Donnerstag, 20. April 2023

Jethro Tull – RökFlöte

 



Jethro TullRökFlöte


Besetzung:

Ian Anderson – vocals, flute
David Goodier – bass guitar
John O’Hara – piano, keyboards and accordion
Scott Hammond – drums
Joe Parrish-James – guitars, mandolin


Gastmusiker:

Unnur Birna Björnsdóttir – narrator (“Voluspo”, “Ithavoll”)




Erscheinungsjahr: 2023


Stil: Progressive Rock


Trackliste:

1. Voluspo (3:43)
2. Ginnungagap (3:49)
3. Allfather (2:46)
4. The Feathered Consort (3:40)
5. Hammer On Hammer (3:09)
6. Wolf Unchained (4:58)
7. The Perfect One (3:51)
8. Trickster (And The Mistletoe) (3:01)
9. Cornucopia (3:53)
10. The Navigators (4:27)
11. Guardian‘s Watch (3:30)
12. Ithavoll (4:00)
13. The Navigators (Single Edit) (3:24)

Gesamtspieldauer: 48:16



Nun, das ging jetzt wirklich schnell. Nachdem es von der Veröffentlichung des „The Jethro Tull Christmas Album“ im Jahr 2003 ganze neunzehn Jahre dauerte, bis mit „The Zealot Gene“ das nächste Bandalbum erschien, so dauerte es bis zum 23. Studioalbum nun lediglich etwas mehr als ein Jahr. „RökFlöte“ heißt dieses und erscheint wieder auf dem Plattenlabel InsideOut Music.

„RökFlöte“? Ein seltsamer Name, doch Ian Anderson erklärt unter anderem, dass sich der Titel des Albums im Laufe der Zeit ein oder zwei Mal geändert hat. Und weiter: „Ich begann mit der Idee eines überwiegend instrumentalen Albums für Rockflöte - wie in der Rockmusik. Als sich das Thema des Albums abzeichnete, fühlte ich mich zu dem Begriff Ragnarök aus der nordischen Mythologie hingezogen - ihre Version der apokalyptischen Endzeit oder des biblischen Armageddon. Das Szenario des „finalen Showdowns“ ist allgegenwärtig und zum Beispioel im Hinduismus, Christentum und Islam zu finden. Ragnarök heißt übersetzt „Schicksal der Götter“, wobei der rök-Teil den Schicksalsweg, die Richtung bedeutet. Mit den Umlauten, die dank der germanischen Ursprünge des Altnordischen fest verankert sind, wurde Flute zu Flöte, was der Schreibweise entspricht.“ Somit könnte man „RökFlöte“ wohl auch als „Schicksalsflöte“ übersetzen.

Das Album enthält zwölf Lieder, die auf den Charakteren und Rollen einiger Hauptgötter des alten nordischen Heidentums basieren. In den Angaben zur Platte kann man nachlesen, dass jeder Text wurde in Form eines lyrischen Gedichts verfasst wurde, wobei die ersten sechs Strophen entweder in trochäischen Oktametern oder in 12 Strophen in jambischen Tetrametern gehalten sind, um die Schauplätze, Identitäten und Persönlichkeiten der verschiedenen Götter zu beschreiben. Die letzten vier Strophen jedes Liedes, mit Ausnahme des ersten und des letzten Stücks, sind eine andere, persönliche Interpretation dieser Themen in einem zeitgenössischen Rahmen.

Und die Musik? Die ist eindeutig Jethro Tull zuzuordnen. Klar, Gesang und der wahrlich häufige Einsatz der Querflöte lassen gar keinen anderen Schluss zu. Die einzelnen Lieder sind dabei für Jethro Tull-Verhältnisse kompakt und fokussiert. Die meisten Stücke haben eine Spieldauer zwischen drei und vier Minuten, was dem inhaltlichen Ansatz der Platte geschuldet ist. Mit seinen 4:58 ist die Nummer „Wolf Unchained“ der mit Abstand längste Titel des Albums.

Von der Musik her klingt das Album sehr viel rockiger, als noch der Vorgänger und gleitet manches Mal auch in den Folk ab, den Jethro Tull Ende der 70er Jahre ebenso gekonnt zelebrierten. Die Titel klingen allesamt eingängig, gehen schnell ins Ohr. Dabei hören sich alle Lieder auch qualitativ überzeugend an. Ich kann hier keine Füllnummern heraushören, die Musik gefällt und macht Spaß gehört zu werden. Wer allerdings auf lange Instrumentalpassagen wartet, die oder der wird auf diesem Album nicht fündig werden. An jener Stelle mal ein kurzes Gitarrensolo, an viel mehr Stellen Querflöteneinlagen, doch alles eben eher im Bereich von ein paar Takten, um dann relativ schnell wieder in den Strophenbereich zu wechseln.

Erwähnen sollte man an dieser Stelle noch den Ringschluss durch die gesprochenen Worte der Isländerin Unnur Birna Björnsdóttir. Diese leitet in das Album ein und beendet es inhaltlich. Indem sie, passend zum Thema, zu Beginn und am Ende aus der altisländischen Lieder-Edda zitiert, wird „RökFlöte“ stilistisch gelungen eingerahmt.

Fazit: Mit dem 23. Studioalbum von Jethro Tull klingt schreibt Ian Anderson die Geschichte seiner Band weiter. Alles auf dem Album klingt nach Jethro Tull, wobei die Musik mit Rock- und Folk-Elementen aufwartet. Fans von Jethro Tull können mit „RökFlöte“ nicht viel falsch machen. Elf Punkte.

Anspieltipps: Wolf Unchained, Guardian‘s Watch



Samstag, 25. März 2023

Lana Del Rey – Did You Know There‘s A Tunnel Under Ocean Blvd

 



Lana Del Rey – Did You Know There‘s A Tunnel Under Ocean Blvd


Besetzung:

Lana Del Rey – vocals (all tracks), background vocals (tracks 1–4, 12, 13, 15, 16), glockenspiel (4), whistle (8)


Gastmusiker:

