„The Wind“ heißt das achte Studioalbum der inzwischen wieder zum Duo geschrumpften US-amerikanischen Band Balmorhea. Es erschien im Jahr 2021 auf dem Plattenlabel Deutsche Grammophon und ist insofern etwas Besonders, weil man im ersten und letzten Stück auch wieder Sprache hört. Zwar nicht gesungen, sondern gesprochen und auch nicht auf Englisch, wie man vermuten könnte, sondern auf Französisch.
Ansonsten gilt auch dieses Mal: ruhig, ruhiger, Balmorhea. Sanft und zart erklingt wieder einmal die Musik des texanischen Duos, bestehend aus Rob Lowe und Michael Muller. An mancher Stelle erklingt die Musik sogar fast schon zerbrechlich. Und auch wenn hier und da ein paar experimentellere Töne eingebaut wurden, die dann eher kurze Klanglandschaften darstellen, so sind es doch meistens sehr harmonische und melodische Melodiebögen, die man auf „The Wind“ zu hören bekommt.
„The Wind“ wurde laut Aussage der Musiker durch Meditationen über die natürliche Welt und ihre Zerbrechlichkeit, einer alten Geschichte über einen Heiligen, der den Wind in ein luftleeres französisches Tal trug, und Gedanken der Klimaaktivistin Greta Thunberg, die den Atlantik auf dem Katamaran „La Vagabonde“ überquerte, inspiriert. Die Musik erklingt wunderschön und harmonisch und scheint einem jegliche Hektik zu nehmen und nach einem langen Arbeitstag für absolute Entspannung zu sorgen. Zu viel „passiert“ allerdings nicht auf „The Wind“, sodass Leute, die dem Post Rock eher wenig abgewinnen können, vermutlich auch Langeweile aus diesen Akkorden heraushören. Doch lässt man sich ganz auf diese Musik ein wirkt sie bereichernd und definitiv entspannend.
Fazit: Schöne und warme Klänge gibt es einmal mehr auf einem Balmorhea-Album zu hören. Wer genau nach solcher Musik sucht, Musik zum Träumen und Entspannen, die oder der wird auf „The Wind“ fündig. Unaufgeregte Klänge, die nicht überraschenderweise zum Teil von Meditationen inspiriert wurden. Zehn Punkte.
„Chocolate And Cheese“ heißt das vierte Studioalbum der US-amerikanischen Band Ween. „Chocolate And Cheese“ wurde am 27. September 1994 auf dem Plattenlabel Elektra Records veröffentlicht. Es ist das erste Ween-Album, welches in einem professionellen Studio aufgenommen wurde. Gewidmet ist „Chocolate And Cheese“ dem Schauspieler John Candy, der im selben Jahr der Aufnahme verstarb. Das Lied „A Tear For Eddie“ wurde dem Funk/Psychedelic-Gitarren-Pionier Eddie Hazel gewidmet, der am 23. Dezember 1992 starb. Das Lied „Buenas Tardes Amigo“ wiederum, wurde laut Gene Ween durch eine Spanisch-Lektion in der Sesamstraße inspiriert. Der Titel des Albums schließlich ähnelt phonetisch der britischen Redewendung „chalk and cheese“, eine Art zu sagen, dass zwei Dinge nichts gemeinsam haben.
Nicht ganz unpassend der Titel, denn auf „Chocolate And Cheese“ gibt es sehr viele musikalische Genres zu hören – allerdings deutlich mehr als zwei. Das reicht von Pop, Rock über Funk, Folk, Country, Funk, Soul, Gospel, sowie R&B bis hin zu experimenteller Musik. Eine recht krude Zusammenstellung von Musik, die unweigerlich dazu führt, dass man nicht mit allen Liedern auf diesem Album etwas anzufangen weiß – außer man hat den breitesten Musikgeschmack überhaupt. Abwechslungsreich klingt das zwar wie kaum ein anderes Album im Rock und Pop-Bereich, doch zu viel Abwechslung kann auch dazu führen, dass man beim Hören der Platte einfach Lieder überspringt, da es schwerfällt, sich auf alles einzulassen.
Nun, das bekannteste Lied von Ween dürfte wohl „Buenos Tardes Amigo“ sein, welches unter anderem auch in den Soundtracks der deutschen Filme „Lammbock – Alles in Handarbeit“ aus dem Jahr 2001 sowie „Herr Lehmann“ aus dem Jahr 2003 enthalten ist. Tolle Nummer und der Höhepunkt des Albums. Inspiriert durch die Sesamstraße und dann das Lied mit solch einem Text zu versehen – die Jungs von Ween beweisen Humor, schwarzen Humor. Das Lied „Baby Bitch“ könnte genau so von den Beatles aufgenommen worden sein. Tolle Nummer. „What Deaner Was Talkin‘ About“ fällt in dieselbe Kategorie.
