Freitag, 13. November 2020

Sólstafir – Endless Twilight Of Codependent Love

 



Sólstafir – Endless Twilight Of Codependent Love


Besetzung:

Aðalbjörn Tryggvason – guitar, vocals
Sæþór M. Sæþórsson – guitar
Svavar Austmann – bass
Hallgrímur J. Hallgrímsson – drums, backing vocals


Gastmusiker:

Helena Dumell – violin “Rökkur”
Viggi Pada – backing vocals “Drýsill”
Jon Riderdron – percussion “Drýsill”
Dauf Jonssen – piano “Or”




Erscheinungsjahr: 2020


Stil: Alternative Rock, Progressive Rock


Trackliste:

1. Akkeri (10:10)
2. Drýsill (8:52)
3. Rökkur (7:06)
4. Her Fall From Grace (6:35)
5. Dionysus (5:30)
6. Til Moldar (4:28)
7. Alda Syndanna (4:30)
8. Or (6:58)
9. Úlfur (8:48)

Gesamtspieldauer: 1:03:01



„Endless Twilight Of Codependent Love“ heißt das bereits siebte Album der isländischen Band Sólstafir. Es erschien am 6. November 2020 auf dem Plattenlabel Season Of Mist und mit dieser Scheibe haben sich die Isländer noch ein wenig weiter von ihren ursprünglichen Wurzeln des ProgMetals entfernt.

Nicht, dass es diese Elemente gar nicht mehr auf „Endless Twilight Of Codependent Love“ zu hören geben würde, doch sie sind zurückgefahren worden zugunsten von eher psychedelischen Tönen, die oftmals deutlich sanfter ausfallen. Das macht die Musik der Isländer noch ein wenig abwechslungsreicher. Solch ein Lied wie die Nummer „Rökkur“, welche mit einer sehr melancholisch klingenden Violine eingeleitet wird, anschließend eine tiefschwarze musikalische Atmosphäre entwickelt, zu der Aðalbjörn Tryggvason bewegend und verzweifelt auf Isländisch singt, gab es zu Beginn der Karriere der Band so noch nicht zu hören.

Überhaupt die Atmosphäre auf „Endless Twilight Of Codependent Love“. Diese klingt allgemein düster und dunkel, manchmal fast ein wenig verwunschen, wofür isländische Musiker ein feines Gespür zu haben scheinen, obwohl Sólstafir weder nach Sigur Rós und schon gar nicht nach Björk klingen. Doch dieses Spiel mit den Atmosphären, das beherrschen auch die Musiker von Sólstafir bestens – in den sanfteren, wie in den härteren Passagen des Albums.

Inhaltlich beschäftigen sich die Lieder – die bis auf „Her Fall From Grace“ alle auf Isländisch eingesungen wurden – mit der menschlichen Psyche und den Abgründen, die sich darin immer wieder auftun. Es geht um Ängste, es geht um Süchte. Wandelt die Musik zwischen bretterharten Passagen und eher sphärischen Abschnitten hin und her, so gilt dies ebenso für den Gesang. Diese Verzweiflung in der Stimme habe ich bereits erwähnt, an anderer Stelle klingt Aðalbjörn Tryggvasons Gesang fast schon zerbrechlich, um sich dann beim Titel „Dionysus“ alles, wirklich alles von der Seele zu schreien.

Sehr gelungen auf „Endless Twilight Of Codependent Love“ sind ebenso die Melodien. Die Musik des Albums geht nämlich ins Ohr. Selbstverständlich verstärkt sich dieser Effekt auch noch mit dem wiederholten Mal des Hörens, wodurch die einzelnen Lieder schnell zu Freunden werden, die man schon lange zu kennen glaubt.

Fazit: Dunkel klingt es auf „Endless Twilight Of Codependent Love“ und sehr abwechslungsreich und gleichzeitig auch sehr eingängig. Das sind Zutaten, die dieses Album zu einem sehr überzeugenden Album werden lassen. Die Musik passt perfekt in die Zeit, in der wir gerade leben – und damit ist nicht nur der November gemeint. Intensiv. Zwölf Punkte.

Anspieltipps: Drýsill, Rökkur, Úlfur



Mittwoch, 11. November 2020

Eels – Earth To Dora




Eels – Earth To Dora


Besetzung:

Mark Oliver Everett (E)
The Chet
Kool G Murder
P-Boo
Knuckles


Gastmusiker:

The Earth To Dora Orchestra & Choir




Erscheinungsjahr: Folk, Pop


Stil: 2020


Trackliste:

1. Anything For Boo (3:24)
2. Are We Alright Again (3:43)
3. Who You Say You Are (2:55)
4. Earth To Dora (3:43)
5. Dark and Dramatic (3:40)
6. Are You Fucking Your Ex (3:41)
7. The Gentle Souls (4:00)
8. Of Unsent Letters (3:08)
9. I Got Hurt (4:17)
10. OK (3:33)
11. Baby Let‘s Make It Real (3:55)
12. Waking Up (2:46)

Gesamtspieldauer: 42:48



„Earth To Dora“ heißt das dreizehnte Studioalbum der Eels um Marc Oliver Everett. Eigentlich sollte das Album veröffentlicht werden, um dann im Januar 2021 die Platte mit einer Tournee zu unterstützen. Doch in einem Interview sagte Marc Oliver Everett: „Der Plan war es zu veröffentlichen, wenn wir auf Tournee gehen könnten.“ Doch die Pandemie machten diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. Und so sagte Marc Oliver Everett weiter: „Nun, die Leute wollen immer noch Musik hören, und vielleicht kann es jetzt mehr denn je ein Trost sein, also lasst uns (die Eels) jetzt einfach etwas Musik herausbringen.“ Eine tolle Einstellung und diese Veröffentlichung lohnt sich definitiv für Freundinnen und Freunde gerade der Musik der Eels in ihren Anfangsjahren.

Die Lieder auf „Earth To Dora“ wurden noch vor der Pandemie und des damit verbundenen Lock Downs geschrieben und erinnern sehr an die früheren Alben der Band. Die Eels klingen auf ihrem neuen Album sehr sanft und nachdenklich. Wunderschöne Musik gibt es da zu entdecken, die jederzeit eingängig und melodiös klingt, an manchen Stellen fast schon zerbrechlich sanft. Ich kenne alle Alben der Band und dieses neue Album der Eels erinnert mich sehr viel mehr an jene sechs Alben in den ersten zehn Jahren Bandgeschichte, als die folgenden sechs Alben der nächsten fünfzehn Jahre.

