, nicht nur inhaltlich unterscheiden sich die ersten neun Lieder von jenem „Chevrolet“ auf CD2, sondern auch musikalisch. Die ersten neun Stücke klingen locker und leicht, trotz der hier behandelten Themen. Der Opener „Love Earth“ groovt richtiggehend und diese einmal eingeschlagene Richtung wird musikalisch in leichten Variationen beibehalten. Das klingt durchaus etwas anders, als die ganz frühen Alben des Neil Young, ob mit oder ohne Crazy Horse. Mitunter setzen Orgel, Harmonika oder Mundharmonika ein und sorgen für zusätzliche Abwechslung.
Mit der zweiten CD und dem über 15-minütigen „Chevrolet“ bewegen sich Neil Young und Crazy Horse dann wieder auf Wegen, die man schon von ganz frühen Aufnahmen her kennt. Hier lassen es die Musiker einfach fließen und der Titel jammt. Zunächst noch mit Gesang, um dann in ein langes Solo zu münden, in das man auch beim Zuhören herrlich eintauchen kann. Der Gesang ertönt erneut und wieder geht alles in einem Solo auf, sogar noch länger und irgendwie entrückter. Nicht zuletzt auch aufgrund solcher Titel mag ich Neil Young so sehr, da er weiß, wann man es einfach laufen lassen muss und gar nicht auf die Idee kommt, etwas auszublenden.
Fazit: „World Record“ klingt etwas anders als die zuletzt veröffentlichten Albern von Neil Young. Zum Teil etwas groovender, dann wieder sehr nach seinen musikalischen Anfängen. Dazu gesellt sich noch der Umstand, dass die Lieder mit jedem weiteren Durchlauf zu immer besseren „Freunden“ werden. „World Record“ wächst mit jedem Mal des Hörens und überzeugt. Zehn Punkte.
Im Jahr 1970 spielte die Band zum ersten Mal unter dem Namen Kansas zusammen. Die Mitglieder hießen damals Kerry Livgren (Gitarre), Dave Hope (Bass), Phil Ehart (Schlagzeug), Lynn Meredith und Greg Allen (Gesang), Don Montre und Dan Wright (Keyboards) sowie Larry Baker (Saxophon).
Diese Zusammensetzung hielt nur bis ins Jahr 1971, dann lösten sich Kansas wieder auf. Es gab eine Neugründung im Jahr 1972 und als schließlich Kerry Livgren im Jahr 1973 zur Band zurückkehrte, hatte sich eine Formation gefunden, die nicht nur im folgenden Jahr ihr erstes Album einspielte und überaus erfolgreich werden sollte, sondern auch in der Besetzung Steve Walsh, Kerry Livgren, Robby Steinhardt, Rich Williams, Dave Hope, Phil Ehart über viele Jahre und Jahrzehnte zusammenspielen sollte. Somit sieht die Band dieses Jahr 1973 als ihr eigentliches Gründungsdatum an und dieses jährt sich im folgenden Jahr zum 50. Mal. In Nordamerika wird es eine große Tour geben und davor wird nun noch eine umfangreiche Kompilation des Schaffens von Kansas veröffentlicht.
Alle sechszehn Studioalben sind auf „Another Fork In The Road - 50 Years Of Kansas“ mit zwei bis drei Titeln vertreten. Sogar das 1978er Live-Album steuert mit „Carry On Wayward Son“ (in der Originalfassung auf „Leftoverture“ enthalten) einen Titel bei. Das Lied „Can I Tell You“ wurde für diese Kompilation ganz neu eingespielt und stammt ursprünglich vom ersten, selbstbetitelten Album „Kansas“.