Und sonst? Nun, die Lieder überzeugen mal mehr, mal weniger. Abwechslung pur sicherlich, doch nicht alles kann durchweg begeistern. Das klingt zum Teil sehr abgefahren und man kann kaum verarbeiten, dass Lieder, die stilistisch so überhaupt nichts miteinander zu tun haben, hier wie selbstverständlich aufeinander folgen. Und skurril sind manche Nummern zudem. So erklingt „Candi“ absolut experimentell und das Lied „The HIV Song“ ist wohl am besten mit rabenschwarzem Humor zu umschreiben.
Fazit: Niemals kommt beim Hören von „Chocolate And Cheese“ Langeweile auf. Niemals. Sehr viele musikalische Stile wurde auf diesem Album verarbeitet. Wer auf ganz viel Abwechslung auf einer Platte steht, die oder der kann hier absolut nichts falsch machen. Definitiv kein alltägliches Album. Zehn Punkte.
Anspieltipps: Baby Bitch, Buenas Tardes Amigo, What Deaner Was Talkin‘ About
The Spacelords sind eine deutsche Spacerock- und Psychedelic-Rock-Band aus Reutlingen, die 2008 gegründet wurde. Laut Wikipedia-Eintrag ist das im Jahr 2022 erschienene Album „Unknown Species“ das siebte Studioalbum der Band. Wurden die ersten beiden Alben noch im Selbstverlag veröffentlicht, so erschienen die letzten vier Platten allesamt auf dem Plattenlabel Tonzonen Records.
Auf „Unknown Species“ hört man „ausufernden“ Spacerock und das ist in diesem Fall durchaus positiv gemeint. Die drei Musiker lassen es sozusagen laufen und man kann in spacige Klangwelten eintauchen, die sich über viele Minuten hinweg aufbauen. Das klingt durchaus spannend, wenn man diesem musikalischen Genre etwas abgewinnen kann. Beim Hören schwebt man dabei in Retro-Welten, denn die Musik der Spacelords erinnert durchaus an jene der Kollegen aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts.
Ein wenig Abwechslung kommt zunächst beim dritten Lied „Time Tunnel“ auf, welches mit akustischer Gitarre und Synthesizer-Meeresrauschen eingeleitet wird. Dann steigert sich der Titel immer weiter, um schließlich erneut in rockigem Spacesound zu münden. Am Ende wechselt die Musik dann wieder hin zur akustischen Gitarre, und deren Klang wird vom Rauschen des Windes und einem kurzen Ticken einer Uhr unterlegt. Klingt ebenfalls gut und doch fehlt der Musik etwas, wenn man die knappe Dreiviertelstunde Spieldauer Revue passieren lässt – und das ist der Gesang. Der würde zusätzliche Abwechslung generieren und die Musik der Spacelords noch interessanter erklingen lassen.
Fazit: Mit instrumentalem Spacerock, in den man wunderbar eintauchen kann, versorgen einen die Spacelords auf „Unknown Species“. Das klingt mal etwas spaciger, dann wieder etwas rockiger. Macht Laune und doch würde etwas Gesang die Musik der Reutlinger Band noch spannender erscheinen lassen. Aber auch das ist natürlich Geschmacksache. Insgesamt klingt das Album gut. Zehn Punkte.
Im Pressetext zum kann man lesen: „Auf seinem vierten Album „Innen und Außen“ beschwört Raphael Kestler Geister. Es sind Geister der Gegenwart. Sie suchen Liebende heim, wenn es am Schönsten sein soll – im Urlaub oder vor der eigenen Hochzeit – aber auch Kinder und ihre Eltern, dann, „wenn Eltern querdenken“.
Das Album ist eine Auseinandersetzung mit der Jetzt-Zeit und Konflikten, die uns alle unmittelbar umgeben und nicht mehr loslassen wollen. Das große Thema ist die Utopie eines Stillstands, der die Menschen, sobald sie sich nicht mehr Kinder nennen können, erfolglos hinterherhecheln: Wann hat das aufgehört, wann ließ mich der Kopf nicht mehr ganz allein in den Urlaub fahren und so tun als ob …“
Nun, diese Inhalte in den Texten auf „Innen und Außen“ herauszuhören ist sicherlich weder einfach und schon gar nicht offensichtlich. Die Texte sind fordernd und spiegeln glücklicherweise so gar nichts von den Themen „Liebe“ und „Herzschmerz“ wider. Man muss sich hineinhören und sich anregen lassen, um für sich etwas heraushören zu können. Das Ergebnis ist schließlich bereichernd und lohnt sich.