„Earth To Dora“ stellt somit sehr viel eher ein „Zurück zu den Wurzeln“, als ein musikalisches Fortschreiten dar. Und das ist so wunderschön gelungen, denn für mich müssen sich Bands nicht andauernd weiterentwickeln, wie oft von Musikkritikern gefordert. „Earth To Dora“ stellt vielmehr eine Ausweitung der Musik der Eels der ersten zehn Jahre dar, klingt sehr typisch nach den frühen Eels. Wer also gerade mit jener Musik etwas anfangen konnte, die oder der wird an „Earth To Dora“ sehr viel Spaß haben.

Die zehn Lieder überzeugen dabei schon beim ersten Mal des Hörens und alles hört sich vertraut an, obwohl auf dem Album selbstverständlich keine Titel aus früheren Zeiten kopiert werden. Ich mochte schon immer diese folkig angehauchten Lieder der Band, die es auf „Earth To Dora“ wieder vermehrt zu hören gibt. „Who You Say You Are“, „Dark and Dramatic“, „Ok“ oder „Waking Up“, alles wunderschöne und sanfte Nummern, die, obwohl vor der Pandemie geschrieben perfekt, atmosphärisch perfekt zum November und diesen Zeiten passen. Und auch die ein wenig fröhlicher klingenden Nummern, wie zum Beispiel das Titellied oder der Opener „Anything For Boo“ gehen sofort ins Ohr und sorgen dabei für zusätzliche Abwechslung.

Fazit: Ein sehr schönes Album ist den Eels mit „Earth To Dora“ gelungen. Dieses klingt ähnlich zu jenen Alben, die die Band in den ersten zehn Jahren ihres Bestehens veröffentlichte – ohne sich dabei allerdings zu kopieren. Die Musik von damals wird irgendwie ergänzt. Wer die Musik der Eels von damals mochte, die oder der wird auch „Earth To Dora“ mögen – es klingt gut und vertraut. Elf Punkte.

Anspieltipps: Earth To Dora, Dark and Dramatic, OK, Waking Up



Montag, 9. November 2020

Amy Macdonald – The Human Demands

 



Amy Macdonald – The Human Demands


Besetzung:

Amy Mcdonald – vocals


Gastmusiker:

Chris Hill – bass, synthesizer, hammond organ, vocals, piano, baritone guitar, cello, organ, moog bass, strings
Neill McColl – electric guitar, acoustic guitar, Hohner guitaret, backing vocals, baritone guitar
Harry Koisser – guitar, backing vocals, sequencer, organ, guitar synthesizer, keyboard, lead guitar, rhythm guitar, mellotron, 12-string guitar
Matt Jones – guitar, mellotron flute, string synthesizer, synthesizer, dulcimer, backing vocals, glockenspiel, bass guitar, piano, percussion
Matt Park – electric guitar, 12-string guitar, mandolin, baritone guitar, acoustic guitar
Thom Kirkpatrick – backing vocals, hand claps, guitar
Neil Cowley – piano
Chris Corner – cello, nylon string guitar, backing vocals
Gordon Turner – piano, hammond organ, backing vocals


Label: BMG


Erscheinungsjahr: Pop, Folk


Stil: 2020


Trackliste:

1. Fire (4:15)
2. Statues (3:46)
3. Crazy Shade Of Blue (4:13)
4. The Hudson (5:01)
5. The Human Demands (3:53)
6. We Could Be So Much More (3:57)
7. Young Fire, Old Flame (3:43)
8. Bridges (3:59)
9. Strong Again (4:08)
10. Something In Nothing (3:41)
11. Bridges (acoustic) (3:54)
12. The Hudson (acoustic) (4:39)
13. Fire (acoustic) (4:02)
14. Statues (acoustic) (3:45)
15. We Could Be So Much More (acoustic) (3:54)
16. The Human Demands (acoustic) (3:47)

Gesamtspieldauer: 1:04:44



Irgendwie kann man kaum glauben, dass die Schottin Amy Macdonald wirklich erst 33 Jahre alt sein soll. Nein, nicht vom Aussehen her, doch sie scheint einen schon viel länger musikalisch durch das Leben zu begleiten. Es liegt wohl daran, dass sie ihr erstes, überwältigendes Album mit den Hits „Mr. Rock & Roll“ und dem Titellied „This Is The Life“ schrieb, als sie tatsächlich erst 19 Jahre alt war – und dieses Album wurde im Jahr 2007 veröffentlicht.

Nun ist also das inzwischen fünfte Studioalbum der Amy Elizabeth Macdonald, wie sie mit vollem Namen heißt, erschienen. Man legt die Musik ein beziehungsweise auf und irgendwie ist bereits nach wenigen Takten, allerspätestens jedoch nach zwanzig Sekunden klar, wenn Amy Mcdonald mit „You lit a candle in my heart“ den ersten Satz des Albums singt, dass diese Musik nur von Amy Mcdonald stammen kann. Zu vertraut klingen sowohl die Stimmung des Titels, wie auch dann natürlich die markante und einprägsame Stimme der Schottin.

Musikalisch gesehen ist dies durchaus überraschend. Zum einen hat Amy Mcdonald die Plattenfirma von Universal Music zu BMG gewechselt und zum anderen fungiert nun Jim Abbiss als Produzent, der schon die Arctic Monkeys oder Kasabian produzierte. Doch dieser hat nicht den Fehler gemacht Amy Mcdonald „neu zu erfinden“, sondern die Stärken der Musik der Schottin gibt es auch auf „The Human Demands“ zu hören. Amy Mcdonald klingt weiterhin nach Amy Mcdonald.

Und so hört man auf ihrem fünften Album eine Mischung aus Pop und Folk, die mal sanfter, verträumter klingt wie zum Beispiel beim Lied „Crazy Shade Of Blue“ oder aber poppiger, rhythmischer und auch heller und fröhlicher wie beim folgenden „The Hudson“. Fast schon rockig wird es zumindest phasenweise sogar beim Titel „We Could Be So Much More“. In diesem musikalischen Bereich bewegen sich die Lieder auf „The Human Demands“. Gemein ist dabei allen zehn Titeln des Albums, dass sie eingängig und melodiös klingen, ins Ohr gehen. Meist sogar schon beim ersten Mal des Hörens, spätestens allerdings beim zweiten Durchlauf. Neben dieser Eingängigkeit ist es das Gefühl, welches Amy Mcdonald mit ihrer Musik vermittelt. Die Musik klingt jederzeit bewegend und packend. Inhaltlich geht es auch um das Leben, es geht um das Bewältigen von Krisen, dem Älterwerden, Veränderungen und darum, sich selbst zu hinterfragen.