Nun, es ist natürlich immer Geschmackssache bei solch Kompilationen, ob man sich nicht auch das ein oder andere darauf fehlende Lied gewünscht und dafür lieber auf ein anderes verzichtet hätte. Insgesamt finde ich die Auswahl jedoch durchaus gelungen. Man bekommt einen sehr guten Überblick über die Musik von Kansas über die Jahrzehnte hinweg. Allerdings hätte ich mir das Lied „Dust In The Wind“ doch schon sehr in der originalen Version von 1977 auf der Platte „Point Of No Return“ gewünscht. Hier ist es nun in der Version von 1998 enthalten. Dort war es für das Album „Always Never The Same“ neu eingespielt worden. Dieses Album beinhaltete nur drei neue Lieder und enthielt sonst hauptsächlich Interpretationen der eigenen Stücke. Unter anderem eben auch jenes „Dust In The Wind“.
Fazit: Wer einen guten Überblick über das Schaffen von Kansas erhalten möchte, kann mit „Another Fork In The Road - 50 Years Of Kansas“ nichts falsch machen. Die Liedauswahl auf diesem Kompilationsalbum ist gelungen, auch wenn solch zusammengestellte Alben wohl niemals zu 100% die eigenen Lieblingslieder abdecken. Doch man bekommt hier für gar nicht mal so viel Geld fast vier Stunden tolle Musik geboten. Für Leute, die schon alle Alben der Band besitzen lohnt der Kauf sicherlich nicht, doch wer in das musikalische Universum von Kansas mal einsteigen möchte, um sich dann vielleicht sogar die offiziellen Alben bestimmter Epochen der Bandgeschichte zuzulegen, kann hier getrost zugreifen. Elf Punkte.
Die Münchener Band Embryo wurde im Jahr 1969 gegründet und war in den sich anschließenden 70er Jahren eine der Größen des Krautrocks in Deutschland. Auf einer längeren Indienreise im Jahr 1981 spaltete sich davon die Band Embryo’s Dissidenten ab, die sich später in Dissidenten umbenannte, nachdem Keyboarder Michael Wehmeyer ausgestiegen war.
Obwohl die Dissidenten in Deutschland eher als Geheimtipp kursierten, erregten sie international durchaus Aufsehen. Das Lied „Fata Morgana“ auf „Sahara Elektrik“ sorgte zum Beispiel in spanischen und italienischen Discos für volle Tanzflächen. Dabei stehen die Dissidenten für Weltmusik, die westlichen Pop und Rock mit Einflüssen des Mittleren Ostens, Nordafrikas und Indiens zu verbinden verstanden.
Fast 40 Jahre nach der Erstveröffentlichung erscheint nun das remasterte Album auf Vinyl. Und diese Kombination aus westlicher Pop-Musik und arabischen Klängen klingt auch heute noch spannend und gilt gemeinhin als Geburtsstunde der Weltmusik. Wunderbar kann man in diese wahrlich nicht alltägliche Musk eintauchen und sich in einen ganz anderen kulturellen Raum begeben ohne die eigene Heimat zu verlassen.
Und wie heißt es auf dem Plattencover: „During among 40 years, differing variations of SAHARA ELEKTRIK have been released around the globe. This remastered edition finally covers all historically correct data.“ („Im Laufe von 40 Jahren sind weltweit unterschiedliche Varianten von SAHARA ELEKTRIK erschienen. Diese remasterte Ausgabe enthält endlich alle historisch korrekten Daten.“)
Fazit: Das Kultalbum der Weltmusik in seiner finalen Fassung. Klingt auch heute noch spannend und in dieser Version absolut gelungen.
Schwester, das sind die beiden Hamburger Musikerinnen Meike Schrader und Agata Paulina Clasen, die am 25. November 2022 mit „Der Himmel fällt“ ihr Debutalbum auf dem Plattenlabel Pussy Empire Recordings veröffentlichen. Aufgenommen haben sie die zehn Lieder gemeinsam mit Produzent Gregor Henning im Studio Nord in Bremen.