Sehr viel einfacher und schneller kann man sich allerdings auf die Musik einlassen. Diese klingt zumeist melodiös bis eingängig und geht schnell ins Ohr. Bei den beiden Stücken „Urlaub“ sowie „Eltern, die Querdenken“ klappt dies übrigens besonders gut. Schöne Nummern, textlich wie musikalisch. Alle Titel sind eher zurückhaltend und sanft instrumentiert und erklingen entspannt und manchmal fast schon zerbrechlich wirkend. „Innen und Außen“ lässt sich ganz einfach in einem Durchlauf durchhören ohne, dass man Gefahr laufen würde dauernd zum nächsten Lied springen zu müssen. Ein wenig zu pathetisch wird es allerdings bei „Bäume“. Das klingt inhaltlich fast schon nach „Karl der Käfer“ der Band Gänsehaut. Doch in den 80er Jahren klang solch ein Lied irgendwie wenigstens noch unfreiwillig komisch.
Fazit: „Innen und Außen“ ist ein musikalisch schönes Album mit intelligenten Texten geworden. Ein Album zum Zuhören, welches man beim „Nebenbeihören“ irgendwie verschenkt. Nicht alles klingt restlos überzeugend, doch die schönen Momente bleiben. Zehn Punkte.
Gesamtspieldauer CD1 (37:51) und CD2 (42:50): 1:20:41
Wie heißt es im beiliegenden Booklet: „Auf diesem Album haben wir für Euch passend zu unserem Jubiläum 25 Titel ausgewählt, die einen Streifzug durch unsere musikalische Vielseitigkeit zeigen. Von Volksmusik über volkstümliche Melodien und Schlager bis hin zu sakralen Tönen... Neben „altbekannten“ Hits von uns dürfen wir Euch auch mit ein paar ganz neuen, bis jetzt unveröffentlichten Liedern überraschen.“
Nun, Kompilationsalben, denen noch ein paar neue Lieder hinzugemischt wurden, hinterlassen immer einen schalen Geschmack. Soll das etwa ein Kaufanreiz für die Fans sein, die alles von ihren Lieblingen „besitzen“ möchten, obwohl sie die meisten Lieder bereits haben und kennen? Also trotz, dass man den Großteil der Musik bereits kennt, wird sie nochmals gekauft. Diesbezüglich besteht übrigens kein Unterschied zwischen Schlagermusik, Pop oder Rock, viele Bands machen das so. Etwas schade.
Und wie ist die Scheibe, beziehungsweise wie sind die beiden Scheiben sonst so? Nun, man bekommt tatsächlich einiges geboten von Sigrid und Marina. Allerdings sollte man Schlager und volkstümlicher Musik durchaus offen gegenüberstehen und schwache bis schwachmatische Texte aushalten können.
Sigrid und Marina klingen dann gut, wenn sie sich auf echte Volksmusik konzentrieren. Von der gibt es auf dieser Zusammenstellung deutlich zu wenig. Schlager mit Schlagzeug aus dem Synthesizer klingt halt leider schlecht.
Fazit: Zumeist Schlager, zu wenig Volksmusik. Drei Punkte.
Steven Wilson – vocals, piano, synthesizer programming, basset horn, harp, acoustic and electric guitars, bass, hammond organ, percussion, strings, programming
Gastmusiker:
Theo Travis – flute (1), saxophone (4), duduk (6)
Nils Peter Molvaer – trumpet (1,6)
Adam Holzman – keyboards
David Kollar – guitar
Niko Tsonev – guitar
Pat Mastellotto – drums, percussion (1)
Nate Navaro – fretless bass (1)
Jack Dangers – vocal programming, drum machine (1,2)
„The Harmony Codex“ ist das siebte Solo-Studioalbum des Briten Steven Wilson, den man natürlich hauptsächlich als Musiker und Ideengeber „seiner“ Band Porcupine Tree kennt. Und nach dem fast schon unsäglichen, zwei Jahre zuvor erschienenen „The Future Bites“, durfte man wahrlich gespannt sein, was Steven Wilson seinen Hörerinnen und Hörern dieses Mal kredenzen würde.