Mit der Deluxe-Version des Albums erhält man zusätzlich die Lieder „Bridges“, „The Hudson“, „Fire“, „Statues“, „We Could Be So Much More“ sowie „The Human Demands“ in sehr schönen Akustik-Versionen, auf denen Piano und akustische Gitarre sanft den Gesang der Amy Mcdonald begleiten. Dadurch wirken die Lieder sogar nochmals gefühlvoller.

Fazit: Auch auf „The Human Demands“ klingt Amy Mcdonald nach Amy Mcdonald. Auf dem Album hört man jederzeit eingängige Musik, die mit viel Gefühl von der Schottin vorgetragen wird. Schöne Melodien, die ins Ohr gehen. Es fühlt sich gut an, dass es in diesen Zeiten auch noch Bewährtes und Vertrautes gibt, was vom ganzen Chaos um einen herum zumindest etwas ablenkt. Neun Punkte.

Anspieltipps: Crazy Shade Of Blue, Something In Nothing



Samstag, 7. November 2020

Kylie Minogue – Disco




Kylie Minogue – Disco


Label: BMG


Erscheinungsjahr: 2020


Stil: Disco, Pop


Trackliste:

1. Magic (4:11)
2. Miss A Thing (3:56)
3. Real Groove (3:14)
4. Monday Blues (3:09)
5. Supernova (3:17)
6. Say Something (3:33)
7. Last Chance (3:03)
8. I Love It (3:50)
9. Where Does The DJ Go? (3:01)
10. Dance Floor Darling (3:12)
11. Unstoppable (3:34)
12. Celebrate You (3:41)

Gesamtspieldauer: 41:47



Der Name des 15. Studioalbums der Australierin Kylie Minogue ist dieses Mal Programm. Auf „Disco“ hört man tatsächlich Musik, die immer wieder an die Disco-Musik der 70er Jahre erinnert. Am 6. November erschien „Disco“ auf dem Plattenlabel BMG und ist angefüllt mit insgesamt zwölf Titeln, die stilistisch alle in dieselbe Richtung weisen. Tanzbare und eingängige Musik, die nur darauf wartet auch ausgelebt zu werden. „Say Something“ im Juli und „Magic“ im September heißen die beiden bisher daraus veröffentlichten Singles.

Kylie Minogue wollte nach der Veröffentlichung von „Golden“ im Jahr 2018, welches sich musikalisch zwischen Country-Pop und Dance-Pop bewegte, nun ein Album fertigstellen, das ihrer Aussage nach „direkt zurück auf die Tanzfläche führt“. Alle zwölf Titel hat Kylie Minogue mitgeschrieben und das Ergebnis kann sich durchaus hören lassen, wenn man auf tanzbare Musik steht, die gleichzeitig auch ein wenig an frühere Zeiten erinnert.

Es ist diese Mischung aus der Disco-Musik der 70er Jahre und moderner Club-Musik, die auf „Disco“ überzeugt. Alle zwölf Nummern sind tanzbar, gehen dabei zudem schnell ins Ohr – auch wenn sich ein richtiger Ohrwurm nicht unter den Liedern befindet. Doch „Disco“ ist auch solch ein Album, welches mit jedem weiteren Durchlauf noch eingängiger und gewinnender zu werden scheint, mehr Spaß macht. Zudem klingen die einzelnen Nummern fröhlich und optimistisch, verbreiten eine gute Stimmung, was in diesen Zeiten ebenfalls alles andere als selbstverständlich ist.

Fazit: „Disco“ ist ein gut gelauntes und tanzbares Album geworden, welches nur darauf wartet, in den Clubs dieser Welt aufgelegt werden zu können. Man hört darauf eine gelungene Mischung aus Disco- und Club-Musik, welche in die Beine geht. Schwierig dies gerade in dieser Zeit umzusetzen, doch „Disco“ erhöht die Freude nochmals auf eine Welt, in der Corona keine Rolle mehr spielt.

Anspieltipps: Supernova



Donnerstag, 5. November 2020

Various Artists – Kraut!

 



Various Artists – Kraut!




Erscheinungsjahr: 2020


Stil: Jeder


Trackliste:

CD1:

1. Lucifer's Friend - Ride The Sky (2:55)
2. Atlantis - Rock'n'Roll Preacher (3:40)
3. Michael Rother - Flammende Herzen (7:04)
4. Tomorrow's Gift - Ants(2:52)
5. Ikarus - Mesentery (6:11)
6. Cravinkel - Keep On Running (3:42)
7. Silberbart - Chub Chub Cherry (4:27)
8. Novalis - Wer Schmetterlinge Lachen Hört (9:18)
9. Ougenweide - Ouwe (2:34)
10. Ramses - La Leyla (7:31)
11. Jane - Redskin (8:55)
12. Frumpy - How The Gipsy Was Born (8:49)

CD2:

1. A.R. & Machines - Schönes Babylon (Beautiful Babylon) (4:59)
2. Nektar - Desolation Valley (9:03)
3. Eloy - The Light From Deep Darkness (14:41)
4. Galaxy - Supermarket (4:30)
5. Gash - A Young Man's Gash (Part 2) (4:47)
6. Thirsty Moon - Big City (8:32)
7. Percewood's Onagram - Braindrops Won't Kill The Fire (8:51)
8. Missus Beastly - Uncle Sam (5:39)
9. Abacus - Capuccino (4:06)
10. Parzival - Souls Married To The Wind (3:35)

Gesamtspieldauer CD1 (1:08:04) und CD2 (1:08:47): 2:16:51



Das Label Bear Family bringt immer wieder gute und spannende Kompilationen heraus. Im Jahr 2020 unter anderem die Zusammenstellungen Kraut! bis Kraut 4, welche die durch britische und US-amerikanische Musik beeinflusste Musikszene in Deutschland aufarbeitet. Wobei Teil 4 bisher noch nicht erschienen ist.

Denkt man bei Krautmusik eher an Grobschnitt, Jane oder Hoelderlin und Novalis, also an progressive Rockmusik der ausgehenden 60er und 70er Jahre, dann dürfte man beim Hören dieser Kompilation etwas überrascht werden. Die Redakteure der Bear Family haben die deutschen Bands nämlich nicht genrespezifisch zusammengestellt, bei den drei Veröffentlichungen ist man geographisch vorgegangen. Somit befinden sich auf „Kraut!“ jene deutschen Bands der damaligen Zeit, die im Norden der Bundesrepublik beheimatet waren. Die restlichen Veröffentlichungen decken die Mitte und den Süden der Bundesrepublik sowie Berlin ab.