Zu hören gibt es auf „Der Himmel fällt“ eine überaus eingängige Mischung aus Folk und Pop, welche von spannenden Texten durchzogen ist, die glücklicherweise nichts mit den Themen „Liebe, Herz, Schmerz und Schmalz“ gemein haben. Die Texte regen zum Nachdenken an, in die Musik lässt sich herrlich eintauchen. Oftmals klingt das verträumt bis melancholisch doch die beiden Musikerinnen wissen ihre Musik aufzulockern. Das Lied „Unser Haus“ zum Beispiel rockt und klingt mitunter fast schon herrlich schräg, „Die Zukunft“ groovt dann wieder, sodass die Füße wie von selbst mitzuwippen beginnen.
Meike Schrader und Agata Paulina Clasen schaffen es mit ihren Liedern Atmosphären zu transportieren. Musik und Text ergänzen sich dabei wunderschön, bilden eine ganz selbstverständliche Einheit. „Der Himmel fällt“ lässt sich in einem Durchhören, es gibt darauf keinen Ausfall oder Füllmaterial zu beklagen. Musik und Texte treffen und bewegen. Von daher lohnt es hier genau hinzuhören, sich Zeit beim Lauschen zu nehmen und sich verzaubern zu lassen.
Fazit: Mit „Der Himmel fällt“ ist den beiden Musikerinnen von Schwester ein sehr überzeugendes Debut gelungen. Abwechslungsreiche, eingängige Lieder mit Texten, die wirklich Inhalte transportieren und kein Blabla. Die Stimmung des Albums ist eine eher ruhige, wird jedoch immer wieder auch durchbrochen und aufgelockert. Somit ist „Der Himmel fällt“ ein schönes Album geworden, was man auch später, lange nach dem Veröffentlichungstermin, immer wieder gerne auflegen wird. Zehn Punkte.
3. How Can You Love Me If You Don‘t Even Like Me? (4:20)
4. Don‘t Say It Wasn‘t Love (5:33)
5. Change (3:40)
6. Where Did You Go? I‘m Less Of A Mess These Days (3:19)
7. The Kitchen Drawer (4:27)
8. When Love Isn‘t Good Enough (7:13)
9. Trust You (4:18)
10. The Girl Who Stole My Heart (6:11)
11. Shut Up. I Want You To Love Me Back (4:37)
12. Big Love (4:26)
Gesamtspieldauer: 57:30
„Spinning The Truth Around (Part I)“ heißt das elfte Studioalbum der US-amerikanischen Band Blue October. Wie der Name schon sagt, ist dieses Album wohl der erste Teil einer Trilogie. Auch in der CD-Hülle wird darauf verwiesen, dass Part II und Part III bald ebenfalls veröffentlicht werden würden. Nun, Part I erschien in den USA am 14. Oktober 2022, in Europa musste man bis zum 11. November warten, bis das Album auf dem Plattenlabel Brando Records veröffentlicht wurde.
Wie immer bei Blue October, so hört man auch auf „Spinning The Truth Around (Part I)“ eingängigen und abwechslungsreichen Independent Rock. Dieser klingt allerdings nicht mehr so „hart“, wie noch auf den ganz früheren Alben der Band. Dazu haben auch mehr elektronische Klänge in die Musik von Blue October Einzug gehalten und manches Mal klingt das Gehörte sogar ein klein wenig funky.
Doch das Zuhören macht Spaß, denn Justin Furstenfeld und seine Bandkollegen haben immer noch das Gespür für die eingängige Melodie. Textlich wird allerdings etwas einseitig das Thema der Liebe beleuchtet. Das klingt hier zwar nicht platt und süßlich, doch ein wenig inhaltliche Abwechslung hätte das Ganze doch etwas aufgelockert.