Mike Hermosa – acoustic guitar (1, 2, 12, 15), piano (12)
Melodye Perry – background vocals (1, 2)
Pattie Howard – background vocals (1, 2)
Shikena Jones – background vocals (1, 2)
Zach Dawes – bass guitar (1, 12)
Benji Lysaght – electric guitar (1, 12, 15), acoustic guitar (2, 12), sound effects (2), 12-string acoustic guitar (12)
Drew Erickson – piano, string arrangement, synth bass (1–3, 9, 12), hammond b3, strings (1, 9, 12), synthesizer (1, 12), conductor (2, 3), organ (3), mellotron, synth pads, wurlitzer electric piano (9), drums (12)
Jack Antonoff – drums (2, 4, 7, 8, 13–16), programming (2, 4, 5, 7, 13–16), synth bass (2, 4, 10, 11, 14, 16), electric guitar (2, 5, 7, 10, 11, 13–16), piano (4, 5, 7, 8, 10, 11, 13, 14, 16), Mellotron (4, 7, 10, 11, 13, 14, 16), acoustic guitar (4, 8, 10, 11, 13, 15), synth pads (4, 11), 12-string acoustic guitar (4, 13, 14), bells (4, 15), moog bass (4), bass guitar (7, 13), synthesizer (8, 13–16), vocals (13, 16), background vocals, banjo (13), keyboards (16)
Christine Kim – cello (2, 3)
Jake Braun – cello (2, 3)
Logan Hone – clarinet, saxophone (2)
Jim Keltner – drums (2)
Andrew Bulbrook – violin (2, 3)
Charlie Bisharat – violin (2, 3)
Paul J. Cartwright – violin (2, 3)
Wynton Grant – violin (2, 3)
Sam Dew – background vocals (4)
Judah Smith – vocals (5)
Connor Gallaher – acoustic guitar, baritone guitar, pedal steel (6)
Ian Doerr – celesta, mellotron, rhodes, string arrangement (6)
Felix Havstad Ziska – cello, string arrangement, violin (6)
Brian Long – double bass (6)
Jackson MacIntosh – electric guitar (6)
Nick Waterhouse – electric guitar (6)
Will Worden – electric guitar (6)
Jon Batiste – piano (6, 7), vocals (7)
Brian Fennell – piano (10)
Riopy – piano (11)
Evan Smith – saxophone (11, 13)
Josh Tillman – vocals (12)
Sean Hutchinson – drums (13)
Mikey Freedom Hart – electric guitar, synthesizer (13)
Mike Riddleberger – piano (13)
Zem Audu – saxophones (13)
Chuck Grant – speaker (14)
Gus Seyffert – bass guitar, keyboards (15)
Carla Azar – drums (15)
Phoenix Grant – synthesizer (15)
Tommy Genesis – vocals (15)
Margaret Qualley – speaker (16)


Label: Polydor


Erscheinungsjahr: 2023


Stil: Pop


Trackliste:

1. The Grants (4:55)
2. Did You Know That There‘s A Tunnel Under Ocean Blvd (4:45)
3. Sweet (3:35)
4. A&W (7:13)
5. Judah Smith Interlude (4:36)
6. Candy Necklace (5:14)
7. Jon Batiste Interlude (3:33)
8. Kintsugi (6:18)
9. Fingertips (5:48)
10. Paris, Texas (3:26)
11. Grandfather Please Stand On The Shoulders Of My Father While He‘s Deep-Sea Fishing (4:00)
12. Let The Light In (4:38)
13. Margaret (5:39)
14. Fishtail (4:02)
15. Peppers (4:08)
16. Taco Truck x VB (5:53)

Gesamtspieldauer: 1:17:51



„Did You Know There‘s A Tunnel Under Ocean Blvd“ heißt das inzwischen bereits neunte Studioalbum der US-amerikanischen Musikerin Lana Del Rey. Das Album erschien am 24. März 2023 auf dem Plattenlabel Polydor. Elizabeth Woolridge Grant, wie Lana Del Rey mit bürgerlichem Namen heißt, veröffentlichte daraus bisher mit dem Titellied und den Stücken „A&W“, „The Grants“ sowie „Candy Necklace“ vier Singles.

Wer die Musik von Lana Del Rey von früheren Veröffentlichungen her mag, wird sicherlich auch Gefallen an „Did You Know There‘s A Tunnel Under Ocean Blvd“ finden. Da ist zum einen die unverwechselbare Stimme der Musikerin, gepaart mit wunderschönen Melodien. Lana Del Rey wird dabei mal von einem ganzen Orchester begleitet, dann wieder von sanften Pianoklängen oder einer akustischen Gitarre. Gemein ist allen Stücken, dass sie sanft, melancholisch, manchmal fast schon verträumt und eben immer wunderbar melodiös klingen.

Kleine Ausnahme ist dabei das Lied „Judah Smith Interlude“, eine fast fünfminütige Tirade des umstrittenen Predigers Judah Smith. Hier hört man den Prediger, den Lana Del Rey angeblich während einer Veranstaltung selbst aufgenommen hat, untermalt von sanften Pianoklängen und einem immer wieder auftauchenden Lachen. Viele Fans haben sich anscheinend aufgeregt, warum Lana Del Rey diesem Mann auf ihrem Album eine Plattform bietet, doch soll das Lied viel eher eine ironische und aufrührerische Abrechnung mit der kommerziellen Spiritualität sein. Gleiches gilt übrigens für den Titel „Jon Batiste Interlude“. Das Lachen kommt dieses Mal allerdings von Jon Batiste selbst.

Und noch ein paar Sätze zum letzten Stück „Taco Truck x VB“. Wenn man es hört und die früheren Alben der Lana Del Rey kennt, kommt einem die Nummer irgendwie bekannt vor. Sie erinnert in Auszügen etwas an „Venice Bitch“ aus dem Album „NFR“ von 2019. Und in einem Interview mit dem Rolling Stone UK bestätigte Del Rey diese Vermutungen auch und erklärte, dass dieses Lied „die schmutzige, schwere, originale und ungehörte Version von „Venice Bitch““ sein würde.

Jede und jeder, der die Musik der Lana Del Rey mag, wird darauf sicherlich seine Höhepunkte finden. Das ist natürlich immer Geschmackssache, welches der Stücke zu den eigenen Favoriten zählt. Meine persönlichen Favoriten heißen „Candy Necklace“, „A&W“, „Paris, Texas“ und auch das Titellied darf in dieser Liste nicht fehlen. Mit dem wiederholten Hören merke ich allerdings, dass sich weitere Titel zu Lieblingsliedern entwickeln. Von daher… einfach ein schönes Album.

Fazit: Auch das neunte Album der Lana Del Rey mit dem etwas ausufernden Titel „Did You Know There‘s A Tunnel Under Ocean Blvd“ enttäuscht keineswegs. Auch auf dieser Platte überzeugt Lana Del Rey mit ihrem Gesang und wunderschönen Melodien, die ins Ohr gehen. Sehr hörenswert. Elf Punkte.