„Kraut!“ stellt also eine Kompilation dar, die sich eine Aufarbeitung der Musikszene in Deutschland zwischen 1968 und 1979 zum Ziel gesetzt hat. Dies wird ergänzt durch ein 98 (!) seitiges Booklet, die den Werdegang jeder vertretenen Band sehr schön und auf den Punkt kommend beleuchtet. Da wurde wahrlich sehr viel Mühe hineingesteckt und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Als Dokument ist diese Zusammenstellung dementsprechend wahrlich eine Bereicherung, musikalisch gesehen macht es einem genau jene Zusammenstellung allerdings sehr schwierig. Durch die Kategorisierung der Musik auf geographischem Wege kommt es zu einem Sammelsurium verschiedenster musikalischer Stile, die von Pop, Folk, Rock, Progressive Rock, Blues bis zum Hard Rock reichen. Das macht das Zuhören leider einigermaßen kompliziert und hat man sich auf ein musikalisches Genre mal eingelassen, kann man sich fast sicher sein, mit dem nächsten Lied wieder aus dieser musikalischen Welt vertrieben zu werden. Trotzdem bleibt „Kraut!“ hörenswert und man ist überrascht, wie groß die Spannbreite war, die deutsche Musik damals abdeckte. Wenn dies also das Ansinnen dieser Zusammenstellung war, dann wurde dies auch allerbestens erfüllt.

Fazit: Die Kompilation ist eine genreunabhängige Zusammenstellung deutscher Musik in den Jahren 1968 bis 1979. Zusammen mit dem ausführlichen Begleittext verschafft dieses Album einen sehr guten Überblick über die musikalische Szene in Deutschland, die auch – anders als zum Beispiel der Schlager – im Ausland Gehör fand. Elf Punkte.

Anspieltipps: Ramses – La Leyla, Frumpy - How The Gipsy Was Born



Dienstag, 3. November 2020

Sigrid & Marina – 20 Hits inklusive 5 neue Titel




Sigrid & Marina – 20 Hits inklusive 5 neue Titel


Besetzung:

Sigrid Hutterer – Gesang
Marina Hutterer – Gesang


Gastmusiker:

Keine weiteren Angaben




Erscheinungsjahr: 2020


Stil: Volkstümlicher Schlager


Trackliste:

1. Ti Amo (3:23)
2. Pure Lust am Leben (2:58)
3. Ich wünsch mir Deine Liebe (3:16)
4. Die Heimat gibt mir Berge (3:32)
5. Meine Nummer 1 (Mix 2020) (3:13)
6. Rendezvous mit einem Vulkan (3:18)
7. Lieder sind wie Freunde (3:13)
8. Aber glücklich bist Du nicht (3:06)
9. Liebesjodler (3:14)
10. Herzen haben keine Fenster (3:43)
11. Francescos freche Augen (3:55)
12. Schubi-dubi-du - Komm tanz' mit mir (3:23)
13. Zwei Senoritas (3:04)
14. Du bist mein Dahoam (3:10)
15. Männer es wird Sommer (2:59)
16. Fang mit mir die Sterne ein (3:02)
17. 1000 kleine Dinge (3:08)
18. Fliege mit mir in den Himmel hinein (3:03)
19. Und geh'n die Lichter aus (3:49)
20. Sigrid & Marina Hitmedley (Musi-Mix) (3:36)

Gesamtspieldauer: 1:06:15



Zwanzig Lieder gibt es auf der CD mit dem etwas sperrigen Namen „20 Hits inklusive 5 neue Titel“ zu hören, die im September 2020 auf dem Label Hofbauer Music veröffentlicht wurde. Alle Lieder bewegen sich dabei innerhalb einer Spieldauer von 2:58 bis 3:55 Minuten. Nicht besonders schlimm, doch nicht nur die Spielzeit ist fast identisch, ebenso sind es auch die Melodien, die sich immer und immer wieder zu wiederholen scheinen.

Die Titel „Ti Amo“, „Ich wünsch mir Deine Liebe“, „Rendezvous mit einem Vulkan“, „Francescos freche Augen“ und „Männer es wird Sommer“ waren bisher noch auf keiner CD der beiden Schwestern vertreten, der Rest stammt von vorherigen Veröffentlichungen. Die Aussage des Albumtitels „20 Hits…“ möchte ich dabei bewusst unkommentiert lassen.

Fazit: Für Freundinnen und Freunde volkstümlicher Klänge sicherlich eine schöne Scheibe, auch wenn diese sich wohl ebenfalls wundern werden über eine Veröffentlichung mit 75% alten Liedern und nur 25% neuem Material. Null Punkte.

Anspieltipps: Schubi-dubi-du - Komm tanz' mit mir – Den Titel musste ich hier einfach schon allein wegen des Namens erwähnen.


 

Sonntag, 1. November 2020

Rick Wakeman – The Red Planet

 



Rick Wakeman – The Red Planet


Besetzung:

Rick Wakeman – keyboards


Gastmusiker:

Dave Colquhoun – guitars
Lee Pomeroy – bass
Ash Soan – drums


Label: Madfish


Erscheinungsjahr: 2020


Stil: Instrumentalmusik, Progressive Rock


Trackliste:

1. Aseraeus Mons (5:53)
2. Tharsis Tholus (6:17)
3. Arsia Mons (6:10)
4. Olympus Mons (5:20)
5. The North Plain (6:53)
6. Pavonis Mons (7:14)
7. South Pole (7:36)
8. Valles Marineris (10:02)

Gesamtspieldauer: 55:28



Wie so oft bereits in der Vergangenheit, so ist auch das achtzehnte Album des Rick Wakeman ein Konzeptalbum geworden. Dieses Mal dreht sich alles um den Mars, wie auch schon der Titel „The Red Planet“ unmissverständlich darlegt. Das Album erschien am 19. Juni 2020 auf dem Plattenlabel Madfish und ist, ebenfalls nicht sehr überraschend, ein Instrumentalalbum geworden.

Nun, Rick Wakeman erfindet weder die Musik allgemein, noch seine Musik auf „The Red Planet“ neu. Man hört hier solide gemachte und natürlich sehr Keyboard-lastige Musik, die zwischen Bombast und ganz feinen Schattierungen hin- und herpendelt. Für die rockige Untermalung sorgt dabei The English Rockensemble mit der klassischen Besetzung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug. Gemein ist allen Liedern auf dem Album, dass sie sehr eingängig sind, melodiös klingen und dementsprechend auch gut ins Ohr gehen. Gute Unterhaltung eben, für die Rick Wakeman gerade auch zu Beginn seiner Karriere mit seinen Solo-Alben über die sechs Frauen des Heinrich VIII, der Reise zum Mittelpunkt der Erde oder den Mythen und Legenden von King Arthur und seinen Rittern der Tafelrunde stand.