Angekündigt wurde „The Harmony Codex“ als „genreübergreifende Sammlung, die sich wie eine musikalische Puzzleschachtel öffnet“. Dazu sollte das Album musikalisch komplexer klingen, als das bereits erwähnte „The Future Bites“, welches ein Pop bis Mainstream-Album war. Und tatsächlich, gleich beim ersten Hören fallen einem die musikalischen und genremäßigen Varianten auf, die das Album zu einer sehr abwechslungsreichen Scheibe werden lassen. Man hört auf „The Harmony Codex“ Progressive Rock, ArtPop und ArtRock, Ambient, elektronische Musik, experimentelle Musik, jazzige Anleihen, Rock und Pop. Klingt wirr und konstruiert, doch schnell merkt man, dass sich dies alles sehr schön zu einem gelungen, großen Ganzen zusammenfügt.
„The Harmony Codex“ lebt von der Abwechslung und die klingt vom ersten bis zum letzten Akkord sehr überzeugend. Dazu trägt auch bei, dass dieses Mal nicht nur Steven Wilson am Gesang zu hören ist. Ninet Tayeb lockert mit ihren Vocals das Album wunderschön auf und auch die Stimme von Rotem Wilson trägt zu diesem Eindruck bei. Und schließlich schafft es Steven Wilson auf diesem Album ruhige Momente mit treibenderen Passagen zu verbinden, sphärische Elemente mit jazzigen Tönen abzuwechseln, einfache Melodien mit komplexen, deutlich progiggeren Tonfolgen konkurrieren zu lassen und dabei auch sehr schöne Melodien zu kreieren, die sich im Ohr festsetzen. Bereits beim zweiten Hören hat man den Eindruck, dieses oder jenes Lied bereits zu kennen. Doch mit jedem weiteren Durchlauf wird dieses Gefühl noch intensiver und die Musik wirkt noch wertvoller.
Fazit: Nachdem letztes Jahr am 24.6. ein neues und überzeugendes Porcupine Tree-Album veröffentlicht worden ist, war man als Fan dieser Musik um Steven Wilson schon wieder ein wenig versöhnt. Nun lässt dieser tolle Musiker auch noch solo ein sehr gelungenes Album folgen, welches sich so variantenreich generiert, wie kaum eine Scheibe zuvor von Steven Wilson oder Porcupine Tree. Und das passt alles gut zusammen – sehr gut sogar. Elf Punkte.
Anspieltipps: Impossible Tightrope, The Harmony Codex
„Memento Mori“ heißt das fünfzehnte Studioalbum der englischen Band Depeche Mode. „Memento Mori“ wurde am 24. März 2023 auf dem Plattenlabel Columbia Records veröffentlicht. Aufgenommen wurde das Album von Juli bis Oktober, kurz nachdem Mitbegründer und Keyboarder Andy Fletcher am 26. Mai 2022 im Alter von 60 Jahren an einem Aorta-Riss verstarb. Andy Fletcher ist das Album auch gewidmet. Die Lieder „Ghosts Again“, „Wagging Tongue“, „Speak To Me“ sowie „My Favourite Stranger“ wurden als Singles ausgekoppelt.
Obwohl das Songwriting sowie Demoaufnahmen bereits vor dem Tod von Andy Fletcher begannen, hat Andy Fletcher keine Melodie und auch die Texte niemals gehört, so die Aussage der zwei verbliebenen Bandmitglieder. Das Todesthema des Albums war bereits vorher festgelegt worden, da Martin Gore über seine eigene Sterblichkeit und die COVID-19-Pandemie, die weltweit Hunderttausende von Menschen tötete, nachdachte, als er das Album schrieb. Kurze Zeit überlegten Dave Gahan und Martin Gore auch die Aufnahmen zu verschieben oder sogar ganz mit Depeche Mode aufzuhören. Nach nur wenigen Augenblicken allerdings waren sich beide einig, dass sie durch die Aufnahmen am besten mit dem Tod Andy Fletchers zurechtkommen würden, da sie die Arbeit ablenkte.