Dienstag, 21. März 2023

Terry Reid – The Driver

 



Terry Reid – The Driver


Besetzung:

Keine weiteren Angaben


Gastmusiker:

Keine weiteren Angaben




Erscheinungsjahr: 1991


Stil: Rock, Pop


Trackliste:

1. Fifth Of July (5:11)
2. There‘s Nothing Wrong (5:05)
3. Right To The End (4:56)
4. The Whole Of The Moon (4:13)
5. Hand Of Dimes (3:04)
6. The Driver (Part 1) (0:44)
7. If You Let Her (4:29)
8. Turn Around (3:48)
9. Gimme Some Lovin‘ (4:20)
10. Laugh At Life (4:49)
11. The Driver (Part 2) (4:35)

Gesamtspieldauer: 45:20



Ganze zwölf Jahre dauerte es, bis Terry Reid nach „Rogue Waves“ einen neuen Anlauf unternahm und ein weiteres Album veröffentlichte (die nächste Platte sollte dann sogar erst 25 Jahre später erscheinen). „The Driver“ heißt das sechste Werk des Engländers und erschien im Jahr 1991.

Einen sehr großen Stilwechsel hat Terry Reid mit „The Driver“ durchlaufen. Waren seine Alben der 70er Jahre noch überwiegend vom Blues beeinflusste Scheiben, so ist davon auf „The Driver“ kaum mehr was zu hören. Der Musiker bewegt sich hier im Bereich des Pop-Rocks. Fünf der elf Lieder wurden von Terry Reid alleine geschrieben. Bei zwei weiteren Stücken ist er noch Co-Autor. Weitere Komponisten sind Hans Zimmer und Trevor Horn, der auch die meisten Lieder produzierte. Kein Wunder also, dass sich die Musik des Engländers nun im radiotauglichen Massenmarkt bewegt.

Daher auch nicht weiter verwunderlich, dass Terry Reid auf „The Driver“ noch das Lied „Gimme Some Lovin‘“ der Spencer Davis Group covert. In der Art wie er es covert, passt es sehr gut zum Rest des Albums. Trotzdem bleibt nicht viel davon hängen, denn einen besonderen Titel sucht man leider vergeblich auf dieser Platte, die leicht eingängige, unkomplizierte und manchmal mit synthetischen Sounds etwas überlastete Musik enthält. Nicht zuletzt der Drum-Computer trägt zu diesem „synthetischen“ Eindruck bei.

Nach Synthesizer und Keyboards klingt auch „There‘s Nothing Wrong“. Irgendwie sogar nach dem New Wave der 80er Jahre. Aber dieses Lied hallt zumindest etwas nach aufgrund seiner sehr eingängigen Melodie und dem rockigen Refrain-Teil. Von daher der Höhepunkt auf „The Driver“.

Fazit: Ein Album, welches perfekt in die 90er Jahre passt. Die einzelnen Stücke darauf gehen durchaus ins Ohr, verfangen sich dort allerdings leider nicht. „The Driver“ ist kein Album, welches man als Rock- Pop- oder Blues-Fan unbedingt gehört haben muss. Terry Reid Fans der 70er Jahre wird es beim Anhören sogar wohl eher grausen. Sieben Punkte.

Anspieltipps: There‘s Nothing Wrong



Dienstag, 7. März 2023

Balmorhea – All Is Wild, All Is Silent

 



Balmorhea – All Is Wild, All Is Silent


Besetzung:

Michael Muller – guitar, piano, vocals
Rob Lowe – banjo, guitar, piano, vocals, melodica
Aisha Burns – violin
Travis Chapman – upright bass
Nicole Kern – cello
Taylor Tehan – drums



Gastmusiker:

Jesy Fortino – vocals on “Coahuila” & “November 1, 1832”




Erscheinungsjahr: 2009


Stil: Post Rock


Trackliste:

1. Settler (6:39)
2. March 4, 1831 (2:06)
3. Harm And Boon (8:05)
4. Elegy (2:19)
5. Remembrance (5:49)
6. Coahuila (3:31)
7. Night In The Draw (4:09)
8. Truth (7:05)
9. November 1, 1832 (2:32)

Gesamtspieldauer: 42:19



„All Is Wild, All Is Silent“ heißt das dritte Studioalbum der texanischen Post Rock Band Balmorhea. „All Is Wild, All Is Silent“ wurde am 10. März 2009 auf dem Plattenlabel Western Vinyl veröffentlicht und aus dem ehemaligen Duo mit Michael Muller und Rob Lowe war inzwischen eine sechsköpfige Band geworden.

Erneut handelt es sich bei „All Is Wild, All Is Silent“ um ein Instrumentalalbum, auch wenn man Gesang hört, diesen jedoch lediglich in der wortlosen Variante. Beim Zuhören wird man vom ersten bis zum letzten Takt von dieser Musik eingefangen. Alle Lieder auf „All Is Wild, All Is Silent“ klingen so unfassbar intensiv und bewegend. „Bewegend“ ist dabei genau die richtige Umschreibung für das Album insgesamt, denn die Lieder packen einen allesamt mit ihrer melancholischen bis traurigen Atmosphäre und bewegen die eigene Stimmung.

Das klingt mal ein klein wenig mystisch, mal nach grenzenloser Freiheit, manchmal glaubt man nördliche Landschaften vor dem eigenen Auge zu sehen, dann wieder verwunschene Orte und oftmals erspürt man eine große Sehnsucht. Allen Liedern ist dabei eine Melodiösität und Eingängigkeit gemein, die ihresgleichen sucht. Die Musik erklingt sanft und akustisch, Cello, Violine und auch Banjo sorgen immer wieder für besondere Momente.

Auf „All Is Wild, All Is Silent“ hört man Musik für die ruhigen und auch für die besonderen Momente des Lebens. Einzelne Lieder dabei herauszuheben ist nicht einfach, da das Album mit jedem Titel überzeugt. Um an dieser Stelle doch zwei Lieder zu nennen seien hier die Stücke „Remembrance“ und „Truth“ genannt. Erstgenanntes Lied für seine wunderschöne und packende Steigerung und „Truth“ für das intensive und begeisternde Pianospiel in Verbindung zu den Streichern.

Fazit: Akustische Alben können wahrlich begeistern. Vor allen Dingen, wenn sie so intensiv, packend und wunderschön klingen wie „All Is Wild, All Is Silent“ von Balmorhea. Fühlt man hier beim Zuhören allerdings gerade selbst den Blues, so wird die eigene Gefühlslage durch diese Scheibe nochmals sehr verstärkt. Da sollte man definitiv aufpassen. Ansonsten für die ruhigen Momente des Lebens perfekt geeignet. Dreizehn Punkte.