Wenn man diese Alben mag und solche Musik von Rick Wakeman hören möchte, dann wird man von „The Red Planet“ sicherlich auch eingenommen sein. Erwartet man allerdings etwas Neues…. Nun, das hatten wir schon. Somit ist „The Red Planet“ alles andere als ein schlechtes Album geworden und besitzt seine Höhepunkte im bombastisch und an mancher Stelle fast schon sakral klingendem „Aseraeus Mons“. Ein sehr schöner Einstieg in diese Scheibe. Ebenso gelungen ist der Abschluss der Platte. „Valles Marineris“ beginnt mit dramatisch klingender Rhythmusfraktion und steigert sich spannend, abwechslungsreich und erneut eingängig, bis sich weitere musikalische Themen anschließen, die eine Spannbreite von Sphäre bis Rock darstellen.

Und dazwischen? Alles gut gemachte Instrumentalnummern, die sofort ins Ohr gehen, ohne großen Anlauf zu benötigen. Wenn man hier allerdings nicht besonders aufpasst, laufen viele der Lieder des Albums einfach so durch. Dieses Besondere, das Außergewöhnliche, was Musik manchmal glücklicherweise innewohnt, einen aufhorchen lässt und was sich fest ins musikalische Gedächtnis eingräbt, das hört man dort weniger – oder ich finde es nur nicht.

Noch kurz ein paar Worte zum beiliegenden Booklet. Hier sind einige Fotos enthalten, die selbstverständlich den Mars aus verschiedenen Perspektiven zeigen, vor allem bestimmte Oberflächenstrukturen. Alle bisherigen Marsmissionen sind aufgeführt, die Satelliten und die entsprechenden Landefahrzeuge ebenfalls mit Fotos hinterlegt. Hier hat sich Rick Wakeman viel Mühe gegeben, um dieses „Mars-Gefühl“ nicht nur musikalisch zu vermitteln.

Fazit: Rick Wakeman Fans werden begeistert sein. Und ich gebe zu, ich freue mich auch immer wieder, etwas von den Begleitern meiner Jugend zu hören. Objektiv betrachtet ist „The Red Planet“ allerdings kein geniales Werk mehr, denn irgendwie war das alles schon mal da – auch von Rick Wakeman. Trotzdem ist „The Red Planet“ eine lohnende Scheibe, die unterhält. Es kann ja auch nicht immer ein Meisterwerk wie „Close To The Edge“ von Yes sein, an dem Rick Wakeman einen maßgeblichen Anteil hatte. Neun Punkte.

Anspieltipps: Aseraeus Mons, Valles Marineris



Samstag, 31. Oktober 2020

Einstürzende Neubauten – Alles In Allem

 



Einstürzende Neubauten – Alles In Allem


Besetzung:

Blixa Bargeld
Alexander Hacke
N.U. Unruh
Jochen Arbeit
Rudolf Moser




Erscheinungsjahr: 2020


Stil: Independent Rock


Trackliste:

1. Ten Grand Goldie (5:22)
2. Am Landwehrkanal (3:03)
3. Möbliertes Lied (4:29)
4. Zivilisatorisches Missgeschick (4:01)
5. Taschen (4:43)
6. Seven Screws (3:55)
7. Alles in Allem (4:17)
8. Grazer Damm (6:26)
9. Wedding (4:26)
10. Tempelhof (3:24)

Gesamtspieldauer: 44:09



Im Jahr 2020 und mit ihrem zwölften Studioalbum mit dem Titel „Alles In Allem“ klingen die Einstürzenden Neubauten, die früher experimentell und auch etwas schräg geklungen haben, deutlich melodischer und eingängiger. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Berliner Band im Mainstream angekommen wäre oder gar anbiedernd beziehungsweise alltäglich auf ihrem am 15. Mai 2020 auf dem Plattenlabel Potomak erschienen Album klingen würde. Dies ganz bestimmt nicht, denn diese eher „ungewöhnlichen“ Stellen, die gibt es auch noch auf „Alles In Allem“.

„Alles In Allem“ ist eine Hommage an Berlin, sehr viele der Lieder handeln von oder über die Heimatstadt der Einstürzenden Neubauten, wie man schon an den Titeln sehen kann. Da geht es um Eindrücke, um Atmosphären, die man in bestimmten Bezirken zu gewinnen oder aber zu spüren scheint. Schließlich wird sogar eine Brücke geschlagen zur Geschichte in dieser Stadt. In diesem Fall zu Rosa Luxemburg, die am Landwehrkanal ermordet wurde.

Musikalisch gesehen fällt, wie bereits erwähnt, „Alles In Allem“ sehr viel eingängiger als frühere Werke der Band um Blixa Bargeld aus. Der wirklich experimentelle Ansatz in der Musik der Einstürzenden Neubauten, den findet man lediglich noch im Titel mit dem passenden Namen „Zivilisatorisches Missgeschick“, auf dem man sogar Gollum vermuten könnte. Ansonsten gehen viele der Lieder schnell ins Ohr und die Musik lebt von der irgendwie verwunschen, manchmal verschwörerisch klingenden Stimme des Blixa Bargeld.

Spannende Musik, die mit den Liedern „Taschen“ sowie dem Titellied „Alles in Allem“ ihre Höhepunkte hat. Gerade diese beiden Nummern bleiben schon beim ersten Mal des Hörens hängen und hallen auch längerfristig nach.

Fazit: Die Einstürzenden Neubauten haben sich über vier Jahrzehnte musikalisch verändert. Es wäre auch schade, wenn dem nicht so wäre. Auf „Alles in Allem“ hört man nun mehr die melancholische und melodische Seite der Band. Das klingt niemals nach Mainstream, sehr viel eher hört sich diese Musik anders an, verwunschen, besonders. Für alle, die Etwas, die dieses „Andere“ in der Musik suchen. Zehn Punkte.