Depeche Mode war schon immer die Band, die zeigte, dass auch Synthie Pop interessant, spannend und auch intelligent klingen kann. Und auch auf diesem neuen Album haben Depeche Mode nicht enttäuscht. Musikalisch klingt „Memento Mori“ eindeutig und mit jedem Akkord nach Depeche Mode. Die Musik der Engländer hat schon immer etwas „dunkel“ und „düster“ geklungen, nicht überraschend also, dass sie sich auch auf diesem Album in dieser Weise zeigt – auch unabhängig vom Tod Andy Fletchers. Die einzelnen Lieder „zünden“ zwar nicht unbedingt beim ersten Mal des Hörens – ein paar Durchläufe benötigt man hier definitiv. Doch dann setzen sich auch diese Harmonien fester ins Ohr. Ein absolutes „Überlied“ fehlt dem Album zwar, doch „Memento Mori“ unterhält und lässt einen irgendwie auch wieder in die Zeit der 80er Jahre eintauchen, obwohl Depeche Mode hier ihre damalige Musik nicht imitieren.
Auf „Memento Mori“ befindet sich kein Ausfall. Vom ersten bis zum letzten Akkord hört man eingängige Depeche Mode Musik, bei der es nicht nötig ist, den Tonarm ein Lied überspringen zu lassen, beziehungsweise mit der Fernbedienung zu skippen. Sehr lohnenswert erklingen die Lieder „Don‘t Say You Love Me“, „My Favourite Stranger“ sowie „Speak To Me“. Da sich, wie bereits erwähnt, allerdings kein Ausfall auf dem Album befindet, könnte man hier durchaus auch andere Titel erwähnen. Geschmackssache eben.
Fazit: Dunkel klangen Depeche Mode schon immer. Durch den Tod von Andy Fletcher scheinen sie sich noch etwas düsterer anzuhören. Vielleicht auch nur Einbildung, denn laut Aussage der verbleibenden zwei Bandmitglieder waren Musik und Texte schon vorher geschrieben. Wie dem auch sei, „Memento Mori“ klingt gut und überzeugt und ist eindeutig als Depeche Mode Musik auszumachen. Wer die mag, wird auch „Memento Mori“ mögen. Zehn Punkte.
Anspieltipps: Don‘t Say You Love Me, My Favourite Stranger“, Speak To Me
London Contemporary Orchestra – orchestra (1–8, 10)
Robert Ames – orchestra conductor (1–8, 10)
Ólafur Ólafsson – percussion (1, 7, 9, 10)
Ingi Erlendsson – trombone, tuba (4, 10)
Helgi Jónsson – trombone (4, 10)
Eirikur Ólafsson – trumpet (4, 10)
Snorri Sigurðarson – trumpet (4, 10)
María Sigfúsdóttir – violin (4, 10)
Label: BMG
Erscheinungsjahr: 2023
Stil: Post Rock
Trackliste:
1. Glóð (3:38)
2. Blóðberg (7:15)
3. Skel (4:58)
4. Klettur (6:31)
5. Mór (5:47)
6. Andrá (4:06)
7. Gold (5:12)
8. Ylur (5:54)
9. Fall (3:27)
10. 8 (9:40)
Gesamtspieldauer: 56:34
„Átta“ heißt das inzwischen bereits neunte Studioalbum der isländischen Band Sigur Rós. „Átta“ bedeutet „Acht“ und bezieht sich wohl auf die Nummerierung ihrer Studioalben, da die Isländer das 2020 erschienene „Odin‘s Raven Magic“ wohl nicht als reguläres Studioalbum, sondern eher als Soundtrack ansehen. Nun denn, dieses dann acht Album erschien am 16 Juni 2023 auf dem Plattenlabel Von Dur Limited. Es ist das erste Album seit Valtari (2012), bei dem Keyboarder Kjartan Sveinsson wieder zu hören ist. Orri Páll Dýrason ist dagegen nicht mehr am Schlagzeug zu beschäftigt, das ganze Album wurde mit Ausnahme des Stücks „Klettur“ ohne jegliche Perkussion eingespielt.
Das Cover zeigt einen brennenden Regenbogen, der vom isländischen Künstler Rúrí entworfen wurde. Dazu sagte Jón Birgisson in einem Interview: „Die Rechte von Transsexuellen, Queeren und Schwulen wurden in letzter Zeit so sehr mit Füßen getreten. Es ist erschreckend, das zu sehen. Auf der ganzen Welt hat man das Gefühl, dass wir uns zurückentwickeln. Wir versuchen, uns aus der Politik herauszuhalten, um die Musik so neutral wie möglich zu gestalten, aber wir haben über den Zustand der Welt gesprochen, in der wir jetzt leben: Klimawandel und Weltuntergangsstimmung.“
„Àtta“ ist Sphäre pur. Post Rock, der mitunter auch am Genre des Ambient kratzt. Synthesizer, jede Menge Streicher und ab und zu der hohe Gesang Jón Birgissons prägen dieses Album, welches fast schon ohne Melodien auskommt, da die Melodiebögen sehr gestreckt erklingen. So fügte Jón Birgisson zur Erklärung des Albums auch an, dass es die Absicht der Band gewesen sei, „lediglich ein minimales Schlagzeug dabei zu haben und die Musik wahrlich spärlich, schwebend und schön werden zu lassen“.