Anspieltipps: Remembrance, Truth



Donnerstag, 2. März 2023

Haken – Fauna

 



Haken – Fauna


Besetzung:

Charlie Griffiths – guitars
Ray Hearne – drums
Richard Henshall – guitars, keyboards
Ross Jennings – vocals
Peter Jones – keyboards
Conner Green – bass




Erscheinungsjahr: 2023


Stil: Progmetal


Trackliste:

1. Taurus (4:49)
2. Nightingale (7:24)
3. The Alphabet Of Me (5:33)
4. Sempiternal Beings (8:23)
5. Beneath The White Rainbow (6:45)
6. Island In The Clouds (5:45)
7. Lovebite (3:49)
8. Elephants Never Forget (11:07)
9. Eyes Of Ebony (8:32)

Gesamtspieldauer: 1:02:11



„Fauna“ heißt das siebte Studioalbum von Haken, der im Jahr 2007 gegründeten, englischen Band, die ihre ganz eigene und unverwechselbare Auslegung des Progmetals seit ihrem ersten Album „Aquarius“ (2010) zelebriert. Viele hielten und halten Haken auch für die musikalischen Söhne von Porcupine Tree, die knappe zwanzig Jahre vor diesen ihr erstes Album veröffentlicht hatten.

Nun, manche Überschneidungen mit der Musik von Porcupine Tree in den Nuller-Jahren mag es durchaus geben, doch der Sound ist ein völlig anderer. Auch auf „Fauna“. Beim ersten Hören des Albums war ich erleichtert, dass ich auf „Fauna“ immer noch ProgMetal höre. Glücklicherweise keine poppigen oder sonst wie gearteten Ausflüge. Beim zweiten Hören überzeugte „Fauna“ dann noch ein wenig mehr und dieser Eindruck verstärkte sich mit jedem weiteren Durchlauf des Albums.

Auf „Fauna“ hört man Heavy-Metal-Akkorde, sanfte oder auch mal verspielte Passagen, polyrhythmische Takte, eingängige Melodien und jede Menge überraschende Wendungen. Selbst in einem Lied wechseln die Stimmungen und Atmosphären und fügen sich insgesamt zu einem gelungenen und vor allen Dingen hörenswerten und spannenden Ganzen zusammen. Und dieser Eindruck verstärkt sich, wie bereits erwähnt, mit jedem weiteren Durchlauf des Albums.

Beim Schreiben dieser Sätze höre ich gerade „Elephants Never Forget“. Irgendwie ein stellvertretender Titel für das ganze Album. Das Lied mäandert durch verschiedene Stimmungen und Genres und erzeugt auf diese Weise unglaublich viel Abwechslung. Und diese offensichtliche Reminiszenz an Gentle Giant zu Beginn des Stücks lässt dann auch noch das Herz der Proggies der ganz frühen Jahre höherschlagen.

Kurz noch zum Inhalt des Albums. „Fauna“ ist ein Konzeptalbum. „Als wir mit dem Schreiben des Albums begannen, war die Prämisse, dass jedem Song ein Tier zugeordnet werden sollte“, erklärt Sänger Ross Jennings zur Veröffentlichung der Platte. „Sie haben alle etwas mit dem Tierreich zu tun, worüber wir schreiben könnten, aber sie haben auch eine Verbindung zur menschlichen Welt. Jeder Track hat mehrere Ebenen, und einige davon sind offensichtlicher als andere.“

Das Eröffnungsstück „Taurus“ handelt von der Wanderung der Gnus, bei der mehr als eine Million Antilopen durch die Serengeti-Ebenen ziehen, und vergleicht die Zerstörung und Vertreibung mit den Auswirkungen des Krieges zwischen Russland und der Ukraine. „Lovebite“ ist eher augenzwinkernd gemeint. Es kommentiert gescheiterte Beziehungen mit der Metapher der Schwarzen Witwe: Das Weibchen tötet und verschlingt das Männchen nach der Paarung.

Die zwei Bedeutungen der Lieder werden auch beim letzten Stück „Eyes Of Ebony“ deutlich. Auf einer Ebene geht es in dem Lied um das fast ausgestorbene Nördliche Breitmaulnashorn: Das letzte Männchen starb im März 2018 in Gefangenschaft. Darüber hinaus ist er aber auch Richards Vater gewidmet, der fast genau drei Jahre später an einem Herzinfarkt starb. „Ich beschloss, dass es cool wäre, einen Song über meinen Vater zu schreiben, weil er mich sehr unterstützt hat“, erklärt Richard Henshall. „Er hat schon Demos verschickt, bevor wir groß waren, und hat sie kostenlos in die ganze Welt geschickt. Er hat die CDs selbst gebrannt und die Biografie für uns geschrieben. Es war ein ziemlich interessantes Konzept für mich, dass das nördliche Breitmaulnashorn gerade gestorben war und nicht mehr zurückkommen würde, und ich sah, wie sich das auf mich persönlich mit meinem Vater bezog.“

Vom Klang her fällt „Fauna“ übrigens deutlich Keyboard-lastiger aus, als noch die beiden Vorgängeralben „Vector“ und „Virus“. Das liegt nicht zuletzt an der Rückkehr von Gründungsmitglied Peter Jones. „Was Pete klanglich in die Band eingebracht hat, hat eine große Rolle dabei gespielt, dass wir viele neue Sounds auf diesem Album haben“, sagt Sänger Ross Jennings. „Es ist immer eine neue Dynamik, wenn es einen Personalwechsel gibt, und das ist eine frische und belebende Dynamik.“ Stimmt, noch abwechslungsreicher klingt der Sound von Haken nun tatsächlich.

Fazit: „Fauna“ ist ein sehr vielschichtiges Album geworden, in das man sich unter Umständen sogar erst etwas einhören muss. Doch mit jedem weiteren Durchlauf scheinen die Lieder auf diesem Album noch besser und packender zu erklingen. Und sind das nicht genau jene Alben, die nicht so schnell langweilig werden und die man auch Jahre später noch gerne auflegt? Zwölf Punkte.

Anspieltipps: Elephants Never Forget



Donnerstag, 23. Februar 2023

Insomnium – Anno 1696

 



Insomnium – Anno 1696


Besetzung:

Niilo Sevänen – bass and vocals
Ville Friman – guitars
Jani Liimatainen – guitars and clean vocals
Markus Vanhala – guitars and clean vocals
Markus Hirvonen – drums




Erscheinungsjahr: 2023


Stil: Death Metal


Trackliste:

1. 1696 (6:19)
2. White Christ (feat. Sakis Tolis) (6:03)
3. Godforsaken (feat. Johanna Kurkela) (8:35)
4. Lilian (4:29)
5. Starless Paths (7:48)
6. The Witch Hunter (5:43)
7. The Unrest (3:52)
8. The Rapids (7:38)

Gesamtspieldauer: 50:30



„Anno 1696“ heißt das inzwischen bereits neunte Studioalbum der finnischen Band Insomnium. „Anno 1696“ wird am 24. Februar 2023 auf dem Plattenlabel Century Media Records veröffentlicht. Insomnium selbst wurden im Jahr 1997 in der karelischen Stadt Joensuu gegründet und erlangten 2002 mit ihrem Debüt „In The Halls Of Awakening“ erste Aufmerksamkeit. Darauf bauten die Finnen mit dem wütenden Death/Doom-Kracher „Above The Weeping World“ (2006) oder dem melancholischen Meisterwerk „One For Sorrow“ im Jahr 2012 auf und überraschten 2021 mit der eher ruhigen, sehnsuchtsvoll-verlorenen „Argent Moon“-EP, nur um sich mit „Anno 1696“ nochmals neu aufzustellen.