Anspieltipps: Taschen, Alles in Allem



Freitag, 30. Oktober 2020

The Flower Kings – Islands

 



The Flower Kings – Islands


Besetzung:

Roine Stolt – vocals, ukulele, guitars, additional keyboards
Hasse Fröberg – vocals & acoustic guitar
Jonas Reingold – bass, acoustic guitar
Zach Kamins – pianos, organ, synthesizers, mellotron, orchestrations
Mirko DeMaio – drums, percussion


Gastmusiker:

Guest: Rob Townsend – soprano saxophone




Erscheinungsjahr: 2020


Stil: Progressive Rock


Trackliste:

CD1:

1. Racing With Blinders On (4:33)
2. From The Ground (4:10)
3. Black Swan (5:57)
4. Morning News (4:06)
5. Broken (6:48)
6. Goodbye Outrage (2:24)
7. Journeyman (1:49)
8. Tangerine (4:12)
9. Solaris (9:31)
10. Heart Of The Valley (4:41)
11. Man In A Two Peace Suit (3:28)

CD2:

1. All I Need Is Love (5:53)
2. A New Species (5:56)
3. Northern Lights (5:45)
4. Hidden Angles (0:52)
5. Serpentine (3:52)
6. Looking For Answers (4:45)
7. Telescope (4:52)
8. Fool’s Gold (3:18)
9. Between Hope & Fear (4:42)
10. Islands (4:15)

Gesamtspieldauer CD1 (51:44) und CD2 (44:14): 1:35:58



Wenn nun am 30. Oktober das vierzehnte Studioalbum der schwedischen Progressive Rock Band The Flower Kings auf dem Plattenlabel InsideOut Music erscheint, dann ist das durchaus etwas Besonderes. Bisher hatte man immer nur von Bands oder Sängerinnen und Sängern gehört, die die Veröffentlichung ihres neuen Werkes nach hinten geschoben haben. Ganz anders die Flower Kings um Roine Stolt. Der sagt dazu:

„Alle Shows und Festivals wurden abgesagt, und die Zukunft hat sich nicht wirklich so „entfaltet“, wie wir gehofft hatten. Die Pandemie ohne Aktivitäten auszusitzen, war für uns keine Option! Wir können nicht von einem bösen Virus aufgehalten werden! Mit Mitgliedern, die in den USA, Italien, Österreich und Schweden leben, bestand die einzige Möglichkeit dieses Album zu realisieren darin, die Magie des Netzes zu nutzen, Dateien rund um den Globus zu verschicken und mit dem Aufbau eines Doppelalbums in Mammutgröße mit 21 Songs zu beginnen.“

„Islands“ ist ein Konzeptalbum, auf dem inhaltlich die derzeitige Pandemie durchaus eine große Rolle spielt. Es geht um Isolation, Verlust und die Ängste davor, getrennt zu werden. Alles Punkte, die fast jeder Mensch auf dieser Erde gerade mehr oder weniger spüren wird. „Musikalisch gesehen“, sagt Roine Stolt „bestand das Ziel darin, aus 21 Liedern ein größeres großes episches Stück zu schaffen.“ Und weiter „So wie „Sgt Peppers Lonely Hearts Club Band“ oder „The Lamb Lies Down On Broadway“ auf kürzeren Liedern aufgebaut, aber dennoch miteinander verbunden sind.“ „Islands“ wäre demnach darauf zugeschnitten, „als ein einziges Stück gehört zu werden - wie eine filmische 90 Minuten lange Fahrt“.

Nun, eine musikalische Reise ist „Islands“ tatsächlich geworden. Und es ist definitiv eines jener Alben, die es lohnt öfters gehört zu werden, denn die Musik wächst mit jedem weiteren Durchlauf im Ohr. 21, für die Flower Kings eher kürzere Stücke – lediglich das Lied „Solaris“ kratzt etwas an der Zehn-Minuten Grenze – sorgen für jede Menge Abwechslung auf dem Album, welches immer wieder mit neuen Melodien und atmosphärisch gelungenen Stimmungen aufwartet. Langeweile kommt da definitiv nicht auf.

Auf „Islands“ gibt es schöne und eingängige Melodien zu entdecken. Dazu haben die Flower Kings bezüglich der weiteren musikalischen Ingredienzien aus dem Vollen geschöpft. Mal klingt es rockiger, mal sanfter. Unterschiedliche Stimmen kommen beim Gesang zum Einsatz, doch es gibt auch Instrumentalstücke. Mal ist die Atmosphäre eines Liedes rockig, mit dem nächsten Titel klingt alles dagegen wieder sehr sphärisch. Treibende Rhythmen folgen einem bedächtigen Rhythmus, eine rockige Instrumentierung der orchestralen – und umgekehrt.

Der Anspruch des Roine Stolt und seiner Mitmusiker, aus 21 Liedern ein großes Ganzes werden zu lassen ist dabei durchaus gelungen. Trotz der vielen Lieder, die ein ganzes Doppelalbum füllen, klingt dieses vierzehnte Werk der Flower Kings wie eine Einheit, bei der sich die einzelnen Titel sehr gut ergänzen. Von daher lohnt es wirklich das Album in einem durchzuhören, um noch besser in diese Musik eintauchen zu können.

Und zum Schluss noch ein paar abschließende Worte zum Cover. Ein Roger Dean Cover. Neben den Covern von Storm Thorgerson für mich die schönsten Plattenhüllen überhaupt und ganz speziell für diese Art der Musik. Irgendwie taucht man damit bereits optisch in eine andere Welt ein, die dann klanglich wunderschön untermalt wird.

Fazit: Ich fand auch den Vorgänger „Waiting For Miracles“ aus dem letzten Jahr wieder sehr gelungen, nachdem zuvor etwas durchschnittlichere Alben der Flower Kings erschienen waren. Was hat sich also gegenüber dieser letztjährigen Scheibe in der Musik der Flower Kings geändert? Nun, die einzelnen Lieder hatten im Durchschnitt eine längere Laufzeit. Gab es darauf häufig einen Stimmungswechsel im Lied selbst, so wird dieser hier durch einen Moment der Ruhe, nach dem Ausklingen des einen und mit dem Anklingen des nächsten Liedes eingeleitet. Ansonsten bleibt die Musik der Flower Kings auch auf „Islands“ eingängig, spannend und abwechslungsreich. Es macht wieder Spaß den Flower Kings zuzuhören. Elf Punkte.

Anspieltipps: From The Ground, Morning News, Between Hope & Fear



Donnerstag, 29. Oktober 2020

Die Ärzte – Hell




Die Ärzte – Hell


Besetzung:

Farin Urlaub – Gizarre, Keyboards, Gesang
Bela B. – Schlagzeug, Gesang
Rodrigo González – Bass, Gesang


Gastmusiker:

Heinz Strunk – Querflöte
Chris Lippert – Glocken
Peter Hinderthür – Streicher Arrangement
Jérôme Bugnon – Posaune
Johannes Böhmer – Trompete
Uli Kempendorff – Tenor-Saxophon




Erscheinungsjahr: 2020


Stil: Rock


Trackliste:

1. E.V.J.M.F. (1:43)
2. Plan B (3:18)
3. Achtung: Bielefeld (3:33)
4. Warum spricht niemand über Gitarristen (3:22)
5. Morgens Pauken (4:04)
6. Das letzte Lied des Sommers (3:19)
7. Clown aus dem Hospiz (3:05)
8. Ich, am Strand (4:21)
9. True Romance (2:50)
10. Einmal ein Bier (1:59)
11. Wer verliert, hat schon verloren (4:01)
12. Polyester (4:08)
13. Fexxo Cifol (3:45)
14. Liebe gegen Rechts (2:21)
15. Alle auf Brille (3:29)
16. Thor (2:28)
17. Leben vor dem Tod (4:05)
18. Woodburger (4:16)

Gesamtspieldauer: 1:01:03



Es ist jetzt tatsächlich schon achteinhalb Jahre her, dass die Ärzte mit „Auch“ im April 2012 ihre Fans mit einem neuen Studioalbum beglückten. Jetzt im Oktober 2020, als die Welt eine völlig andere zu sein scheint als noch vor einem Jahr, erscheint mit „Hell“ das offiziell dreizehnte Studioalbum der Berliner Band um Farin Urlaub, Bela B. und Rodrigo González. Und eines lässt sich beim Hören sofort feststellen, das Warten hat sich gelohnt.