„Àtta“ ist tatsächlich kein Album, welches sich einem sofort erschließt. Zeit sollte man mitbringen und sehr viel Muße, sich auf diese Klangwelten einlassen zu können. Schön erklingt das Ganze wahrlich immer wieder, doch auch über die Dauer von zehn Liedern und fast einer Stunde Spieldauer auch sehr ähnlich und keineswegs mit Variationen übersättigt. Fast schon ein wenig dankbar ist man beim Lied „Andrá“, wenn man hier kurz eine akustische Gitarre zu hören bekommt. Ein paar mehr solcher Einsprengsel hätten der Platter durchaus gut getan.
Trotzdem ist „Àtta“ kein schlechtes Album geworden. Ideal für dunkle Novembertage, ideal, wenn man seinem eigenen Blues mal freien Lauf lassen möchte, ideal, wenn man entspannen möchte und etwas absolut Unaufgeregtes hören möchte. Dann entwickelt „Àtta“ seine Stärke und trifft Seele und Herz.
Fazit: Sigur Rós bewegen sich mit „Àtta“ an der Grenze zwischen Ambient und Post Rock. Definitiv gewinnt dieses Album mit den Durchläufen und es ist herrlich entspannend, wenn man sich denn mal entspannen möchte. Wer auf Aufregung steht, der ist hier definitiv falsch. Zehn Punkte.
Bruce Soord kennt man als Musiker und Ideengeber der Band The Pineapple Thief. Mit „Luminescence“ ist nun am 22. September 2023 sein drittes Solowerk veröffentlicht worden. „Luminescence“ erschien auf dem Plattenlabel KScope.
Wer nun erwarten würde, dass man auf diesem Album Musik à la Pineapple Thief zu hören bekommen würde, die oder der dürfte überrascht oder gar enttäuscht werden. Auf „Luminescence“ hört man zwölf kompakte und sanfte Lieder, die wenig mit Progressive Rock zu tun haben. Bei den einzelnen Stücken steht zumeist die akustische Gitarre im Vordergrund in Einheit mit dem sanften Gesang des Bruce Soord. Ausnahme hier ist das Stück „Rushing“, ein vom Synthesizer dominiertes Instrumentalstück.
Die Lieder hören sich allesamt melodisch an und gehen auch ins Ohr. Die sanften Melodien werden durch Streicherpassagen untermalt und klingen absolut entspannt und unaufgeregt. Dabei allerdings auch nicht allzu spannend. Der inhaltliche Hintergrund des Albums wird dabei wie folgt umschrieben: „Inspiriert von der Idee, inneren Frieden zu finden, erforscht Bruce Soords neuestes Solowerk „Luminescence“ die Schwierigkeiten des Lebens in den Metropolen der modernen Welt.“ Um dies noch besser umzusetzen hört man im Hintergrund oftmals Geräusche, die Bruce Soord auf seiner letzten Tournee mit dem Recorder in den Städten aufnahm.
Die Lieder ähneln sich alle sehr und klingen dadurch in der Gesamtheit – lang. Und dies obwohl sie nur selten an der Vierminuten-Grenze kratzen. Dazu kommt, dass Bruce Soord bei einigen Titeln einen Drum-Computer einsetzt, dessen Sound mitunter stark an den Synthie-Pop der 80er Jahre erinnert. Und gerade dieser Sound vermiest einem dann doch etwas den Hörgenuss. Sehr gut nachzuhören bei den beiden ersten Stücken der Platte.
Fazit: „Luminescence“ ist ein eingängiges und melodisches Album geworden, welches allerdings trotz der relativ kompakten Lieder Längen aufweist, da sich die einzelnen Titel stark ähneln. Der Sound mit dem Drum-Computer klingt zumindest gewöhnungsbedürftig. Insgesamt klingt das Ganze trotzdem ganz nett, da eben herrlich entspannt. Allerdings reicht „Luminescence“ bei Weitem nicht an die Musik von Pineapple Thief heran. Neun Punkte.