„Wir haben unser eigenes Ding und unseren Trademark-Sound gefunden, aber dennoch wollen wir uns nicht ständig wiederholen und immer wieder das gleiche Album machen“, betonte Sänger und Bassist Niilo Sevänen in einem Interview zur Veröffentlichung von „Anno 1696“. Und weiter: „Mit jedem neuen Mitglied haben wir uns ein bisschen weiterentwickelt, denn all diese unglaublich talentierten Musiker haben ihre eigene Magie mitgebracht. Falls jemand dachte, dass wir mit der Argent Moon EP weich geworden sind, ich denke, „Anno 1696“ zeigt, dass der alte Geist noch da ist.“

Und Niilo Sevänen hat Recht. Auf „Anno 1696“ hört man diese unverwechselbare Mischung aus wunderschönen und sanften Melodien gepaart mit knallhartem Death Metal. Genau diese kompromisslosen Metal-Passagen gibt es auf „Anno 1696“ eben auch wieder zu hören und sie stehen für Insomnium ebenso wie jene eingängigen Melodien in den sanfteren Abschnitten. Und genau das macht die Musik von Insomnium auch aus und damit zudem so unverwechselbar: Diese Verbindung von „heavy“ und „sanft“, welche Lieder erzeugt, die hängenbleiben und nachwirken.

Inhaltlich handelt „Anno 1696“ eben von diesem Jahr 1696 und den damaligen Gegebenheiten in Finnland. Es war ein Jahr im Zeitalter der Unruhen. Die Hexenjagd ist in ganz Europa in vollem Gange und die grausamen Hexenprozesse hatten sogar die abgelegenen und majestätischen Landschaften Finnlands und Schwedens erreicht. „Die Hexenprozesse von Torsåker waren eine schreckliche Quelle alptraumhafter Inspiration“, erzählt Niilo Sevänen erneut. „All das Gerede über 70 enthauptete Frauen in dieser kleinen schwedischen Gemeinde? Das ist echtes Material aus der Geschichte! Und als ob das noch nicht genug wäre, gibt es auch einige sehr düstere Geschichten über Kannibalismus und Kindermord aus den Jahren der großen Hungersnot.“ In den Jahren 1696 und 1697 wurden 30 Prozent der finnischen Bevölkerung durch Hungersnöte und diverse Auswüchse menschlicher Abgründe getötet. Und genau davon handeln die Texte auf „Anno 1696“.

Musikalisch wird der Inhalt packend umgesetzt, sodass man an mancher Stelle in Melancholie schwelgt, an anderer Stelle die Wut, Verzweiflung und die Grausamkeit hören und fast schon erfühlen kann.

Fazit: „Anno 1696“ ist ein tolles Album geworden. Musikalisch wie inhaltlich fordernd und niemals oberflächlich. Insomnium sind eine besondere Band, die besondere Musik veröffentlichen, was sie mit „Anno 1696“ nachhaltig beweisen. Diese Mischung aus wunderschönen Melodien und knallhartem Metal hat etwas, was nur wenige Bands so überzeugend zu verbinden imstande sind. Zehn Punkte.

Anspieltipps: Starless Paths, The Unrest



Dienstag, 21. Februar 2023

Terry Reid – Rogue Waves

 



Terry Reid – Rogue Waves


Besetzung:

Terry Reid – guitar, vocals


Gastmusiker:

Doug Rodrigues – lead guitar
John Siomos – drums, percussion
Sterling Smith – organ
James E. Johnson – organ
Denise Williams – background vocals
Dyanne Chandler – background vocals
Maxinne Willard – background vocals
Terrence James – string arrangement




Erscheinungsjahr: 1978


Stil: Blues


Trackliste:

1. Ain‘t No Shadow (3:42)
2. Baby I Love You (3:52)
3. Stop And Think It Over (3:40)
4. Rogue Wave (5:42)
5. Walk Away Renée (4:18)
6. Believe In The Magic (6:32)
7. Then I Kissed Her (4:43)
8. Bowangi (4:15)
9. All I Have To Do Is Dream (5:23)

Gesamtspieldauer: 42:13



„Rogue Waves“ nannte der englische Sänger und Gitarrist Terry Reid sein fünftes Studioalbum. „Rogue Waves“ erschien im Jahr 1978 ursprünglich auf dem Plattenlabel Capitol Records. Das Album erzielte insgesamt wenig Aufmerksamkeit.

Rock hört man auf diesem Album, welcher meist sehr Blues-lastig klingt, aber auch Soul-Einflüsse beinhaltet. Fünf der neun Titel des Albums stammen aus der Feder des Terry Reid, vier Lieder sind Cover-Versionen. Das wären die Stücke „Baby I Love You“, „Walk Away Renée“, „Then I Kissed Her“ sowie „All I Have To Do Is Dream“. Musikalisch sind die einzelnen Nummern gut aufeinander abgestimmt.

Insgesamt klingt „Rogue Waves“ für heutige Ohren allerdings relativ bieder. Kennt man die Musik Ende der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts, so scheint das Album selbst da bereits aus der Zeit gefallen zu sein. Die einzelnen Titel würden eher in der Periode um das Jahr 1970 passen, wenn man sie mit damaligen Blues-Veröffentlichungen weißer englischer Musiker vergleicht – ohne leider an die Klasse so mancher dieser Musiker heranzureichen.

Ins Ohr geht da nichts, spannend klingt das Album auch nicht. Selbst für Freundinnen und Freunde des Blues gibt es das wenig zu entdecken. Somit ist „Rogue Waves“ heute wohl eher ein Album für Leute, die das Album schon länger kennen und vielleicht schon Ende der 70er Jahre lieben gelernt haben.

Fazit: Blues-Rock gibt es auf „Rogue Waves“ zu hören. Dieser klingt weder spannend, noch aufregend. Manchmal scheint die Zeit Musik wahrlich zu überholen und diese anschließend auch genauso überholt zurückzulassen. Vier Punkte.