Was ich bei den Ärzten schon immer liebte, das ist ihr Gespür für tolle, eindeutige und oft auch humorvolle Texte in Verbindung mit guten Melodien, die ohne große Umwege auch ins Ohr gehen. Und genau das bekommt man auch auf dem neuen Album geboten. „Hell“ rockt überwiegend und verbreitet eine gute und optimistische Stimmung. Die Musik ist dabei eindeutig als jene der Ärzte zu erkennen, denn die Band erkennt man auch auf „Hell“ mit jedem Takt und Akkord.

Musikalisch spielt sich das Ganze irgendwo zwischen Punk, Rock, Pop und solch einem Lied wie „Leben vor dem Tod“ ab, welches man wohl am besten mit dem Genre Kammer-Pop umschreibt – wozu nicht nur die Streicher beitragen. Einfach wunderschön und es trägt auch dieses Stück mit zur Vielfalt und Abwechslung auf „Hell“ bei. Doch der größte Fokus des Albums liegt durchaus auf dem Rock, der immer wieder zum Mitwippen animiert. Dazu diese genialen Texte, die mehrmals die Rechten auflaufen lassen, Langweile mit dem „armen“ Bielefeld gleichsetzen ohne diese Stadt im Lied selbst überhaupt zu erwähnen. Typischen Humor der Ärzte bekommt man auch bei den Titeln „Warum spricht niemand über Gitarristen“ oder „True Romance“ dargeboten. Doch es ist eben nicht nur alles Ironie, was die Ärzte ihren Hörerinnen und Hörern erzählen beziehungsweise vorsingen. Auch Aleppo findet Erwähnung oder aber die Geschichte eines gescheiterten Lebens beim Lied „Ich, am Strand“.

Das Zuhören macht Spaß. Abwechslungsreiche Musik, intelligente und oft humorvolle Texte, so lässt sich „Hell“ ganz einfach umschreiben. Und somit wird sicher jede und jeder seine eigenen Lieblingslieder auf „Hell“ finden. In meinem Fall wären dies auch als Anspieltipps die Lieder „Warum spricht niemand über Gitarristen“, „Wer verliert, hat schon verloren“ sowie das bereits erwähnte „Leben vor dem Tod“.

Kurz noch ein Wort zur Aufmachung der CD. Auch da hat sich die Band sehr viel Mühe gegeben. Ein Hardcover-Buch mit einem 64 Seiten dicken Booklet, da macht das Zuhören während des Blätterns nochmal mehr Spaß.

Fazit: „Hell“ ist ein Album ganz in der Tradition der Ärzte geworden. Da klingt es mal leicht punkig und rau, dann wieder umspielen wunderschöne Melodien das Ohr der Hörerin beziehungsweise des Hörers. Dazu gesellt sich eine gehörige Prise Humor in den Texten und die drei Musiker greifen auch seriöse und traurige Themen auf. Sehr abwechslungsreich. Zehn Punkte.

Anspieltipps: Warum spricht niemand über Gitarristen, Wer verliert hat schon verloren, Leben vor dem Tod



Dienstag, 27. Oktober 2020

Bruce Springsteen – Letter To You




Bruce Springsteen – Letter To You


Besetzung:

Bruce Springsteen – guitar, vocals, harmonica


Gastmusiker:

Roy Bittan – piano, vocals
Jake Clemons – saxophone
Charles Giordano – organ, vocals
Nils Lofgren – guitar, vocals
Patti Scialfa – vocals
Garry Tallent – bass guitar, vocals
Steven Van Zandt – guitar, vocals
Max Weinberg – drums, vocals




Erscheinungsjahr: 2020


Stil: Rock


Trackliste:

1. One Minute You’re Here (2:57)
2. Letter To You (4:55)
3. Burnin’ Train (4:03)
4. Janey Needs A Shooter (6:49)
5. Last Man Standing (4:05)
6. The Power Of Prayer (3:36)
7. House Of A Thousand Guitars (4:30)
8. Rainmaker (4:56)
9. If I Was The Priest (6:50)
10. Ghosts (5:54)
11. Song For Orphans (6:13)
12. I’ll See You In My Dreams (3:29)

Gesamtspieldauer: 58:24



Wenn Musiker, die mich bereits das ganze Leben lang begleiten wieder ein neues Album veröffentlichen, dann ist das immer etwas sehr Besonderes für mich. In Zeiten von Corona scheint dies nochmals mehr zuzutreffen, da es doch noch etwas Beständiges gibt, während um einen herum die Welt völlig verrückt spielt und eben nichts mehr so ist, wie es mal war. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich vom neuen Bruce Springsteen Album und seiner baldigen Veröffentlichung gehört habe.

„Letter To You“ ist bereits das zwanzigste Studioalbum des US-amerikanischen Musikers seit seinem Debut-Album „Greetings from Asbury Park, N.J.“ aus dem Jahr 1973. Gleichzeitig ist es das erste Album seit 2014, welches er wieder mit seine langjährigen Begleitband, der E Street Band einspielte. Bei seiner letztjährigen Veröffentlichung „Western Stars“ hatte Bruce Springsteen noch alle Instrumente selbst eingespielt und dieses Album war inspiriert vom Southern California Pop der späten sechziger und frühen siebziger Jahre gewesen. Jetzt sollte es also wieder rockiger klingen.