5. Trying To Find A World That‘s Been And Gone: Part 1 (2:57)
6. Easy Now (3:52)
7. Council Skies (4:39)
8. There She Blows! (3:56)
9. Love Is A Rich Man (4:21)
10. Think Of A Number (5:43)
CD2:
1. Don‘t Stop... (4:44)
2. We‘re Gonna Get There In The End (4:10)
3. Mind Games (4:28)
4. Pretty Boy (Instrumental) (4:50)
5. Dead To The World (Instrumental) (4:13)
6. Council Skies (Instrumental) (4:42)
7. Think Of A Number (Instrumental) (5:47)
8. I‘m Not Giving Up Tonight (David Holmes Remix) (5:42)
9. Think Of A Number (Pet Shop Boys Magic Eye 12" Remix) (5:12)
10. Pretty Boy (Robert Smith Remix) (5:43)
11. Council Skies (The Reflex Revision) (5:25)
12. Flying On The Ground (Radio 2 Session, 08/09/21) (3:12)
13. You Ain‘t Goin‘ Nowhere (Radio 2 Session, 08/09/21) (2:16)
14. Live Forever (Radio 2 Session, 08/09/21) (4:51)
Gesamtspieldauer CD1 (42:29) und CD2 (1:05:21): 1:47:50
„Council Skies“ heißt das inzwischen vierte Studioalbum der englischen Rockband Noel Gallagher‘s High Flying Birds. Produziert wurde es von Noel Gallagher selbst sowie von seinem langjährigen Tontechniker Paul Stacey. „Council Skies“ wurde am 2. Juni 2023 auf Noel Gallaghers eigenem Plattenlabel Sour Mash Records veröffentlicht. Mit den Liedern „Pretty Boy“, „Easy Now“, „Dead To The World“, „Open the Door, See What You Find“ sowie dem Titellied „Council Skies“ wurden insgesamt fünf Stücke des Albums als Singles ausgekoppelt.
Auf „Council Skies“ hört man Noel Gallagher-Musik – und das vom ersten bis zum letzten Akkord. Natürlich erinnert das unweigerlich auch an Oasis. Die Musik scheint ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein und hätte so auch durchaus in den 90er Jahren von eben Oasis eingespielt worden sein. Sein Bruder Liam Gallagher singt hier zwar nicht, doch da auch Noel Gallagher selbst einige Lieder bei Oasis eingesungen hatte, bleibt trotzdem die Verbindung zu ihrer früheren Band bestehen.
Die Lieder auf „Council Skies“ klingen gut und gehen ins Ohr. Sogar bereits beim ersten Mal des Hörens. Doch leider war es das schon. Sie gehen beim zweiten Hören genau so ins Ohr und beim dritten Durchlauf. Das ändert sich auch nicht mehr. Doch diese Stücke bleiben nicht hängen, sie hallen nicht nach – leider. Dabei ist „Council Skies“ ganz bestimmt kein schlechtes Album, sicherlich nicht. Aber es ist ein Pop-Album, welches austauschbar ins Ohr geht, ohne den oder die Höhepunkte. Ein Album, welches beim Hören gefällt und dann schnell wieder vergessen wird.
Die zweite CD bei der Deluxe-Ausgabe ist eine nette Zugabe, zumal sie nicht sehr viel mehr kostet als das reine Originalalbum. Ein paar Instrumentalnummern, aber auch noch eine paar zusätzliche Titel, die von der Qualität der ersten CD in nichts nachstehen. Für Fans von daher sicherlich doch lohnend. Und das Lied „Pretty Boy“ ist in diesem Robert Smith-Mix sogar mitreißender als die Originalversion der ersten CD.
Fazit: Noel Gallagher Musik, die immer noch sehr an Oasis erinnert, bekommt man auf „Council Skies“ geboten. Das klingt alles gut und nett und eingängig und melodiös und… irgendwie doch nicht restlos überzeugend, da austauschbar. Wenn man aber auf den Oasis-Sound steht, erweitert dieses Album nochmals die Musik, die man sich gerne anhört. Neun Punkte.
Keegan McInroe ist ein aus Fort Worth, Texas stammender Sänger und Musiker. Am 22. September erscheint nun bereits sein sechstes Album mit dem Titel „Agnes“. Keegan McInroe steht mit seiner Musik für eine Mischung aus Country, Folk und Blues – und genau dies bekommt man auch auf „Agnes“ zu hören – dazu allerdings auch eine Prise Rock.