Musikalisch gibt es in der Mitte des Albums allerdings deutliche „Auflockerung“. Da ist zum einen das überwiegend instrumental gehaltene Lied „The Kitchen Drawer“, indem eine fast schon entrückt klingende Klanglandschaft aufgebaut wird. Völlig stressfrei und entspannt, bis sie sich nach etwas Text kraftvoll und fast hymnisch steigert. Und gleich das folgende „When Love Isn‘t Good Enough“ wartet mit noch einer Überraschung auf. Ab etwa der Mitte des Liedes setzt der französische Gesang des Benjamin Ruiz ein, der den Text schließlich in Form einer gesungenen Opernarie wiedergibt. Klingt anders und richtig gut und lange aus.
Fazit: Nun, ein paar Durchläufe sollte man dem neuen Werk von Blue October schon zugestehen. Die Musik benötigt etwas Zeit, um vollends zur Geltung zu kommen. Blue October klingen weniger rockig, als noch zu Beginn ihrer Karriere. Doch das Gespür für die eingängige Melodie, das ist Justin Furstenfeld und seinen Kollegen glücklicherweise nicht abhanden gekommen. Zehn Punkte.
Anspieltipps: The Kitchen Drawer, When Love Isn‘t Good Enough
4. Chariots Of The Sun: To Phaeton On The Occasion Of The Sunrise – (Theme From An Imagined Movie) (22:22)
Gesamtspieldauer: 43:31
In schöner Regelmäßigkeit veröffentlicht die norwegische Band Motorpsycho ihre Alben. Auch eine Pandemie kann sie dabei nicht stoppen und so erschien nach „The All Is One“ (2020) und Kingdom Of Oblivion (2021) am 19. August 2022 das bereits 25. Studioalbum von Motorpsycho mit dem Namen „Ancient Astronauts“. Das Album wurde größtenteils live im Studio eingespielt und anschließend mit nur wenigen Overdubs versehen. Erst danach wurden schließlich auch die Texte eingesungen und die Lieder vollendet.
Einiges auf „Ancient Astronauts“ erinnert sofort beim ersten Mal des Hörens an Musik längst vergangener Zeiten. Das sind zum Beispiel die frühen Pink Floyd, die anscheinend bei einigen Passagen Pate gestanden haben. Oder aber der Titel „Mona Lisa / Azreal“, der absolut an die erste Phase des Schaffens von King Crimson erinnert. Dabei klingt die Musik jedoch nicht wie ein Plagiat, sondern eher wie ein Feiern vergangener Klänge.
Viele Themen auf „Ancient Astronauts“ stehen allerdings auch für sich und für die Band Motorpsycho. Das Album klingt in seiner Gesamtheit deutlich anders, als die Vorgängeralben. Diese Anspielungen auf andere Bands, das Zusammenspiel von Sphäre, hartem Rock und wunderschönen Melodien und auch jene Momente, die wahrlich an Filmmusik erinnern, ergeben einen breiter aufgestellten Gesamteindruck der Musik. Das Lied „Chariots Of The Sun: To Phaeton On The Occasion Of The Sunrise – (Theme From An Imagined Movie)“ trägt seinen Beinamen wahrlich zu Recht und zeigt Motorpscho nochmals von einer anderen Seite. In diesem Stück gibt es dann allerdings auch wieder diese langen hypnotisaierenden Passagen zu hören, für die Motorpsycho schon immer standen.
„Ancient Astronauts“ ist anders als die vorherigen Alben, da die darauf zu hörende Musik breiter gestreut ist. Trotzdem klingt das alles in sich schlüssig. Jedoch muss man dieser Platte erst ein wenig Zeit einräumen, nicht jeder Titel erschließt sich einem sofort. Doch dann, nach dem wiederholten Hören, erschließt sich einem die Musik umso besser.
Fazit: „Ancient Astronauts“ wurde quasi live im Studio eingespielt und erklingt vielschichtiger, mannigfaltiger als die vorherigen Alben der Norweger. Dies könnte auch der Grund sein, warum man dieser Veröffentlichung auch ein wenig mehr Zeit einräumen sollte. Doch irgendwann, nach gar nicht mal so langer Zeit, wirkt die Musik von Motorpsycho auch auf „Ancient Astronauts“. Elf Punkte.