Kurz noch etwas zur Entstehung und zum Inhalt des Albums. Im November 2019 lud Bruce Springsteen die E Street Band zu sich in sein Heimatstudio ein und hatte fünf Tage dafür geplant, die zwölf Lieder einzuspielen. Nach vier Tagen waren bereits alle Aufnahmen getätigt. Das Besondere an „Letter To You“ ist dabei, dass „es das einzige Album ist, auf dem die ganze Band gleichzeitig spielt, mit dem ganzen Gesang und alles komplett live“ wie Bruce Springsteen selbst sagt. Inhaltlich handelt „Letter To You“ von Musik, von seiner Musik. Hierzu sagt Bruce Springsteen: „Die Platte ist die erste Platte, die ich gemacht habe, bei der das Thema die Musik selbst ist. Es geht um populäre Musik. Es geht darum, in einer Rockband zu sein, im Wandel der Zeit. Und es ist auch ein direktes Gespräch zwischen mir und meinen Fans, auf einem Niveau, welches sie, wie ich glaube, über die Jahre hinweg erwartet haben.“ Die drei Lieder „If I Was The Priest“, „Janey Needs A Shooter“ und „Song For Orphans“ hatte Bruce Springsteen übrigens sogar schon vor seinem bereits erwähnten ersten Album „Greetings from Asbury Park, N.J.“ geschrieben. „Janey Needs A Shooter“ und „Song For Orphans“ befinden sich dabei bereits in leicht abgewandelter Form auf einem Kompilationsalbum. Das Lied „If I Was The Priest“ war bisher noch nie von Bruce Springsteen zu hören, wurde aber bereits von Allan Clarke von den Hollies gecovert.

Nun also zur Musik auf „Letter To You“. Dort hört man erneut Rock, für den Bruce Springsteen schon lange stand und immer noch steht. Und dieser Rock klingt auf seinem neuen Album häufig melancholisch und sentimental und bewegt das ein ums andere Mal. Die Musik ist dabei immer als jene des Bruce Springsteen zu erkennen – und das nicht nur aufgrund des Gesanges. Von daher werden sicherlich die meisten Fans der Musik des „Bosses“ „Letter To You“ gerne hören.

Die Lieder gehen schnell ins Ohr und rühren irgendwie an. Gleich die ersten beiden Nummern geben einen ganz guten Überblick, in welchem Rahmen sich die Musik auf „Letter To You“ bewegt. Da ist zum einen der Opener „One Minute You’re Here“, ein sehr sanftes Lied, zunächst lediglich mit akustischer Gitarre instrumentiert, zu der Bruce Springsteen sehr nachdenklich, fast schon traurig singt. Eine wunderschöne Nummer, die den eigenen Blues befördert. Es folgt das Titellied „Letter To You“. Jetzt wird die Musik deutlich rockiger, sie groovt gut, der Fuß wippt fast automatisch mit. Trotzdem schwebt auch über diesem Lied eine gewisse Melancholie. Mit „Burnin’ Train“ bleibt es anschließend rockig und ein treibender Rhythmus lässt das Lied nach vorne preschen. Die folgenden Titel „Janey Needs A Shooter“ und „Last Man Standing“ spielen sich dann wieder in etwas sanfteren musikalischen Gefilden ab.

Und so reiht sich Lied an Lied, mal rockiger, mal ruhiger gehalten, auch mal im Mid-Tempo spielend und oftmals kommen beim Hören Erinnerungen an frühere Lieder von Bruce Springsteen auf. Doch keineswegs ist es so, dass sich der Musiker hier wiederholen würde. Doch seine Musik verfügt über einen gewissen Sound, eine ganz spezielle Atmosphäre, die ein irgendwie vertrautes Gefühl vermittelt. Und das ist etwas ganz Besonderes und sehr Schönes.

Fazit: „Letter To You“ ist ein schönes und überzeugendes Album geworden. Ein Album randvoll mit Bruce Springsteen Musik, die auch genau so klingt. Bruce Springsteen wurde am 23. September 71 Jahre alt. Hoffentlich hat er noch lange so viel Spaß daran Musik zu komponieren und auf Platte zu pressen. Ich würde mich sehr freuen. Neun Punkte.

Anspieltipps: House Of A Thousand Guitars, If I Was The Priest



Sonntag, 25. Oktober 2020

Blur – Leisure




Blur – Leisure


Besetzung:

Damon Albarn – lead vocals, keyboards
Graham Coxon – guitars, backing vocals
Alex James – bass
Dave Rowntree – drums, percussion




Erscheinungsjahr: 1991


Stil: Alternative Rock


Trackliste:

1. She‘s So High (4:44)
2. Bang (3:37)
3. Slow Down (3:11)
4. Repetition (5:25)
5. Bad Day (4:24)
6. Sing (6:00)
7. There‘s No Other Way (3:23)
8. Fool (3:15)
9. Come Together (3:52)
10. High Cool (3:37)
11. Birthday (3:50)
12. Wear Me Down (4:49)

Gesamtspieldauer: 50:14



„Leisure“ heißt das erste Studioalbum der englischen Rockband Blur. Das Album erschien am 26. August 1991 auf dem Plattenlabel Food Records und klingt insgesamt noch sehr rau und roh und erhielt bei den Kritikern eher gemischte Kritiken. Selbst Sänger Damon Albarn beschreibt das Album in einem Interview aus dem Jahr 2007 mit „schrecklich“ und betitelt es neben „The Great Escape“ als eine der schlechtesten Platten, die Blur gemacht hätten.

Nun, „Leisure“ klingt alles andere, als das Plattencover vielleicht vermitteln würde. Auf der Scheibe hört man Alternative Rock, rau und ungeschliffen, ab und an fast an Punk erinnernd. Die Melodien gehen dabei nicht unbedingt ins Ohr – auch nicht nach dem mehrmaligen Hören der Platte. An manchen Stellen klingt das Album Platte ein wenig so, als ob man hier Musik der Beatles mit stark verzerrten Gitarren hört. Von daher sind die Melodien durchaus vorhanden, doch sie werden nie richtig ausgebaut.

Höhepunkt des Albums ist das Lied „Sing“, welches nun doch mit einer gewissen Eingängigkeit aufwarten kann und dabei eine sehr psychedelische Atmosphäre vermittelt. Sehr repetitiv und manchmal fast monoton klingend, wird es der Hörerin und dem Hörer leicht gemacht in diese Nummer einzusteigen und sich darin zu verlieren. Das klingt leicht hypnotisierend und anders, als der Rest auf „Leisure“ – angenehm anders.

Die Lieder „She‘s So High“, „There‘s No Other Way“ und „Bang“ wurden als Singles ausgekoppelt. Auf späteren Konzerten waren es schließlich lediglich die Titel „She‘s So High“ und „There‘s No Other Way“, die den Einzug in die Set-Liste schafften und somit auch öfters live gespielt wurden.

Fazit: Ein noch relativ durchwachsenes Album ist „Leisure“ von Blur geworden. Richtig überzeugend klingt das noch nicht. Die Musik hört sich eher rau und roh an, die Melodien zünden noch nicht und setzen sich dementsprechend auch nicht im Ohr fest. Insgesamt ein eher durchwachsener Start. Acht Punkte.

Anspieltipps: Sing, Fool