Die einzelnen Stücke klingen oft eher nachdenklich, die Violine kommt häufig zum Einsatz und vermittelt eine zusätzliche Prise Melancholie. Dass Keegan McInroe jedoch auch rocken kann, das beweist er mit dem Stück „Boom Or Bust“, welches man sich auch gerne sechs Minuten anhören würde und nicht nur über die Laufzeit von 2:58.
Sehr hörenswert ist auch der Titelsong „Agnes“. Dieser spiegelt den gerade schon erwähnten eher nachdenklichen, bis fast schon traurigen Aspekt in der Musik des US-Amerikaners wider. Weiterer Höhepunkt ist das Lied „Then You’ll Know“. Tolle, eingängige Melodie und der Text lehnt sich an die Weissagung der Cree an: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, … werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“
Der zweite Teil des Albums fällt etwas gegenüber dem Anfang ab. Leute die den Blues lieben, könnten das allerdings auch ganz anders sehen, denn die Lieder klingen nun deutlich bluesiger und auch die Country-Fraktion wird in der zweiten Hälfte des Albums etwas stärker betont. Ausnahme ist der Titel „Man In The Ground“, bei dem erneut gerockt wird und der damit dann auch wieder mehr überzeugt.
Fazit: „Agnes“ von Keegan McInroe hält einiges für die Hörerinnen und Hörer parat. Blues, Country, Folk und Rock gibt es auf dem Album zu hören. Jeder kann hier für sich seine persönlichen Höhepunkte entdecken – ganz nach eigenem Genregeschmack. Somit ist „Agnes“ kein einheitliches Album geworden, doch eine Scheibe, die für jeden etwas bereithält. Neun Punkte.
Anspieltipps: Agnes, Boom Or Bust, Then You’ll Know, Man In The Ground
Einen eigenen Eindruck kann man sich live auf den Konzerten machen, die Keegan McInroe im Herbst in Deutschland gibt. Lohnt sich.
„Trading Snakeoil For Wolftickets“ heißt das zweite Studioalbum des US-amerikanischen Musikers Gary Jules. Das Album wurde im Jahr 2001 auf dem Plattenlabel Sanctuary Records veröffentlicht. Trotz des Erscheinungsdatums dauerte es drei Jahre, bis sich „Trading Snakeoil For Wolftickets“ sowohl im Vereinigten Königreich, als auch in den USA in die Charts platzieren konnte. Das lag sicherlich am Tears For Fears-Cover „Mad World“, welches auf dem Album enthalten ist. Das Lied nahm Gary Jules für den Film Donnie Darko auf, der im Jahr 2001 erschien und Teil dessen Soundtracks es ist. Doch erst im Jahr 2003 veröffentlichte Gary Jules das Lied schließlich zur Vorweihnachtszeit auch als Single, wodurch es sich in den Charts platzieren konnte.
Manche Lieder klingen in den Cover-Versionen einfach besser als im Original. Das ist zwar nicht allzu häufig der Fall, manches Mal aber eben doch. Als Beispiel fällt mir hier das grandiose „Hurt“ in der Version des Johnny Cash ein und eben jenes „Mad World“. Es ist in der Tears For Fears Version ein gutes Lied, bei Gary Jules wird es zu einem besonderen Lied mit absolutem Wiedererkennungswert. Klasse.
Und der Rest von „Trading Snakeoil For Wolftickets“? Der ist in Ordnung, allerdings reicht die Musik, die restlichen zwölf Titel nicht an dieses „Mad World“ heran. Man hört auf „Trading Snakeoil For Wolftickets“ sanfte Musik, die auch durchaus ins Ohr geht. Im Zentrum steht zumeist die akustische Gitarre und der sanfte Gesang des Gary Jules. Das klingt gut und unterhält zudem, auch findet sich kein Ausfall auf dem Album, sodass man es sehr schön in einem Durchhören kann und immer wieder gerne hinhört. Vom Genre her bewegen sich die Lieder zumeist im Bereich des Folk. Nach dem Hören, auch dem wiederholten Mal des Hörens, bleibt allerdings doch nur „Mad World“ im Ohr.
Fazit: „Trading Snakeoil For Wolftickets“ von Gary Jules ist ein sanftes und schönes Album geworden. Es wird durch die Cover-Version von „Mad World“ sehr aufgewertet. Denn während der Rest des Albums nett oder gut klingt, überdauert dieses „Mad World“ eine sehr viel längere Zeit im Ohr. Neun Punkte.