Anspieltipps: Stop And Think It Over



Sonntag, 19. Februar 2023

Alessandro Cortini – Forse 1

 



Alessandro Cortini – Forse 1


Besetzung:

Alessandro Cortini – buchla music easel




Erscheinungsjahr: 2013


Stil: Elektronische Musik


Trackliste:

1. Basta (8:26)
2. Carta (5:56)
3. Stella (6:56)
4. Nebbia (6:54)
5. Festa (3:54)
6. Resta (4:54)
7. Gloria (4:51)
8. Manca (6:41)
9. Gira (5:10)
10. Sera (8:08)

Gesamtspieldauer: 1:01:53



Alessandro Cortini kennt man wohl am ehesten von den Nine Inch Nails, für die er von 2005 bis 2008 und seit 2013 wieder vor allem live am Bass, den Keyboards und dem Synthesizer zu hören ist. Ab dem Jahr 2013 veröffentlichte er auch immer wieder Soloalben mit elektronischer Musik.

Den Auftakt machte hier das erste Doppelalbum einer Trilogie, die allesamt auf dem im Jahr 1972 von Don Buchla entwickelten Synthesizer „Buchla Music Easel“ eingespielt worden sind. Anscheinend gibt es lediglich noch dreizehn dieser Synthesizer in ihrer ursprünglichen Form, im Jahr 2021 wurde dann schließlich eine erneuerte Version dieses Synthesizers vorgestellt. „Forse 1“ heißt der erste Teil der bereits erwähnten Trilogie, wobei das italienische Wort „forse“ im Deutschen „vielleicht“ bedeutet.

Auf „Forse 1“ hört man sehr sphärische Musik, bei der in zehn Liedern hauptsächlich eine Akkordfolge immer und immer wiederholt wird. Das Ganze entwickelt einen leicht hypnotisierenden Charakter, da sich außer Sphäre und Atmosphäre kein weiterer Eindruck herausbilden kann. Das klingt durchaus intensiv und packend, wenn man denn in der richtigen Stimmung ist. In dieser sollte man sich auch unbedingt befinden, denn auch wenn sich die einzelnen Lieder kaum bis nicht entwickeln, eignet sich „Forse 1“ keineswegs als Hintergrundmusik.

Insgesamt klingen die Stücke in ihrer Redundanz sogar leicht melancholisch bis sentimental. Die Stimmung ist allgemein eher eine unaufgeregte, entspannte. Manch einzelner Ton und Klang entwickelt sich dabei sogar fast schon enervierend. Umso befreiender ist es dann, wenn dieser sich schließlich doch sanft und harmonisch auflöst. Gerade in diesen Momenten hat Alessandro Cortini mit seinem Buchla Music Easel Besonderes erschaffen.

Fazit: Musik für die ganz persönlichen, ruhigen Momente im Leben hört man auf „Forse 1“. Alessandro Cortini entwickelt mit dem Buchla Music Easel Klangwelten, auf die man sich ganz einlassen muss, damit sie wirken können. Manch eine oder einer wird diese Musik trotzdem auch sehr langweilig finden. Widersprechen könnte man da auch nicht. Acht Punkte.

Anspieltipps: Gloria



Samstag, 18. Februar 2023

Deus – How To Replace It

 



Deus – How To Replace It


Besetzung:

Tom Barman – vocals, guitars, bass, piano, synthesizers, claps
Klaas Janzoons – violin, keyboards, synthesizer, piano, organ, percussion, clavichord, backing vocals, claps
Alan Gevaert – bass, guitars, backing vocals
Stephane Misseghers – drums, percussion, timpani, vocals, backing vocals


Gastmusiker:

Mauro Pawlowski – guitars, strings, backing vocals
Bruno De Groote – guitars, piano, banjo
Joris Caluwaerts – synthesizer
John Birdsong – trumpet
Bandoneon – Gwen Cresens
Sjoerd Bruil – guitars
Sebastian van den Branden – drums, percussion, synthesizer
CJ Bolland – synthesizer, programming
Steve de Bruyn – blues harp
Lies Lorquet – vocals, backing vocals
Sylvie Kreusch – backing vocals
Destiny Adia Andrews – choir
Naomi Leanne Parchment – choir
Kersha Bailey – choir




Erscheinungsjahr: 2023


Stil: Alternative Rock


Trackliste:

1. How To Replace It (5:30)
2. Must Have Been New (3:46)
3. Man Of The House (5:12)
4. 1989 (5:05)
5. Faux Bamboo (4:27)
6. Dream Is A Giver (4:34)
7. Pirates (4:42)
8. Simple Pleasures (3:32)
9. Never Gonna Get You High (3:36)
10. Why Think It Over (Cadillac) (5:07)
11. Love Breaks Down (3:42)
12. Le Blues Polaire (6:36)

Gesamtspieldauer: 55:54



Nach elf Jahren, nachdem wohl nur noch wenige Hörerinnen und Hörer damit gerechnet haben, veröffentlichen die Belgier endlich wieder ein neues, ihr achtes Studioalbum. „How To Replace It“ heißt dieses und erschien am 17. Februar auf dem Plattenlabel Pias Recordings.

Manchmal scheint die Zeit wahrlich still zu stehen beziehungsweise scheinen sich Dinge doch nicht zu ändern. Denn auch nach solch einer langen Zeit klingen dEUS immer noch nach dEUS. Das bedeutet, man hört auf „How To Replace It“ immer noch diesen unverwechselbaren Sound, der so typisch für die im Jahr 1991 in Antwerpen gegründete Band ist: Immer wieder überraschender Alternative Rock, der auch mal mit schrägeren Tönen daherkommt und sich trotzdem eingängig und melodisch anhört.

Auf „How To Replace It“ klingt es mal rockig, mal poppig, mal progressiv, dann wieder ein wenig experimentell, mal elektronischer, mal sehr viel „handgemachter“. Einige musikalische Stile werden hier miteinander kombiniert, ohne dass dies konstruiert klingen würde. Gemeinsam ist all den Stücken zudem, dass sie mit jedem weiteren Durchlauf noch besser zu klingen scheinen, denn auch so mancher „dissonanter“ Ton, so manch überraschende Wendung muss erst vom Ohr verarbeitet werden, um beim wiederholten Hören schon sehr viel vertrauter und schließlich genau richtig zu erklingen. Dies macht „How To Replace It“ zusätzlich spannend. Mit dem letzten Titel „Le Blues Polaire“ hat Tom Barman dieses Mal auch ein Lied ganz in Französisch eingesungen.

Mit den Favoriten auf einem Album ist das natürlich immer Geschmackssache. Mein Favorit auf „How To Replace It“ ist das Eröffnungs- und Titelstück. In diesem Lied kumuliert sich alles, was für mich die Musik der Belgier ausmacht. Besondere Musik, die anders klingt als andere Bands. Und da sich zudem kein Ausfall auf diesem achten Album von dEUS befindet, macht es einfach Spaß die Platte aufzulegen und in einem durchzuhören.

Fazit: Unverwechselbar dEUS, auch nach bald elf Jahren, seit dem letzten Studioalbum. Wer die Musik der Belgier von früheren Alben her kennt und mochte, wird sicherlich auch von „How To Replace It“ nicht enttäuscht werden. Alternative Rock, der irgendwie anders klingt. Für „Andershörerinnen“ und „Andershörer“ sehr lohnend. Zehn Punkte.

Anspieltipps: How To Replace It



Freitag, 17. Februar 2023

Transatlantic – The Final Flight: Live At L‘Olympia

 



Transatlantic – The Final Flight: Live At L‘Olympia


Besetzung:

Neal Morse – keyboards, acoustic guitar & vocals
Mike Portnoy – drums & vocals
Roine Stolt – guitar & vocals
Pete Trewavas – bass & vocals


Gastmusiker:

Ted Leonard – guitar, keyboards, percussion & vocals




Erscheinungsjahr: 2023


Stil: Progressive Rock


Trackliste:

CD1: 

1. The Absolute Universe Intro (1:52)
2. Overture (7:20)
3. Reaching For The Sky (5:39)
4. Higher Than The Morning (5:10)
5. The Darkness In The Light (5:24)
6. Take Now My Soul (3:52)
7. Bully (2:11)
8. Rainbow Sky (3:05)
9. Looking For The Light (4:15)
10. The World We Used To Know (9:22)

CD2:

1. MP Intro (3:20)
2. The Sun Comes Up Today (5:22)
3. Love Made A Way (Prelude) (2:22)
4. Owl Howl (6:40)
5. Solitude (5:37)
6. Belong (3:18)
7. Lonesome Rebel (2:46)
8. Can You Feel It (3:09)
9. Looking For The Light (Reprise) (4:59)
10. The Greatest Story Never Ends (3:55)
11. Love Made A Way (7:56)

CD3:

1. The Whirlwind Suite (34:57)
2. NM & RS Intro (2:38)
3. We All Need Some Light (6:18)
4. The Final Medley (28:21)

Gesamtspieldauer CD1 (48:14) und CD2 (49:29) und CD3 (1:12:15): 2:49:58



„The Final Flight“. Final? Wirklich? Oder hat dieses Wort in diesem Fall überhaupt nichts zu bedeuten? Doch hat es irgendwie schon, wie die Musiker in einem Interview zur Veröffentlichung des Albums auch zugeben.

Neal Morse: „Ihr wundert euch wahrscheinlich über die Verwendung des Wortes „Final“ im Titel des Albums. Um es ganz klar zu sagen: Keiner von Transatlantic denkt auch nur im Entferntesten daran, in den Ruhestand zu gehen. Die offizielle Haltung ist, dass die Zukunft der Gruppe „offen“ ist, obwohl jedes Bandmitglied die unausgesprochene Luft der Endgültigkeit bezeugt, die die Luft erfüllte, als wir am 28. Juli die Bühne im L‘Olympia betraten.“

„Niemand wusste, ob wir das jemals wieder tun würden, aber es fühlte sich so an, als könnte es das letzte Mal sein“, sagt Mike Portnoy und fügt hinzu: „Es gibt keine Probleme zwischen uns, aber bei dem üblichen Abstand zwischen den Veröffentlichungen von fünf bis acht Jahren würde das bis 2030 dauern, und dann wäre jeder von uns in seinen Sechzigern oder Siebzigern. Ich weiß nicht, ob wir das noch einmal machen könnten. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf wollten wir, dass das Ende so übertrieben wie möglich ausfällt.“

Und Roine Stolt zu dem Thema: „Als ich in Paris von der Bühne ging, wusste ich, dass dies das Ende der Tournee und möglicherweise auch der Band war. Wenn wir das noch einmal machen würden, wären wir wirklich alte Leute. Für mich fühlte es sich wie das Ende an. Es lag Magie in der Luft.“

Und schließlich nochmals Neal Morse: „Wir sagen alle: Sag niemals nie, aber wenn es das Ende von Transatlantic ist, dann haben wir mit dem Live-Album einen sehr hohen Meilenstein gesetzt. Bei der Show in Paris hat jeder von uns Freudentränen geweint.“

Nun, man wird sehen, wie es mit der Band weitergeht. Auf dem diesjährigen „Morsefest“ werden Transatlantic allerdings auf jeden Fall nochmals zu hören sein.

Und die Musik auf „The Final Flight: Live At L‘Olympia“? Diese setzt sich in auf den ersten beiden CDs aus den drei Versionen des letzten Albums „The Absolute Universe“ zusammen. Die „Extended Version“, die „Abridged Version“ sowie die „The Ultimate Version“ wurden hier zu einer „The Ultimate Edition“ zusammengefügt. Diese gibt es allerdings auch bereits in Form einer Blu-Ray-Version im 5.1 Mix. Auf der dritten CD hört man schließlich noch eine etwas gekürzte Version des Albums „The Whirlwind“, das Lied „We All Need Some Light“ vom Debutalbum „SMPT:e“ sowie zum Abschluss ein Medley aus den ersten beiden Alben. Knappe drei Stunden Musik insgesamt, die einen schönen Einblick über das Schaffen von Transatlantic ermöglichen.

Die Lieder werden zum Teil leicht abgewandelt wie auf den Studioalben wiedergegeben. Die Unterschiede sind nicht zu groß, doch vorhanden. Der Sound der Musik ist klasse. Die Musik klingt voll und die einzelnen Instrumente sind sehr gut aufeinander abgestimmt und abgemischt, was auf einem Live-Album auch nicht immer selbstverständlich ist. Den Live-Charakter kann man trotzdem spüren und hören. Sehr schön natürlich beim Titel „We All Need Some Light“, wenn das Publikum den Refrain mitsingt.

Fazit: Nun, braucht man, wenn man die längeren Versionen des Albums schon besitzt, auch noch „The Final Flight: Live At L‘Olympia“? Nicht unbedingt, denn die Unterschiede sind eben nicht zu deutlich und die dritte CD macht zwar Laune, lohnt allerdings alleine den Kauf nicht. Trotzdem hört man hier sehr viel Spielfreude heraus und dass die fünf Musiker dort auf der Bühne durchaus Spaß beim Einspielen hatten. Wer also alles von „seiner“ Band besitzen möchte, der hört mit „The Final Flight: Live At L‘Olympia“ nochmals eine neue, zumindest etwas variierte Live-Version des Albums „The Absolute Universe“ mit einigen hörenswerten Zugaben. Und wer mal in das „musikalische Universum“ von Transatlantic eintauchen möchte, die oder der kann mit dem Album absolut nichts falsch machen. Spaß hatten eben nicht nur die Musiker auf der Bühne, Spaß macht es auch hier zuzuhören. Zehn Punkte.

Anspieltipps: We All Need Some Light



Freitag, 10. Februar 2023

Distant – Heritage

 



Distant – Heritage


Besetzung:

Alan Grnja – vocals
Elmer Maurits – bass guitar
Nouri Yetgin – lead guitar
Vladimir Golic – rhythm guitar
Jan Mato – drums


Gastmusiker:

Will Ramos – vocals




Erscheinungsjahr: 2023


Stil: Deathcore


Trackliste:

1. Acid Rain (1:54)
2. Paradigm Shift (3:23)
3. Born Of Blood (3:17)
4. The Grief Manifest (3:33)
5. Exofilth (3:28)
6. Argent Justice (7:04)
7. The Gnostic Uprising (3:26)
8. A Sentence To Suffer (3:53)
9. Human Scum (4:34)
10. Heritage (4:03)
11. Orphan Of Blight (4:40)
12. Plaguebreeder (3:51)

Gesamtspieldauer: 47:11



Distant, das ist eine niederländisch-slowakischen Deathcore Band, die mit „Heritage“ am 10. Februar 2023 ihr neuestes Werk auf dem Label Century Media Records veröffentlichte.

Deathcore? Genau, Deathcore, absolut kompromisslosloser Deathcore in einer sehr subtilen Art. Pickelharter Rock, der allerdings mit dem für Distant so typischen Downtempo eingespielt wurde. Nicht ohne Grund beschreibt Sänger Alan Grnja mit einem Lächeln im Gesicht die Musik mit: „Es ist leise und langsam“.

Nun, „langsam“ ist relativ, doch das Wort „leise“ mit diesem Album zu verbinden, bedarf zumindest einer gewissen Kreativität. Auf „Heritage“ wird gerockt, stakkatoartig gespielte Gitarren und wütende Drums fliegen einem um die Ohren und auch der Bass versucht zum Teil neue Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen. Doch über allem steht in der Musik von Distant der Gesang des bereits erwähnten Alan Grnja. Schreien oder Growlen? Nun, er verbindet beide Spielarten des Gesangs zu einem infernalen Ergebnis, welches direkt aus der Hölle zu steigen scheint. Unglaublich, muss man gehört haben. Das ist alles, aber ganz bestimmt nicht „leise“.

Ganz treffend wird ihre Musik im Pressetext zur Veröffentlichung mit „Verschmelzung von brutalem Death Metal, Slam, Noise und Beatdown mit einem hyperdissonanten dissonanten Orchester des drohenden Untergangs“ beschrieben. Ein Erlebnis ist das allemal.

Fazit: Hart, härter, verstörender, so klingen Distant auf Heritage. Für Freundinnen und Freunde des Genres Deathcore sicherlich eine lohnende Scheibe. In ihrer Konsequenz überzeugend, jedoch ganz bestimmt nicht massentauglich. Sieben Punkte.

Anspieltipps: Heritage



Donnerstag, 9. Februar 2023

eMolecule – The Architect

 



eMolecule – The Architect


Besetzung:

Simon Collins – vocals, drums, keys, sound design, programming
Kelly Nordstrom – guitars, bass, vocals, keys, sound design, programming




Erscheinungsjahr: 2023


Stil: ArtRock, Alternative Rock


Trackliste:

1. eMolecule (10:43)
2. The Architect (6:05)
3. Prison Planet (4:58)
4. Mastermind (8:39)
5. Dosed (5:07)
6. The Turn (5:56)
7. Awaken (5:09)
8. Beyond Belief (4:47)
9. The Universal (6:03)
10. My You (5:27)
11. Moment Of Truth (6:56)

Gesamtspieldauer: 1:09:54



Ganze zehn Jahre ist es bereits her, dass Simon Collins und Kelly Nordstrom mit ihrer Band Sound Of Contact das Album Dimensionaut veröffentlichten. Danach ging es erst mal solo weiter und die beiden Musiker blieben in Kontakt. Während der Arbeit zu Simon Collins viertem Soloalbum „Becoming Human“, welches stark von elektronischen Einflüssen beherrscht wurde, spielte Kelly Nordstrom Simon Collins ein Demo von eMoluecule vor. Das klang dann wieder eher nach Sound Of Contact. Simon Collins war begeistert und so beschlossen die beiden unter genau diesem Namen ein neues Album als Duo einzuspielen.

Und das hat sich gelohnt. Auf dem Erstlingswerk von eMolecule, „The Architect“, hört man eine Mischung aus New ArtRock, Alternative Rock, Heavy Metal und symphonischem Prog. Das Ganze wird abwechslungsreich und spannend zelebriert und geht ziemlich schnell ins Ohr. Oftmals sind es gerade jene Alben, die mit jedem weiteren Hören im Ohr nochmals zu wachsen scheinen und immer besser werden, sodass man sie auch nach Jahren immer wieder gerne auflegt. Nun, letzteres kann ich noch nicht beweisen, da „The Architect“ erst am 10. Februar 2023 erscheint, doch dieses Album wird definitiv mit jedem neuen Durchgang besser und besser.

Es gibt überraschende, proggige Passagen zu hören, wunderschöne sanfte Melodien und wenn man möchte, kann man mit „The Architect“ auch ganz kräftig mittels Headbanging das Haupthaar durchschütteln. Und dass wunderschöne und sanfte Melodien auch mit kompromisslosem, hartem Rock verbunden werden können, zeigt eindrucksvoll die Nummer „The Turn“. Nomen ist hier auch Omen, denn diese Wendung ist absolut gelungen, die Steigerung während des Stücks lohnt gehört zu werden.

Am besten klingen die beiden Musiker allerdings auf den – wie könnte es auch anders sein – beiden längsten Stücken der Platte. Das Lied, welches den Bandnamen trägt sowie die Nummer „Mastermind“ überzeugen durch ihre Abwechslung und die Entwicklung, die sie musikalisch vollführen. Immer wieder kommt es zu atmosphärischen Wendungen, die dabei ebenfalls niemals konstruiert klingen. Hier scheint der Albumtitel musikalisch gesehen sehr weit hergeholt. Alle Einflüsse und Genres auf „The Architect“ kumulieren in diesen beiden Stücken, bei denen man laufend etwas Neues zu entdecken glaubt. Unbedingt hörenswert.

Fazit: Das Spielen in einer Band scheint der Musik von Simon Collins, dem Sohn von Phil Collins, gut zu tun. Anspruchsvoller klingt das auf jeden Fall, verglichen mit seinen Solo-Werken. Aber war das nicht auch beim Papa so? Jupp, war es. Mit Kelly Nordstrom scheint Simon Collins einmal mehr einen inspirierenden Partner beim Songwriting gefunden zu haben. Beide haben mit „The Architect“ ein tolles Debutalbum vorgelegt. Hoffentlich ist es nicht die letzte Platte, die man von eMolecule zu hören bekommt. Zwölf Punkte.

Anspieltipps: eMolecule, Mastermind, The Turn